Alle Töne sind gleichberechtigt

Foto: dpa/Jörg Schmitt
Der amerikanische Komponist und Schriftsteller John Cage 1982, zehn Jahre vor seinem Tod.
Alle Töne sind gleichberechtigt
Zum 100. Geburtstag von John Cage
Furios, anarchistisch, radikal neu: John Cage war kein Komponist wie alle anderen. Harmonien interessierten ihn nicht, den Zuhörer macht er zum Mitspieler. An seinem Geburtstag wird der Musiker in vielen deutschen Städten gewürdigt.
05.09.2012
epd
Wilhelm Roth

Das Musikstück heißt 4'33''. Der Pianist geht zum Flügel, öffnet ihn, spielt aber nicht. Nach vier Minuten und 33 Sekunden schließt er den Flügel wieder, steht auf und verbeugt sich vor dem amüsierten oder konsternierten Publikum. 4'33" ist das bekannteste Werk des amerikanischen Komponisten, Musik-Denkers, Experimentators John Cage, dessen 100. Geburtstag am 5. September in überwältigender Weise gefeiert wird. Gestorben ist Cage vor 20 Jahren am 12. August 1992 in New York.

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Allein in Deutschland sind im Cage-Jahr dem einstigen Außenseiter viele Konzerte, Opernproduktionen, Ausstellungen oder Symposien gewidmet - in Berlin, Leipzig, Halberstadt, Darmstadt, Hannover, Wiesbaden, Ulm und bei der Ruhrtriennale in Bochum. Cage ist endgültig zur Jahrhundert-Gestalt geworden.

Geboren wurde er 1912 in Los Angeles, schon als Kind lernte er das Klavierspiel. Als er 1928 mit dem Studium begann, waren seine Interessen bereits weit gefächert: Musik, Poesie, Bildende Kunst, Architektur. Er war auch Schachspieler, Pilzforscher und Koch. Als "stillen, bedächtigen Menschen" hat ihn der Dirigent Ingo Metzmacher erlebt. In Filmdokumenten sieht man ihn oft lachen - ein Mensch, der das Leben liebt.

Harmonien und Regeln wurden schnell langweilig

Ab 1934 studierte Cage zwei Jahre Komposition bei Arnold Schönberg in Los Angeles. Dabei wurde ihm endgültig klar: Harmonien interessierten ihn nicht. Seine frühen Klavierstücke befreien sich allmählich von allen Regeln der Komponierens: Keine Tonarten, aber auch keine Zwölftontechnik. Stattdessen: Ein Spiel mit der Stille, dem Geräusch, dem Zufall. Alle Töne sind gleichberechtigt.

Ende der 30er Jahre begegnete er dem Tänzer und Choreographen Merce Cunningham, seinem künftigen Lebensgefährten. Cage wurde zum Komponisten und Pianisten der Cunningham Dance Company. Für eine neue Produktion legten die beiden nur die Länge des Stücks fest, Musik und Tanz entstanden dann unabhängig voneinander, begegneten sich erst bei der Premiere.

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Bei einem Gastspiel in Köln in den 60er Jahren klatschte das Publikum ratlos-freundlich, nur ein Zuschauer tobte vor Begeisterung: Joseph Beuys. Beuys und Cage haben manches gemeinsam, vor allem die Überzeugung, dass jeder Mensch Künstler sein kann. Wenn in 4'33'' nicht gespielt wird, werden die Zuhörer aktiv, ihr Lachen oder ihr Protest, das ist die Musik.

Das demokratischste Werk Cages ist wohl "Musicircus": Jeder kann mitmachen. In Salzburg wurde vor einem Jahr die Altstadt für eine Dreiviertelstunde gesperrt. In dieser Zeit konnte dort jeder, ob Profi oder Amateur, die Musik spielen, die ihm gerade einfiel, und wenn er nur sang oder pfiff. Die vollkommene Freiheit, die vollkommene Anarchie - ein Paradies, besonders für Kinder.

Ein komisches, anarchistisches Großkunstwerk

Deutschland war wichtig für Cage, er wurde hier schon früh als interessanter Gast aufgenommen. Kein Wunder also, dass sein Hauptwerk "Europeras 1 & 2" 1987 in Frankfurt zur Uraufführung kam. Cage hat nichts komponiert, sondern Orchesterpassagen, Arienfragmente und Bühnenaktionen aus europäischen Opern von Mozart bis Puccini nach dem Zufallsprinzip aufeinanderstoßen lassen. Sie überlagern sich, haben nichts miteinander zu tun. Die Musiker und Sänger bekamen ihre Einsätze über Bildschirme. Das Ergebnis: ein höchst komisches anarchistisches Großkunstwerk.

Nach 25 Jahren hat nun Heiner Goebbels, selbst Komponist, zur Eröffnung des Festivals Ruhrtriennale 2012 "Europeras 1 & 2" neu inszeniert: eine Montage aus 128 Opern in 32 Bildern. Da alle Zusammenhänge gelöst sind, "entstehen Zwischenräume", sagt Goebbels, "die der Zuschauer neu füllen kann": Er wird zum Mitspieler. Die opulente Inszenierung in der riesigen Jahrhunderthalle in Bochum, ein Rausch der Bilder und der Töne, wurde fast zum Mainstream-Event.

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Die Ideen von Cage werden auch nach seinem Tod weiter gedacht und in die Tat umgesetzt. Sein kleines Orgelstück "As SLow aS Possible" (So langsam wie möglich) wird auf Anregung von Organisten, Philosophen und Theologen seit 2001 in der Burchardi-Kirche in Halberstadt aufgeführt. Die Orgel war 639 Jahre alt, als das Projekt "ASLSP" startete, und 639 Jahre soll nun die Aufführung dauern. Nur alle ein bis zwei Jahre findet ein Klangwechsel statt, wird ein Ton durch einen anderen abgelöst. Zum nächsten Termin am 5. Oktober 2013 werden wieder zahlreiche Besucher erwartet. "Ein unüberhörbares Zeichen des Vertrauens in die Zukunft", nennt das Ingo Metzmacher.