Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit...

Der 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homophobie. Nur wenige Tage davor wurde in München auf drastische Weise sichtbar, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sich verstärkt auch wieder gegen schwule Männer richtet. Wie reagiert die Community darauf, wie reagieren die Kirchen?

Der Knochen unterm Auge ist zertrümmert. Die linke Gesichtshälfte gelähmt, weil der Nerv eingeklemmt ist. Nase und Oberlippe sind taub. Die Ärzte fürchten, dass sich die Netzhaut von Gregor P. (30) ablösen könnte. "Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt Gregor P. "Es hätte jeden treffen können." Jeden Schwulen, muss man ergänzen. Denn Gregor P. wurde von einem Schwulenhasser verprügelt. (Ausführlich unter anderem unter diesem Link.)

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist zurück in Deutschland - schon seit geraumer Zeit diskutiert die Zivilgesellschaft darüber - vor allem aufgrund von rechtsextremistisch motivierten Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte. Doch der Angriff auf Gregor P. in der Nacht vom 12. auf den 14. Mai mitten im Münchner Glockenbachviertel führt drastisch vor Augen, dass auch schwule Männer wieder vermehrt Opfer gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden.

Gregpt P.

Die Täter waren nach Gregors Beschreibung junge Deutsche, Anfang zwanzig, Besuchern und Mitarbeitern des SUB, des schwulen Kommunikations- und Kulturzentrums, waren sie schon vor dem Angriff auf Gregor P. aufgefallen, weil sie die Gäste im Außenschankbereich angepöbelt hatten. "Die waren auf Konfrontation aus", bemerkt einer, der die Vorfälle beobachtet hatte. Am SUB rissen die drei dann offenbar auch eine Regenbogenfahne ab, die sie dann vor sich her traten. So trafen sie dann auf Gregor P. und seine Freunde, die gerade auf dem Heimweg von Gregors Geburtstagsfeier waren. Einer bezeichnet sie als "Scheiß Schwuchteln". Als Gregor ihn fragt, was sein Problem sei, wird er bespuckt und beschimpft. Dann schlägt der Angreifer Gregor P. mit voller Wucht mit der Faust ins Gesicht. Gregor P. fällt mit dem Hinterkopf gegen einen Stromkasten und sackt auf den Boden. Der Täter und seine zwei Freunde fliehen.

Das alles passierte wohlgemerkt nicht in irgendeinem sozialen Problemviertel, sondern mitten im Glockenbachviertel, das über Jahrzehnte das schwule Wohnzimmer Münchens war. Mehr als fünzig schwule Kneipen soll es in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts dort gegeben haben - jetzt sind es vielleicht noch fünf, und entsprechend gemischt ist das Publikum auf Münchens "Ausgehbanane" geworden, wie der Bereich um die Sonnen- und Müllerstraße inzwischen genannt wird.

Mich macht der Angriff auf Gregor P. vor allem wütend: Kann es sein, dass wir in diesem Land schon wieder so weit sind, dass wir uns als Queers nicht mehr frei bewegen können? Kann es sein, dass wir uns die Frei- und Kluturräume, die Generationen von Queers vor uns mühsam erkämpft haben, einfach so kampflos wieder nehmen lassen? Kann es sein, dass drei junge Deutsche vor einem schwulen Kommunikationszentrum offenbar über längere Zeit Gäste anpöbeln - und keiner greift ein, keiner reagiert, keiner ruft die Polizei? Kann es sein, dass alle Diversity- oder Gender-Mainstreaming-Konzept in den Schulen versagt haben, wenn 20-Jährige so ausgesprägt gruppenbezogen menschenfeindlich gegen uns agieren?

Diakonie und Kirche thematisieren seit geraumer Zeit gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - vor allem mit Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat dazu vor einigen Monaten eine lesenswerte Broschüre herausgegeben: "Ja zur gelebten Menschenfreundlichkeit Gottes. Nein zum Rechtsextremismus." Die Autorinnen und Autoren betonen darin, wie wichtig es ist, Respekt für Vielfalt und Verschiedenheit von Kind auf und an den verschiedensten Lernorten zu lernen. "Die Welt ist bunt - Gott sei Dank", plakatiert zum Beispiel die Evangelische (Land-)Jugend bei allen möglichen Veranstaltungen. Immer wieder ermöglichen Kirche und Diakonie Begegnungen zwischen Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund: beim gemeinsamen Kochen, beim Fußballtournier etc.

Das alles ist gut und unterstützenswert - doch es wäre an der Zeit, dass Kirche und Diakonie ihre Kampagne gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausweiten und gezielt auch Agressionen gegen andere gesellschaftliche Minderheiten thematisieren.

Wie begegnet man Menschen mit solch einer gruppenbezogen menschenfeindlichen Haltung? Die Broschüre bietet dazu am Ende einen lesenswerten und hilfreichen Kommunikationsleitfaden. Nicht moralisieren, nicht die Aggression fördern, sondern versuchen, das Gegenüber ernstzunehmen, so lautet der Grundtenor. "Menschen, die Annahme auf Augenhöhe und echte Solidarität erleben", so wird der bayerische Diakoniepräsident Michael Bammessel in der Broschüre zitiert, "werden weniger anfällig für die demagogische Abwertung Anderer." Das mag grundsätzlich stimmen, aber hätte es in der Situation vor dem SUB geholfen? Deeskalieren, wenn das Gegenüber bereits im Angriffsmodus ist? Den anderen wertschätzen, wenn man selber das Objekt der Beleidigung ist? Ich habe oft genug an mir selber erlebt, dass ich dann schnell ebenfalls in den (verbalen!) Aggressionsmodus schalte. Richtig ist, dass dies die Situation so gut wie nie entspannt hat. Die Ruhe zu bewahren, die richtigen Worte zu finden, damit der Andere vielleicht auch wieder etwas runter kommt von seiner Aggression - das ist schwer. Aber einfach wegschauen, hoffen, dass die Pöbler an unserm Tisch vorbei gehen und erst den Nebentisch anmachen - das kann auch keine Lösung sein. Wir müssen uns wehren, sonst sind wir einfache Opfer dieser neuen Menschenfeindlichkeit!

Ähnlich wie die Menschen mit Migrationshintergrund werden wir dazu aber auch (wieder) die Solidarität der Anderen brauchen, weil wir als Betroffene in der Situation eben oft auch zu emotional oder zu gehemmt sind. "Die Welt ist bunt" - diese Botschaft darf nicht nur als Slogan gegen Fremdenfeindlichkeit verstanden werden, sie muss nach wie vor auch die Vielfalt der Lebensformen im Blick haben!

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