Halle oder Haiti - wohin spenden wir?

Nächsten- oder Fernstenliebe?
Foto: Simon Oxley/iStockphoto/Thinkstock
Nächsten- oder Fernstenliebe? Die Entscheidung, die eigenen Spendengelder lokal oder doch global zu verteilen, ist nicht immer leicht.
Halle oder Haiti - wohin spenden wir?
Spenden sind bei Katastrophen und in der Sofort- und Nothilfe unverzichtbar, um den Betroffenen zu helfen. Doch wer ist uns der Nächste? Spende ich lieber zuhause oder schicke ich mein Geld dorthin, wo es den Menschen ohnehin schon schlechter geht? Eine Frage, die die Einwerber von Spenden ebenso bewegt wie die Spender selbst.

Überschwemmungen, Erdbeben, Dürreperioden, Terroranschläge, Kriege: Es sind die bitteren Risiken unserer verletzlichen Welt. Sie bringen Leid und Elend über Menschen. Bei solch großen Katastrophen stoßen Spendenappelle von Hilfsorganisationen in Deutschland auf offene Ohren. Rund ein Viertel aller Gelder, die von privater Seite für humanitäre Aktionen  aufgebracht werden, fließt nach Studien in die Sofort- und Nothilfe. Die Mittel erreichen Opfer in Halle oder Haiti. Hilfs- und spendenbereit sind wir insbesondere dann, wenn uns die Medien mit dem ganzen Ausmaß von Tragödien für Mensch und Tier konfrontieren.

Aber was ist mit den weniger spektakulären Akten alltäglicher humanitärer Zuwendung? Sich ganz im christlichen Sinne für den Nächsten in der Nähe oder der Ferne zu engagieren ist durchaus eine Entscheidung, die Spender oft fällen müssen.

Ein Ort, an den deutsche Spenden noch immer fließen, ist Lambarene in Gabun. Dort baute
der Arzt und Theologe Albert Schweitzer vor 100 Jahren sein berühmtes Tropenspital. Einhard Weber, Vorsitzender des Deutschen Hilfsvereins für das Albert-Schweitzer-Spital, ist einer der Spendensammler für das Spital. Er und seine Mitstreiter treffen auf viel Bereitwilligkeit, jedoch auch auf Unentschlossenheit: Krankheit und Verwahrlosung, so der Einwand, existieren nicht nur in Gabun, sondern oft nur wenige Straßenzüge von der eigenen Wohnung entfernt. Weber begegnet solchen Zweifeln so: "Nächsten- und Fernstenliebe sind keine Alternativen, sondern notwendig aufeinander bezogen."

Eine Ablenkung von der Not vor Ort?

Not und Armut in Deutschland seien ein ernstzunehmendes Problem, sagt Weber. "Es ist gut, dass sich Menschen mit Ideen und Engagement einsetzen, um dieser Not entgegenzusteuern." Aber er sagt auch: "Lambarene zu vernachlässigen, würde die Not bei uns kaum mildern." Die Aufgabe des Spitals in Gabun wäre eine Katastrophe. "In Lambarene", erläutert er, "bekommen alle Kranken Hilfe, auch dann, wenn sie mittellos sind. In den staatlichen Kliniken wird der Patient zuerst zur Kasse gebeten. Wer nicht bezahlen kann, wird in aller Regel nicht behandelt." In dem Tropenspital  habe Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben erstmals Gestalt angenommen. Wer von deren weltweiter Bedeutung überzeugt sei, könne das Spital nicht fallen lassen.

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Als "ernstzunehmendes Problem" stuft Pastor Eckhard Röhm die Orientierungssuche von Spendenwilligen ein. Er arbeitet im Referat Gemeinde/Diakonie/Bildung bei Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst und hat täglich damit zu tun. "Engagement für Menschen in der Ferne, die man gar nicht kennt", meint er, "kann sicherlich ein Ablenkungsmanöver davon sein, dem Elend von Menschen in der unmittelbaren Umgebung ins Auge zu blicken." Als Einwohner von Duisburg 2001-2012 habe er sich diese Frage angesichts der sozialen Situation der Stadt vielfach gestellt. Als Neu-Berliner tue er dies noch stärker.

"Bei allem Respekt vor Schweitzer", gibt Röhm zu bedenken, "hätte man ihn fragen können, ob er die Energie, die er in das Hospital von Lambarene gesteckt hat, nicht auch in den Arbeitervierteln von Straßburg, Metz oder Paris zum Wohle der dortigen Menschen hätte fruchtbar machen können." Dass Schweitzer anders entschieden habe, wolle er aber nicht bewerten: "Es war seine höchstpersönliche und für ihn passende Entscheidung und die Gründung von Lambarene ein ganz wichtiger Meilenstein der ärztlichen Entwicklungszusammenarbeit."

"Schenken muss gelernt sein"

Ähnlich wie Weber plädiert Röhm für ein Denken, das nicht polarisiert. "Wo es um die Not der Nächsten geht, sollte man das eine tun, ohne das andere zu lassen und keine Notsituationen gegeneinander ausspielen." In der heutigen Mediengesellschaft, betont er, "springt uns die Not der Menschen gleichermaßen an, ob in Ruhrort oder Marxloh, im Wedding oder Lichtenberg, im Sudan oder in São Paulo".

Dies gelte umso mehr in unserer heute multifunktional und multikausal vernetzten Welt. "Wenn zum Beispiel Kleinbauern in Nordargentinien verarmen, liegen die Gründe dafür eben nicht nur bei ihnen selbst. Oft hat das den Grund darin, dass europäische Firmen sich für ihren Futtermittel- oder Agrotreibstoffanbau ihr Land angeeignet haben. Das fehlt diesen Kleinbauern nunmehr, um darauf ihre Lebensmittel anzubauen."

Wie soll man sich also entscheiden, ob man lokal oder global spendet? Der Wirtschaftswissenschaftler Steffen Koolmann sagt, die Entscheidung trifft jeder auf der Grundlage seiner Erwartungen. "Schenken muss gelernt sein", sagt Koolmann, der Ökonomie und Gesellschaft an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft lehrt.

Frei von Erwartungen spenden

Zentral komme es darauf an, die psychologischen Rahmenbedingungen und die spezifische Beziehung zwischen dem, der schenkt oder spendet, und dem Adressaten dieses Tuns zu reflektieren. Vielfach werde das Schenken an eine Erwartungshaltung geknüpft: "Man gibt, um etwas zurückzubekommen", erläutert Koolmann. Dies aber sei falsch. "Wir müssen lernen, uns jeweils auf Augenhöhe zu begegnen und frei von Erwartungen schenken zu wollen", resümiert der Ökonom.

Koolmann plädiert beim Schenken für eine Kultur des Dialogs: "Es geht um das Du und das Ich und den Raum dazwischen, der eigentlich leer ist und gefüllt werden muss." Ein Rekurs auf das Hauptwerk des Religionsphilosophen Martin Buber ("Ich und Du"). Darin begreift dieser das Verhältnis des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen als dialogisch.

"Warum", fragt auch Weber, "sollten wir uns nur auf uns konzentrieren? Im 21. Jahrhundert wäre es kleinkariert zu glauben, wir müssten erst bei uns alle Probleme gelöst haben, um dann anderen Völkern helfen zu können." Also Lünen und Lambarene statt entweder oder. "Das Engagement für Lambarene", so Webers Erfahrung, "schärft den Blick für die sozialen Probleme auch bei uns."