Vom Frust an der Kirchenorgel

Organist spielt an einer Orgel

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Organist spielt an einer Orgel in einer Kirche.

Wenn ein Brautpaar wünscht, dass beim Einzug in die Kirche die "Bonanza"-Titelmusik auf der Orgel gespielt wird, oder Trauernde bei einer Beerdigung den DJ-Ötzi-Song "Ein Stern, der deinen Namen trägt" einfordern, dann tritt so mancher Organist in den Streik. Oder er klagt sein Leid in einer Gruppe von Kirchenmusikern auf Facebook.

"Zwei Jahre lang jede Woche das Hallelujah von Helene Fischer, jetzt reicht es, ich verweigere konsequent diese entsetzlichen Anfragen", schreibt einer. Andere erzählen, dass sie mit Familienmitgliedern, die selbst singen wollen, Proben abhalten sollen, oder dass man ziemlich respektlos Dinge anmerkt wie: "Zu diesem Lied brauchen Sie nicht zu spielen, ich habe meine Gitarre dabei."

Hubertus Böer (53) aus dem niedersächsischen Dorf Steinbergen lacht, als er von solchem Organisten-Frust hört. Hauptberuflich ist er Bausachverständiger, sein "Brotberuf", wie er sagt. Im Nebenamt aber arbeitet er ebenfalls als Organist, seit über 30 Jahren, abwechselnd in fast allen Gemeinden zwischen Hameln und dem Steinhuder Meer. "Solche Konflikte gibt es schon lange", sagt er. "Auf der einen Seite sind da wir Organisten. Wir haben eine Ausbildung gemacht, komponieren gelernt, uns mit Theologie beschäftigt, wir sind Kirchenmusiker. Auf der anderen Seite kommen Menschen, die uns in erster Linie als Dienstleister für ihre besonderen Lebensmomente sehen."

Er kenne Kollegen, die auf die Frage, was ihnen ihre Arbeit bedeute, antworten, dass sie "zur Ehre Gottes" musizieren. In der Nachbarstadt habe sich vor Jahren ein Organist geweigert, auch nur das Lied "Der Mond ist aufgegangen" zu spielen. Zu kirchenfern. Manche ertrügen kaum, wenn fremdsprachige Kirchenlieder gesungen würden, geschweige denn Popsongs oder überhaupt Musik, die man nicht eindeutig als "geistlich" einstufen könne. "Aber wir sind eben auch diese Dienstleister", sagt er. "Wir dienen der Kirche und dazu den Menschen, deren Hochzeiten oder Beerdigungen wir musikalisch begleiten."

Er selbst sieht die Sache mit den besonderen Musikwünschen ganz gelassen. "Solange die Musik nicht gerade von der Gruppe 'Unheilig' kommt, bin ich offen für alles", sagt er. Das letzte Wort darüber, was geht und was nicht geht, das habe allerdings der jeweilige Pastor, der eigentliche Herr über den Ablauf des Gottesdienstes. Und da sieht es, zum Kummer mancher Organisten, so aus, als seien die meisten Pfarrer und Pfarrerinnen ähnlich aufgeschlossen, wie zum Beispiel Heiko Buitkamp von der Jakobi-Kirche in Rinteln.

"Für mich ist wichtig, dass die Musik zur Person passt, um die es dabei geht", sagt Buitkamp. "In unserer Gemeinde ist das auch einfach umzusetzen, wir sind verwöhnt mit einer Organistin, die fast alles möglich macht." Er gibt aber sofort zu, dass die Pastoren bei ihrer Gottesdienst-Regie oft nicht all zu viel Rücksicht nehmen auf die Befindlichkeit der Organisten. "Man nimmt es als selbstverständlich hin, dass die Organisten immer zur Verfügung stehen, auch dann, wenn man ihnen erst in letzter Sekunde darüber Bescheid gibt, was für Lieder in einem Gottesdienst an der Reihe sind."

"Viele Popstücke ermöglichen spirituelle Anknüpfungen"

Was nun Gesänge betrifft, die in keinem Gesangbuch stehen, und Musikrichtungen, die nicht zum Standard-Repertoire von Organisten gehören, da gäbe es in der Tat grundsätzliche Probleme, sagt dazu Hans-Joachim Rolf, Landeskirchenmusikdirektor am Michaeliskloster in Hildesheim und Ausbilder von Organisten. "Abgesehen von 'ideologischen' Fragen lässt sich Popularmusik oft gar nicht angemessen auf der Orgel darstellen. Und wer meint, dann könne diese Musik eben einfach vom Band kommen, vergisst, dass man dafür auch eine wirklich gute Anlage braucht, wenn es nicht kümmerlich klingen soll." Das Kirchenrecht sähe eine Zusammenarbeit von Pfarrer und Organist vor und gegenseitige Absprachen. "Der Frust entsteht vor allem dann, wenn der eine über den Kopf des anderen hinweg entscheidet."

