Kuss aufs Ohr – eine Zeitschrift feiert Geburtstag

Die Ohrenkuss-Autoren Julian Göpel, Daniel Rauers, Jeanne Marie Mohn und Martin Weser im Wallraf-Richartz-Museum

Foto: Thekla Ehling

Die Ohrenkuss-Autoren Julian Göpel, Daniel Rauers, Jeanne Marie Mohn und Martin Weser auf Dienstreise im Wallraf-Richartz-Museum

15 Jahre, 30 Ausgaben – das Bonner Magazin Ohrenkuss widerlegt die Vorstellung, Menschen mit Down-Syndrom könnten nicht lesen, schreiben, formulieren. Auf ganz unterschiedlichen Recherchereisen sammeln die Autoren Ideen. Diesmal: Ein Besuch im Kölner Wallraf-Richartz-Museum.

Fein säuberlich schreibt Martin Weser auf das linierte Papier, er beugt sich tief über den langen Tisch, konzentriert sich. Er sitzt im Café des Wallraf Richartz-Museums in Köln, die Sonne scheint, man kann die Spitze des Doms von hier aus sehen. Von der preußischen Königin Luise berichtet Martin Weser, wie schön sie ist, davon, dass sie aus ihrem Gemälde verschwunden ist und wie letztendlich alles gut ausging – das Pädagogikprogramm "Rettet Königin Luise" hat in beeindruckt. Auf dem Schild, das an seinem Pullover klemmt, steht in großen roten Lettern: "Presse" steht. Darunter sein Passbild in schwarz-weiß, sein Name, und: "Redaktion Ohrenkuss".

Martin Weser, die drei weiteren Reporter Jeanne Marie Mohn, Julian Göpel und Daniel Rauers arbeiten in ihrer Freizeit für das Magazin "Ohrenkuss". Sie haben Trisomie 21, das Down-Syndrom. Lange habe die Auffassung gegolten, Menschen mit Down-Syndrom seien doof, könnten sich nicht ausdrücken, weder lesen noch schreiben, sagt Katja de Bragança - Humangenetikerin, Biologin und Gründerin des Ohrenkusses. Mit einem Forschungsprojekt wollte sie herausfinden: Wie kommt ein solches Vorurteil zustande? Und wieso denkt jemand so etwas überhaupt? Die ersten Ohrenkuss-Ausgaben widerlegten diese Annahme. Es zeigte sich, dass die Autoren sehr wohl lesen und formulieren konnten, und vor allem, dass sie eine sehr ungewöhnliche Art zu schreiben haben: Mit einer eigenen Satzstellung zum Beispiel oder erfundenen Wörtern. Nach vier Ausgaben liefen die Gelder für das Forschungsprojekt aus und Katja de Bragança entschied, das Magazin nicht einzustellen - die Resonanz war gut und viele Autoren wollten weiter für den Ohrenkuss schreiben.

 

Eigenwillige, manchmal poetische Texte

Jede Ausgabe widmet sich einem Thema und sammelt die Gedanken der Autoren: mal als Zweizeiler, mal als längeren Text, kreativ, vielseitig, manchmal poetisch, häufig überraschend. Mehr als 3.000 Abonnenten hat das Magazin: Angehörige von Menschen mit Trisomie 21, Mediziner, Fotografen, Germanisten. Katja de Bragança legt auf die Gestaltung der Hefte großen Wert: "Früher sahen die meisten Publikationen aus dem Behindertenbereich furchtbar aus - 'Selbstdiskriminierung' habe ich das genannt."

Ohrenkuss-Reporter Martin Weser bei der Arbeit

Was Rechtschreibung, Wortwahl oder den Satzbau betrifft, sind die Texte im Ohrenkuss sehr unterschiedlich: Manche Autoren, wie Martin Weser, schreiben mit der Hand. Andere diktieren oder schicken ihre Texte als Word-Dokument und können dabei das Rechtschreibprogramm nutzen. Ausschließlich Autoren mit Trisomie 21 schreiben für den Ohrenkuss, einzige Ausnahme war das Heft zum Thema "Oma und Opa": darin haben Großeltern an ihr Enkel mit Down-Syndrom einen Brief geschrieben.

Alle zwei Wochen treffen sich die Reporter in Bonn. Einige kommen von weiter her oder schalten sich per Skype dazu. Den Rechercheausflug in das Wallraf-Richartz-Museum haben sie am Tag zuvor vorbereitet: Die Museumspädagogin zeigte den Autoren in der Redaktionssitzung bereits die Bilder, die in der Geschichte um Königin Luise eine Rolle spielen.

