Uta Ranke-Heinemann: "Nichts habe ich erreicht"

Uta Ranke-Heinemann

Foto: epd-bild / Bertold Fernkorn

Uta Ranke-Heinemann 2002 in ihrem Haus in Essen.

Auf keinen Fall will Uta Ranke-Heinemann aus der katholischen Kirche austreten. Die Theologin, die am 2. Oktober 85 Jahre alt wird, versteht sich "als bleibenden Protest in der katholischen Kirche" und will sie nicht "dem herrschsüchtigen, kalten vatikanischen Machtapparat überlassen". Ein Interview zum Geburtstag.

Seit Jahrzehnten gelten sie als schärfste Kritikerin des Papstes und der katholischen Kirche. Was treibt Sie an?

Uta Ranke-Heinemann: Mein Vater (Anmerkung der Redaktion: Bundespräsident Gustav Heinemann) hat, schon als ich Kind war, oft gesagt: "Uta, gib nicht immer Widerworte". Das ist wohl so geblieben. Ich sah immer schon das Haar in der Suppe, bevor es überhaupt reingefallen ist. Das hat mir viel Ärger eingebracht. Anderseits sagte mein Vater später einmal zu meiner Mutter: "Von all meinen Kindern hat Uta mein Rebellenblut am meisten geerbt."

Sie stammen aus einem protestantischen Elternhaus. Warum sind Sie 1953 zum Katholizismus konvertiert?

Ranke-Heinemann: Aus Dummheit und aus Unwissenheit. Ich hatte mich schon auf der Schulbank mit Edmund Ranke verlobt - einem Katholiken, der Mönch werden wollte. Er war so intelligent und verständnisvoll. Und ich dachte, katholisch sein ist so wie er ist. Zu Hause war das aber keine große Freude. Ich fand die Vorurteile gegenüber Katholiken ungerecht und hatte immer das Gefühl, ich muss den Unterdrückten helfen.

"Es gibt keine Hölle. Jesus war ein Anti-Höllen-Prediger"

Wie beurteilen Sie den Stand der Ökumene heute?

Ranke-Heinemann: Die Situation hat sich völlig verändert. Heute heiraten Katholiken Evangelische und umgekehrt. Was gar kein Problem ist.

Worin liegt dann Ihre Kritik an der katholischen Kirche?

Ranke-Heinemann: Ich kann 2000 Jahre Frauen- und Sexualfeindlichkeit der katholischen Kirche nicht ertragen. Das gibt es im Protestantismus nicht mehr dank Martin Luther - der als Mönch eine Nonne heiratete. Außerdem: Frauen können Bischöfin werden. Zu predigen, dass Frauen ins ewige Höllenfeuer kommen, wenn sie ein Kondom benutzen, dass Kondome nur "für männliche Prostituierte" erlaubt sind, wie Papst Benedikt in seinem Buch "Licht der Welt" schreibt, empört mich.

Ihre Kirchenkritik geht aber noch weiter.

Ranke-Heinemann: Ich werfe der Kirche besonders vor, dass sie sich von der Botschaft Jesu, die er in der Bergpredigt verkündet hat - nämlich: keine Vergeltung und den Feinden Gutes tun - vollkommen wegbewegt hat. Es ist keine Kirche der Liebe und des Verständnisses mehr, es ist eine Kirche der kalten Macht und Sexualfeindlichkeit.

Meine Probleme mit dem Christentum beginnen rund 300 Jahre nach der Geburt Jesu. Damals machte Kaiser Konstantin das Christentum zur Weltreligion und gab den christlichen Bischöfen unter anderem auch das Recht einer eigenen Gerichtsbarkeit. Konstantin hatte nämlich, so berichtet sein Biograf Eusebius vor der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 "mit seinem Heer am Himmel ein Kreuzzeichen gesehen mit den Worten: 'In diesem Zeichen wirst du siegen!'" Er siegte dann auch in diesem Kreuzzeichen, ließ seinen Gegner Maxentius von der Milvischen Brücke stürzen und gab dem Christentum aus Dankbarkeit viele Privilegien. Militarismus ist seitdem das erste Kennzeichen des Christentums.

Welche theologische Vorstellung haben Sie vom ewigen Leben?

Ranke-Heinemann: Vorstellen? Ich hoffe auf ein Wiedersehen mit den geliebten Toten. Und wenn die schwarzen Zweifel wieder kommen und Ratlosigkeit und Verlassenheit Überhand nehmen, seit der Tod meines Mannes mich aus der Verankerung riss, dann hat mich in meiner Trauer Immanuel Kant getröstet, dass der Zweifel einen Sinn hat. Ich bin schon zweimal fast an Dehydration gestorben - ich sah schon meinen Mann und meine Mutter am Ende eines Ganges im Licht stehen. Dann hat mich aber mein Sohn Andreas gerettet beziehungsweise zurückgeholt.

