Filmkritik der Woche: "Greenberg"

Filmkritik der Woche: "Greenberg"
Hinterlistig komische Geschichte einer Midlife-Crisis: Roger Greenberg (Ben Stiller) ist ein Verlierertyp, der in seinem Leben außer ein paar pointierten Beschwerdebriefen noch nicht viel zustande gebracht hat. Gerade aus einer Psychotherapie entlassen, reist der 41-jährge Schreiner von New York nach Los Angeles, um dort das Haus seines Bruders zu hüten. Der New Yorker Independent-Regisseur Noah Baumbach jongliert in der Komödie "Greenberg" mit Fundstücken, die er vom Wegesrand des eigenen Lebens aufgelesen hat.
30.03.2010
Von Anke Sterneborg

Roger Greenberg (Ben Stiller) ist ein Verlierertyp, der in seinem Leben außer ein paar pointierten Beschwerdebriefen noch nicht viel zustande gebracht hat. Gerade aus einer Psychotherapie entlassen, reist der 41-jährge Schreiner von New York nach Los Angeles, um dort das Haus seines Bruders zu hüten. Mit dem Umzug findet er Anschluss an seine Jugend, trifft alte Freunde und Liebschaften wieder und lernt schließlich Florence (Greta Gerwig) kennen, die sympathische Assistentin seines Bruders. Auch sie bekommt trotz ihres Organisationstalents ihr Leben nicht auf die Reihe. Da haben beide schon mal etwas gemeinsam.

[reference:nid=15091]

Man spürt, dass der New Yorker Independent-Regisseur Noah Baumbach in der Komödie "Greenberg" wie auch in anderen Filmen mit Fundstücken jongliert, die er vom Wegesrand des eigenen Lebens aufgelesen hat. Unter seiner Regie finden auch die Schauspieler zu sich selbst; statt sich ins Korsett einer festgeschriebenen Rolle zu zwängen, geben sie roh und offen ihr Inneres preis. Da ist auch Ben Stiller plötzlich kein hyperaktiv überdrehter Kindskopf mehr, sondern ein in seinen Bewegungen angenehm gedämpfter Mann in den Vierzigern, der an einer veritablen Lebenskrise laboriert.

Hinterlistig komische Geschichte einer Midlife-Crisis

Mit dem erklärten Ziel, gar nichts zu tun, gibt er einen subversiven Kinohelden ab, der spürbar inspiriert ist von Woody Allens jüdischen Stadtneurotikern, aber auch von den Männern, die im Universum von Eric Rohmer ihre Unsicherheit und Untätigkeit mit einem endlosen Redefluss kaschieren. Statt sein eigenes Leben anzupacken, nörgelt er in zahllosen, akribisch formulierten Beschwerdebriefen an der Welt herum, und obwohl der pedantische und misanthropische Greenberg reichlich unmöglich ist, gelingt es seinem Regisseur auf subversive Weise, eine ganze Menge zärtlicher Gefühle für ihn zu mobilisieren.

So entwickelt sich aus der Art, wie er sich im fremden Leben einrichtet, oder besser, sich ständig selbst im Weg steht, die hinterlistig komische Geschichte einer Midlife-Crisis, mit all den alltäglichen Verwirrungen des Familien- und Liebeslebens. Fremd und unbehaust wirkt Greenberg in seinem Leben, was noch dadurch verstärkt wird, dass er ohne Führerschein in Los Angeles wie ein Fisch auf dem Trockenen zappelt und bei allen Besorgungen auf andere angewiesen ist.

Das eröffnet ihm zugleich allerdings auch ein paar Kontaktmöglichkeiten, vor allem mit Florence, die als Mädchen für alles bei der Familie seines Bruders angestellt ist und ähnlich ziellos wie er durchs Leben driftet. Greta Gerwig, die die große Entdeckung dieses Films ist, versetzt dieses erfrischend sperrige Mädchen zwischen fragiler Verletzlichkeit und traumwandlerischem Zauber in Schwingung. Zwischen den beiden entspinnt sich eine flüchtig unentschlossene Liebesgeschichte, bei der die Magie auf angenehm leisen Sohlen daherkommt.

USA 2010. Regie: Noah Baumbach. Buch: Noah Baumbach (nach einer Geschichte von Jennifer Jason Leigh und Noah Baumbach). Mit: Ben Stiller, Greta Gerwing, Rhys Ifans, Jennifer Jason Leigh, Brie Larson, Juno Temple. 107 Min.

epd