"Ihr seid keine Kinder mehr, ihr werdet gesiezt und ernstgenommen - verhaltet euch auch so!" bevor das Pädagogikprogramm beginnt, erinnert Katja de Bragança die Autoren daran. Kurz darauf begleiten sie Königin Luise - blond gelockt, in rosafarbenem Kleid, ohne Krone - durch die Räume des Wallraf-Richartz-Museums. Luise jammert: "Ich muss in meinen Rahmen zurück!" Sie ist aus ihrem Bild entsprungen und scheint es nun nicht mehr rechtzeitig zurück zu schaffen, bevor die Museumsbesucher kommen – so die Geschichte des Programms.

Noch dazu ist in der Nacht ein Streit zwischen den Figuren der Gemälde und den Skulpturen entbrannt. "Wenn man sich streitet, dann muss man sich wieder vertragen", stellt Reporter Daniel Rauers fest. Ein weißer Schal, ein Damenschuh, eine zerfetze Karte - anhand einiger Hinweise ist das Rätsel schnell gelöst, Mantel und Krone sind wieder aufgetaucht. Luise kniet nieder, Julian Göpel legt das Königinnen-Gewand um sie, Daniel Rauers setzt ihr die Krone auf den Kopf, vorsichtig. "Ich werde Euch auf ewig dankbar sein!", ruft Luise theatralisch, - "Okay!" erwidert Julian Göpel trocken.

"Wer ist eigentlich Wallraf Richartz?"

Die Reporter wissen nun, was eine Skulptur ist und woraus sie besteht, was man mit einem Meißel macht und welche Gemälde im Museum dem Barock zugeordnet werden. "Dieses Museumsangebot ermöglicht einen Perspektivwechsel – wir blicken jetzt anders auf die Bilder", sagt Katja de Bragança. Durch ihre Rechercheausflüge erleben die Ohrenkuss-Autoren eine neue Sicht auf die Dinge. Und: "Das funktioniert auch andersrum: Berührungsängste mit behinderten Menschen werden abgebaut, das führt zu einer anderen Form der Teilhabe."

Reporter Julian Göpel mit seinem Schreibassistenten Georg Wieghaus
Später, im Museumscafé: Anders als Martin Weser diktiert Jeanne Marie Mohn lieber: Ihre "Schreib- und Verstehensassistentin" Anne Leichtfuß tippt den Text direkt ab. Sie hilft Jeanne Marie Mohn beim Formulieren und dabei, ihre Eindrücke zu sortieren. Was sie nicht tut: korrigieren, was die Autorin diktiert. An diesem Tag hat jeder der Reporter einen Schreibassistenten – das ist zeitlich nicht immer möglich, viele Assistenten arbeiten ehrenamtlich. "Diese Eins-zu-eins-Assistenz lohnt sich. Meiner Meinung nach sind Menschen mit Down-Syndrom intellektuell unterfordert", sagt Katja de Bragança. Während sie gestikuliert, klimpern ihre silbernen Armreife. Die Autoren tauschen sich mit den Assistenten aus, fragen nach: "Was ist eigentlich Wallraf Richartz?", will Jeanne Marie Mohn zum Beispiel wissen.

Der Ohrenkuss erscheint nun seit fünfzehn Jahren. "Ein Wunder! Wir hätten zu Beginn nicht gedacht, dass es die Zeitschrift so lange geben wird", sagt Redaktionsleiterin Katja de Bragança. Ein Wunder sei für sie auch jeder Mensch, der mit Down-Syndrom geboren wird: "Sich heutzutage für ein behindertes Kind zu entscheiden ist sehr mutig. Für mich zeugt es von Demut, Menschen anzunehmen, wie sie sind, das hat etwas sehr Ermutigendes."

Und wie kam es zu dem Titel der Zeitschrift? Als das erste Heft erschien, habe es noch keinen richtigen Namen gegeben. In einer der ersten Redaktionssitzungen küsste ein Autor Katja de Bragança spontan auf ihr Ohr und lieferte damit den Namen: "Vieles, was man hört, geht zu einem Ohr rein und zum anderen wieder raus. Aber das, was in Erinnerung bleibt, das ist ein Ohrenkuss", erklärt sie.

Ob die Texte, die nach dem Museumsbesuch entstanden sind, tatsächlich ihren Weg in den nächsten Ohrenkuss finden, ist noch nicht klar: "Wir haben mehrere Kanäle, die Texte zu verwerten: die regelmäßigen Lesungen oder der Blog zum Beispiel", erklärt Schreibassistentin Anne Leichtfuß. Für Martin Weser ist das nicht entscheidend, nach dem Schreiben sagt er: "Ich bin ein bisschen zufrieden."