Glauben Sie an die Existenz der Hölle?

Ranke-Heinemann: Es gibt keine Hölle. Jesus war ein Anti-Höllen-Prediger. Oder wie der evangelische Neutestamentler Rudolf Bultmann sagt: Die Höllenworte sind Jesus in den Mund gelegt worden. Die Hölle ist eine Erfindung der christlichen Kirche, um den Menschen Angst zu machen und sie besser kontrollieren zu können. Bei den Moslems übrigens dauert die Hölle nur so lange, "wie Allah, der Allerbarmer, es will."

"Erst kommt das Geld und dann der Glaube. Es erinnert an den Ablasshandel in Luthers Zeiten"

Bei soviel Kirchenkritik - haben Sie nicht schon darüber nachgedacht, aus der katholischen Kirche auszutreten?

Ranke-Heinemann: Auf keinen Fall trete ich aus. Da ich mich als Christin verstehe im Sinne von Jesu Bergpredigt, möchte ich nicht die Kirche komplett diesem herrschsüchtigen, kalten vatikanischen Machtapparat überlassen. Ich verstehe mich als bleibenden Protest in der katholischen Kirche. Darüber hinaus halte ich es für wichtig, dass ich als Frau in einer Kirche, die zu einem Männerbiotop degeneriert ist - in der man die Hälfte der Menschen, nämlich die Frauen, vertrieben hat, in der alle Hirten Männer und alle Frauen Schafe sind - für die Rechte der Frauen kämpfe.

Das heißt, Sie zahlen weiterhin Kirchensteuer?

Ranke-Heinemann: Ja, ich zahle weiterhin - leider - Kirchensteuer. 1989 musste ich sogar 42.000 Mark zahlen. Damals bekam ich ein Dankesschreiben vom Bistum Essen, obwohl sie wussten, woher das Geld kommt: von meinem Buch "Eunuchen für das Himmelreich" nämlich.

Wie beurteilen Sie denn das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, dass Kirchensteuer nicht von der Kirchenmitgliedschaft getrennt werden kann?

Ranke-Heinemann: Dieses Urteil zeigt das wahre Wesen der katholischen Kirche. Erst kommt das Geld und dann der Glaube. Es erinnert an den Ablasshandel in Luthers Zeiten, wo man sich für Geld einen Platz im Paradies kaufen konnte und der Platzanweiser für das Paradies die katholische Kirche war. Natürlich profitiert nicht nur die katholische Kirche von der Kirchensteuer, sondern auch die protestantische, die ja gegen dieses Urteil auch nicht protestiert hat.

Was halten Sie von dem Dialogprozess, den die katholischen Bischöfe angestoßen haben?

Ranke-Heinemann: Dialog mit wem? Bischöfe unterhalten sich untereinander über andere und nie mit Andersdenkenden, immer nur mit Leuten, die denken wie sie.

"Leider ist dann Joseph Ratzinger Papst geworden. Das ist einfach ein ganz großes Pech"

Sehen Sie irgendwelche Fortschritte, wie etwa bei den Gesprächen über die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Eucharistie?

Ranke-Heinemann: Leider verstarb jetzt Kardinal Carlo Maria Martini, der bei der letzten Papstwahl auch zur Wahl stand und der als einziger Kardinal diese Problematik überhaupt in Betracht zog. Er hat all diese Punkte angesprochen. Leider ist dann Joseph Ratzinger Papst geworden. Das ist einfach ein ganz großes Pech. Martini hat ausdrücklich auch von Wiederverheirateten gesprochen.

Sie sind parteilos. Trotzdem hat die PDS Sie 1999 für das Amt der Bundespräsidentin vorgeschlagen. Bedauern Sie, dass es nicht geklappt hat?

Ranke-Heinemann: Als der Parteivorsitzende Lothar Bisky damals von Zypern aus anrief und mich fragte, ob ich kandidieren würde, habe ich geantwortet: Ich gehe nirgendwo hin zu Veranstaltungen und von mir hört man auch nur den einen Satz: "Hört auf zu bomben!" Es war damals Kosovokrieg. Und Bisky sagte, das ist in Ordnung.  Bisky wollte mich genau deswegen als Kandidatin.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, was haben Sie erreicht?

Ranke-Heinemann: Nichts habe ich erreicht. Ich bin der unkündbare Protest in der katholischen Kirche. Erreicht? Doch: ich habe zwei wunderbare Söhne und einen fantastischen Enkel.