Warum muss Gott Baby werden?

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Warum muss Gott Baby werden?
Weil eine Adoption Jesu nicht gereicht hätte.
"Fragen Sie mal die Leute auf der Straße: da weiß doch kaum noch einer, was wir zu Weihnachten feiern!" So oder ähnlich klingen die Klagen vieler Christen. Dabei hat es Weihnachten noch recht gut! Pfingsten und Buß- und Bettag kommen mit Sicherheit schlechter dabei weg, wenn man nach deren Bedeutung oder Herkunft fragt. Zu Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu Christi. So einfach und schlicht diese Antwort auch ist, manchmal lohnt es sich nachzufragen: Warum musste es denn ausgerechnet eine Geburt sein? Hätte Gott nicht seinen Sohn quasi als Erwachsenen adoptieren können? Warum diese Sache mit der Schwangerschaft, der vergeblichen Herbergssuche, den Schmerzen, den Wehen, der Krippe?
20.12.2012
evangelisch.de

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In der Bibel erzählt nur der Evangelist Lukas von der Krippe und den Hirten. Überhaupt erzählen nur zwei Evangelien überhaupt von der Geburt Jesu. Im berühmten Prolog zum Johannesevangelium heißt es lediglich: "Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns (Joh 1,14)." Das könnte doch reichen, oder nicht? Gott ist eben irgendwie Mensch geworden, das Wort ist Fleisch geworden. Das Evangelium nach Markus beginnt mit einem erwachsnen Jesus, der gleich zu Beginn von Gott "adoptiert" wird: Jesus geht zu Johannes, den Täufer, an den Jordan, wird von ihm getauft, und dann heißt es (Mk 1,11): "Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen." Warum, also, soll das nicht reichen?

Aus einem Fest wurden zwei

In der Tat war die Vorstellung von einer "Adoption" Jesu durch Gott, den Vater, eine Weile recht populär. Noch bevor es in der Christenheit ein eigenständiges Weihnachtsfest gab, wurde im Winter ein anderes Fest gefeiert, bei es um die Menschwerdung Gottes ging und das merkwürdig unspezifisch war. Bei diesem Fest wurden sowohl die Geburt Jesu (Lk 2) gefeiert, als auch seine Taufe durch Johannes (Mk 1), die Hochzeit zu Kana (Joh 2,12) und die Ankunft der Heiligen Drei Könige (Mt 2). Es ging eben um die Erscheinung Gottes in Jesus Christus. Da spielte die Geburt Jesu zwar eine Rolle, aber eben keine eigenständige. Das Fest hieß Epiphanias, und wir feiern es noch heute, allerdings von Weihnachten getrennt am 6. Januar.

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Im vierten Jahrhundert dann wurde das Weihnachtsfest eigenständig, denn man wollte bestimmten Tendenzen etwas entgegensetzen. Bis dahin gab es nämlich ernstzunehmende Strömungen in der noch jungen Christenheit, denen daran gelegen war, vor allem die Göttlichkeit Jesu zu betonen, nicht seine Menschlichkeit. Da passte es gut, wenn man davon ausging, dass Jesus in seiner Taufe durch Gott als Sohn angenommen hat. Das geschah vor allem im Osten des Mittelmeerraums. Hier versuchte man, mit Logik an die Frage heranzugehen, wie denn Jesus, ein Mensch, Gottes Sohn sein könne. Die Gedankengänge führten unter anderem zu der Erklärung: Nun gut, er ist Mensch gewesen, bis Gott ihn in der Taufe adoptierte. Das aber reichte vielen anderen nicht, denn sie argumentierten zu recht: Wie soll Gott wirklich die Menschheit erlösen, wenn er nicht so richtig Mensch wurde, sondern sich einfach einen Erwachsenen als seinen Sohn annahm. Dann gibt’s einerseits Gott und andererseits einen Menschen. Wenn wir aber glauben wollen, dass Gott wirklich und wahrhaftig auf die Welt gekommen ist, dann reicht das eben nicht.

Wir kommen an den Wehen nicht vorbei

Auch darum wurde das Weihnachtsfest aus dem Epiphaniasfest herausgelöst und gesondert gefeiert. Denn nur, wenn Gott auch empfangen, ausgetragen und geboren wird, wenn er schreiend in den Armen seiner Eltern liegt, wird "das Wort Fleisch". Das Johannesevangelium mag zwar nicht von der Geburt Jesu als Sohn Gottes erzählen, aber er setzt sie voraus. Das Evangelium der Weihnachtsfeier ist die Geschichte von Josef und seiner hochschwangeren Frau, die ein Baby zur Welt bringt. An den Wehen, dem Schreien, der Geburt kommen wir nicht vorbei, wenn Gott zur Welt kommt.