"Die Toten Hosen" spielten beim Festival für Demokratie in Jamel

"Die Toten Hosen" spielten beim Festival für Demokratie in Jamel
Neonazi-Gegner Lohmeyer für Zivilcourage ausgezeichnet
Mit einem Besucherrekord ist das nichtkommerzielle Forstrock-Festival für Demokratie und Toleranz der Neonazi-Gegner Birgit und Horst Lohmeyer am Samstag in Mecklenburg-Vorpommern zu Ende gegangen.

Gut zwei Wochen nach einem Brandanschlag kamen an beiden Festival-Tagen nach Angaben der Organisatoren insgesamt rund 1.400 Besucher in das Dorf Jamel bei Wismar. Im Vorjahr waren es 650. Als Überraschungsgäste gaben "Die Toten Hosen" am Samstag ein einstündiges Konzert.

Zuvor hatte die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) ihren mit 10.000 Euro dotierten Georg-Leber-Preis für Zivilcourage an das Künstlerpaar Lohmeyer übergeben. Auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering und die Schweriner Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (alle SPD) besuchten das Festival.

Campino: "Sie sind nicht alleine"

Sänger Campino sagte, die "Toten Hosen" wollten mit ihrem Auftritt dem Ehepaar Lohmeyer ihren Respekt und ihre Hochachtung dafür ausdrücken, dass sie sich von Rechtsextremisten nicht wegdrängen ließen. Die Musiker wollten allen Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren, Mut machen, "dass sie nicht alleine sind".

IG-Bau-Bundesvorsitzender Robert Feiger sagte bei der Preisübergabe an Lohmeyers, Polizei und Justiz müssten bei rechtsextremer Gewalt entschiedener durchgreifen und die Taten energischer verfolgen. Die rechtlichen Möglichkeiten dazu bestünden. Sie würden bei Drohungen von islamistischen oder linken Extremisten konsequent genutzt - "warum nicht bei rechten Extremisten?"

Laut Regierungschef Sellering wollen die meisten Menschen im Nordosten ein demokratisches und weltoffenes Mecklenburg-Vorpommern. Deshalb sei es wichtig, Flagge zu zeigen, gerade auch in Orten wie Jamel, "wo Nazis ihre menschenverachtende Gesinnung durchzusetzen versuchen", sagte er. Es gehöre viel Mut und Durchhaltevermögen dazu, "sich nicht einschüchtern zu lassen und standhaft für Demokratie und Menschlichkeit einzutreten".

In der Nacht zum 13. August hatte ein Feuer die Scheune des Lohmeyer-Hofes komplett zerstört. Die Staatsanwaltschaft geht von Brandstiftung aus, weil ein Brandbeschleuniger gefunden wurde. Sie setzte für Hinweise zur Ermittlung des Täters eine Belohnung von 5.000 Euro aus. Die Amadeu-Antonio-Stiftung (Berlin) sammelte knapp 21.400 Euro für die Lohmeyers.

Die Situation in dem 40-Einwohner-Dorf Jamel wird von den Bundesländern auch als Beleg für das Gewaltpotenzial der NPD im Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht angeführt. Nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" schreiben die Rechtsvertreter des Bundesrats in einem neuen Dokument, das Jamel werde "gesellschaftlich fast vollständig von Rechtsextremen beherrscht". Dies zeigten Wandgemälde im NS-Stil und Wegweiser zu Hitlers Geburtsort Braunau. Nach Aussagen von Dorfbewohnern erzeugten NPD-Funktionäre ein Klima der Angst.

Das Künstlerpaar Birgit (56) und Horst (58) Lohmeyer war 2004 von Hamburg nach Jamel gezogen und wehrt sich seit Jahren gegen die rechtsextreme Szene. Dafür wurden Lohmeyers bereits durch mehrere Preise gewürdigt. Dazu gehören der Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Bürgerpreis der deutschen Zeitungen.