Er gehört, wie sehr viele Organisten, zu denjenigen, die bereits im Teenageralter Gottesdienste an der Orgel begleiteten. "Damals - ich bin 1960 geboren - gab es solche Auseinandersetzungen allerdings kaum. Es kam einfach niemand auf die Idee, ungewöhnliche Musikwünsche auszusprechen." Inzwischen habe man erkannt, dass man eigentlich alles irgendwie einbringen kann, wenn man es nur entsprechend kommuniziert, sowohl mit der Gemeinde als auch mit dem Organisten. "Viele Popstücke ermöglichen spirituelle Anknüpfungen. Worauf es ankommt ist, das auf eine gute Weise zu vermitteln."

Extrawünsche kosten Geld

Es gäbe da allerdings eine Sache, um die sich die Pfarrer leider gerne drücken, nämlich mit den Angehörigen eines Verstorbenen oder mit einem Brautpaar darüber zu sprechen, dass Sonderwünsche auch gesondert bezahlt werden müssen, und zwar von ihnen. Zu über 90 Prozent sind Organisten nur mit wenigen Wochenstunden angestellt oder arbeiten auf Vertretungsbasis. Für ihren Dienst erhalten sie eine pauschale Vergütung, die nur einen "üblichen" Zeitaufwand berücksichtigt. Das Bezahlen kommt vor allem bei Beerdigungen zum Tragen. Friedhofskapellen befinden sich fast immer in städtischer, nicht in kirchlicher Hand. Wer einen Musiker engagiert, muss mit ihm das Honorar aushandeln.

"Genau das wissen die meisten Menschen gar nicht", meint dazu Hubertus Böer. "Sie glauben, dass mit ihrer Kirchensteuer auch alle Extrawünsche abgegolten sind. Und sie denken sich: Das sind doch Musiker, die können sowieso alles und brauchten nicht erst zu üben." Man müsse einem "Kunden" erläutern, was für Arbeit mit gewissen Wünschen verbunden ist. "Zum Beispiel, wenn jemand eine Solistin kennt, die man an der Orgel begleiten soll. Dafür sind ja Proben nötig, Autofahrten auch, oftmals das umständliche Beschaffen der Noten." Manche Organisten seien auch deshalb frustriert, weil sie nicht zu sagen wagen: Leistung nur gegen Geld. "Meine Frau hat mich schon manchmal gefragt, ob es mir nicht peinlich wäre, um das Honorar zu feilschen", sagt Hubertus Böer. "Ich antworte dann immer: Nein, ich habe eine Familie zu ernähren."

Gudrun Strahte, ehrenamtliche Organistin im Landkreis Schaumburg an der Klosterkirche Möllenbeck (ansonsten Bio-Landwirtin) kann das verstehen. "Ich allerdings übe kostenlos mit Kindern, die singen oder Flöte spielen wollen", sagt sie. "Ja, die Gefahr besteht, dass ich damit die Preise kaputt mache. Aber mir macht es eben Spaß, neue Leute und neue Musik kennenzulernen. Wir haben so viele kirchenferne Menschen, soll ich sie da zurückstoßen, wenn sie sich an uns wenden?"

Die Bedürfnisse der Gemeinde befriedigen

Solche Organisten-Klagen wie diejenigen, die manchmal in der Kirchenmusik-Gruppe auf Facebook auftauchen, die hat sie schon häufig auch in ihrem Umfeld gehört. "Ich glaube, wer sich als hauptsächlich als Künstler sieht, der wird oft Grund zur Unzufriedenheit haben. Ich sehe es so, dass es bei unserer Tätigkeit um die Bedürfnisse der Gemeinde geht. Und die zu erfüllen, das hat für mich etwas sehr Befriedigendes. Ich denke nicht daran, ob die Musik auch meinem Niveau entspricht, ich freue mich einfach, wenn die Menschen nachher sagen: O, Sie haben ja so schön gespielt!"