"Besser als im Heim" - Gastfamilien für behinderte Menschen

Foto: epd-bild/Reinhard Elbracht
Gastmutter Maria Dünkeloh (61) sitzt mit Stefanie (28), deren Baby Fabian und Benjamin (31) am Kaffeetisch in ihrer Küche in Löhne (Westfalen).
"Besser als im Heim" - Gastfamilien für behinderte Menschen
Die Küche ist das Kommunikationszentrum der Familie. Hier sitzen die 28-jährige Steffi mit ihrem Baby und der 31-jährige Benni mit der Gastmutter zusammen und erzählen, wie sie den Tag erlebt haben. Die drei haben bei Maria Dünkeloh, einer geschiedenen Mutter zweier erwachsener Söhne, ein neues Zuhause gefunden und fühlen sich sichtlich wohl. Auch die 61-jährige Gastmutter freut sich über den Familienzuwachs: "Ich bin jemand, der den Rummel braucht", erzählt sie.
30.12.2013
epd
Holger Spierig

Steffi ist erst vor wenigen Monaten mit ihrem Sohn Fabian direkt aus der Entbindungsklinik in die neue Familie gekommen. Eine schnelle Lösung musste gefunden werden, sonst wären Mutter und Kind getrennt worden, wie die Sozialpädagogin Kirsten Lüking von der Diakonischen Stiftung Wittekindshof berichtet. Als Lüking die Gastmutter fragte, ob sie neben Benni auch eine Mutter mit einem Neugeborenen aufnehmen könne, stimmte Dünkeloh kurzerhand zu.

Begleitet wird das Betreute Wohnen von Familienpflegeteams der Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen. Die Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch die Gastfamilie reicht von Ausflügen und Arztbesuchen bis zum Anleiten der Mutter für die Erziehung des Kleinkindes. Dafür erhält die Gastfamilie ein Betreuungsgeld von ein paar hundert Euro.

Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch die Gastfamilie

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Das Betreute Wohnen in Gastfamilien ist laut Witteskindshof-Sprecherin Anke Marholdt ein Erfolgsmodell. Damit könne eine Betreuung im Heim vermieden werden. Durch den Familienanschluss erhielten Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen einen sozialen und emotionalen Rahmen sowie nötige Unterstützung, die sie im Alltag brauchen.

Die diakonische Stiftung begleitet derzeit knapp 60 Frauen und Männer in diesem Projekt in Bad Oeynhausen, Gronau und Hamm. Die jüngsten sind gerade volljährig geworden, die älteste vermittelte Bewohnerin wird im Frühjahr 100 Jahre alt.

Bundesweit leben rund 2.500 Menschen mit einer Behinderung in Gastfamilien. Am weitesten verbreitet ist diese Art des Betreuten Wohnens in Baden-Württemberg, wo bis zum vergangenen Jahr der Fachausschuss "Betreutes Wohnen in Familien" 1.200 Vermittlungen gezählt hat. In fünf Bundesländern, darunter Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, gibt es dieses Modell nach Angaben des Fachausschusses noch nicht.

Vermittlungen brauchen Geduld, Zeit und Vorbereitung

Die Vermittlung in eine Familie erfordert viel Geduld, Zeit, Gespräche und Vorbereitung. Das Betreute Wohnen rechnet sich auch für die Kostenträger: Die gesamten Kosten für einen Platz im Betreuten Wohnen betragen mit rund 20.500 Euro pro Jahr weniger als die Hälfte eines Heimplatzes, erklärt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der als Kommunalverband in Westfalen für die Finanzierung der Leistungen für behinderte Menschen zuständig ist.

"Für viele Menschen, die nicht mehr in einer eigenen Wohnung leben können, ist das Betreute Wohnen in einer Gastfamilie die bessere Alternative zum Heim", ist der Experte Jo Becker vom Bundesverband "Betreutes Wohnen in Gastfamilien" überzeugt. "Man ist Mitglied einer ganz normalen Familie, die Behinderung steht nicht im Vordergrund", sagt der Arzt und Geschäftsführer von gemeindepsychiatrischen Diensten im rheinischen Wesel.

Immer wieder: Rebellion gegen Heimregeln

Das sieht auch der 31-jährige Benni so. Bereits als Kind kam er in ein Heim, hat seitdem viele Einrichtungen erlebt. Er trug einen Irokesen-Haarschnitt, rebellierte immer wieder gegen die Heimregeln und die Erzieher. In seiner neuen Familie begrüßt er jetzt seine Gastmutter morgens mit einem Kaffee und kümmert sich auch um den kleinen Fabian. Steffi und Benni sind wie Geschwister, erzählt Dünkeloh: "Sie kabbeln sich mal, aber sie mögen sich."

Benni habe sich in der Familie enorm entwickelt, berichtet auch Lüking. Der junge Mann arbeitet zuverlässig als Servicekraft im Café Klee des Wittekindshofes. Er hat einen Rollerführerschein gemacht und genießt auf dem Roller seine Unabhängigkeit. Für ihn ist der Unterschied zu früher klar: "Für mich war Heim scheiße."