Singen um und für das Leben. Chorfestival Various Voices in München

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Foto: Wolfgang Schürger

Musik vertreibt die Teufel, meinte schon Martin Luther. Queere Chöre tragen zu Selbstbewusstsein und gesellschaftlicher Akzeptanz heute bei, beobachtet Wolfgang Schürger.

Queere Mitglieder in deutschen Kirchenchören lassen sich sicher schnell ausfindig machen. In Osteuropa sähe das ganz anders aus, dort sind es ja nicht zuletzt die Kirchen, die nach wie vor zu einer ablehnenden bis feindlichen Haltung gegenüber Queers beitragen.

"Wir singen um unser Leben", sagt daher Olga Rubtsova, Chorleiterin von "Qwerty Queer" aus Odessa. Es ist der erste lesbisch-schwule Chor in der Ukraine, die 32-Jährige hat ihn vor einigen Jahren gegründet. In der Ukraine ist queeres Leben nach wie vor stigmatisiert, Diskriminierung und auch Gewalt sind an der Tagesordnung. Das Singen im Chor gibt den "Qwerty Queer"‐Sängerinnen und Sängern Selbstvertrauen: Nach ein paar Monaten des Miteinanders ist fast allen der Coming‐Out gelungen, zumindest zu Hause.

Vor der Gründung des Chores gab es in der Ukraine überwiegend politischen Aktivismus. Jeder Auftritt von "Qwerty Queer" rückt auch das Zerrbild von Lesben und Schwulen in der Öffentlichkeit zurecht und baut so Vorurteile ab.

Zusammen mit mehr als 90 anderen Chören aus aller Welt sind "Qwerty Queer" über das Himmelfahrtswochenende (9.-13. Mai 2018) nach München gekommen, um am europäischen Chorfestival "Various Voices" teilzunehmen. Zum vierzehnten Mal bereits treffen "Schrillmänner", "Maledivas", "Loud & Proud" und andere Chöre zusammen - die Namen schon machen deutlich, dass es um mehr geht, als einfach zusammen zu singen: Als Queers sichtbar werden - teils mit verspielter Leichtigkeit und subtiler Ironie, teils mit Biss und Kritik, teils zurückhaltend und mit leisen Tönen wie die Sängerinnen und Sänger aus der Ukraine. Oder auch in beeindruckender Stärke bei der Open Air Aufführung von Carl Orffs Carmina Burana auf dem Odeonsplatz, bei der sich zu den rund 2.900 Teilnehmenden des Festivals noch etliche Hundert Münchner Sängerinnen und Sänger dazu gesellen.

Welche Macht Musik haben kann, wenn es darum geht, Menschen zu verändern, das wusste schon Martin Luther. Anders als in der oberdeutschen Reformation Calvins und Zwinglis ist die Musik für Luther neben der deutschen Übersetzung der Bibel das wichtigste Werkzeug für die Erneuerung des christlichen Glaubens. "Die Musik verjagt die Teufel und macht die Menschen fröhlich", war der Reformator überzeugt - und damit war sie natürlich ideales Werkzeug in Luthers Kampf gegen die von Sünden- und Höllenängste geprägte Theologie der römischen Kirche seiner Zeit. "Wie wahr diese Aussage doch ist", denkt man sich, wenn man die selbstbewussten Sängerinnen und Sänger aus der Ukraine oder der Türkei während des Festivals erlebt.

Musik als Protest, Musik als Mittel zur Veränderung, Musik, die Barrieren überspringt und Akzeptanz für Ungewohntes, Neues schafft - das alles scheint Reformation und queere Chöre zu verbinden. "Hinter den Programmen und Texten stehen weder ein etwaiger Aufklärungsauftrag, noch der Anspruch, Teil der Spaßgesellschaft zu sein.", schreiben etwa die Mainsirenen aus Frankfurt in ihrer Selbstvorstellung. "Schwule Themen ja, aber immer mit dem Ziel, möglichst viele Köpfe und Herzen zu erreichen, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung. Hier wird über sich selbst gelacht und fleißig nach allen Seiten ausgeteilt. Für manchen sind einige Textpassagen überraschend offen und frivol. In vielen Liedern geht es aber auch ruhiger und ernsthafter zu. Die Mainsirenen sind eben wie das wirkliche Leben." Unvergessen ist mir persönlich die Interpretation der sieben Todsünden durch die Mainsirenen vor inzwischen elf Jahren: Da wurde die schwule Community genauso ironisch auf die Schippe genommen wie manche kirchliche (Doppel-)Moral...!

Singen wir also bitte weiter für das bunte, queere Leben und vertreiben die Teufel und Schreckgespenster der heutigen Zeit!

Weblinks:

Das Festival: www.various-voices.de ... und sein Förderprogramm für Osteuropa: http://www.various-voices.de/fileadmin/web/VV2018_PM_F%C3%B6rderch%C3%B6re.pdf

Luther und die Musik: https://www.welt.de/sonderthemen/luther-2017/article159058990/Gesang-wurde-zur-wirksamsten-Waffe-der-Reformation.html

aus dem chrismonshop

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