Zuhal Soyhan: "Ich bin keine Heldin"

imago/HR Schulz

TV-Journalistin Zuhal Soyhan (GER) anlässlich eines Fotoshootings in ihrer Münchener Wohnung

Zuhal Soyhan ist einen Meter und dreißig groß, sie leidet an der Glasknochenkrankheit und sitzt im Rollstuhl. "Ich bin ein Glückspilz", sagt die 46-jährige TV-Journalistin. Zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai hat sie evangelisch.de ihre wundersame Geschichte erzählt.

Im Alter von drei Jahren beschließt Zuhal Soyhan, nicht zu sterben. Sie wird in ihrem Heimatort in der Türkei bei einem Erdbeben in ihrem Elternhaus verschüttet. Helfer ziehen das kleine Mädchen aus den Trümmern und es meldet sich mit einem lauten Schrei zurück.

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Dieses Erdbeben nennt Zuhal Soyan heute einen Glücksfall. Ohne dieses Erdbeben wäre sie heute nicht da wo sie ist. Zuhal Soyhan ist erfolgreiche Radio- und Fernsehjournalistin und Deutschlands einzige Moderatorin im Rollstuhl. "Wenn ich mir anschaue, was da alles noch gekommen ist an schönen Sachen, bin ich ganz froh, dass ich überlebt habe," sagt die 46-Jährige heute.

"Allah hat sich was dabei gedacht"

Durch die zahlreichen Knochenbrüche nach dem Erdbeben sind Zuhals Arme und Beine verformt, sie kann nicht mehr laufen. Ein türkischer Arzt konnte dem Mädchen nicht helfen. Er meint: "Allah hat sich schon etwas dabei gedacht." Das müsse die Familie akzeptieren. Doch Ganz so einfach machen es sich die Eltern nicht: Sie hoffen auf Hilfe in der Fremde und ziehen nach Deutschland.

Soyhan als Kind mit ihrem Vater im Krankenhaus. Foto: privat

Für die Zukunft der Tochter verzichten die Eltern auf ihre Heimat, aus einer anerkannten wohlhabenden Familie in der Türkei werden Arbeiter in einem fremden Land. "Für meine Eltern tut es mir wahnsinnig Leid, dass ihr Lebenskonzept so massiv beeinträchtigt wurde", sagt Soyhan heute. "Ich bin ihnen wahnsinnig dankbar, dass sie nicht gesagt haben: Behinderung ist Behinderung."

Ihre ersten drei Lebensjahre in Deutschland verbringt die kleine Zuhal im Krankenhaus: Unzählige Operationen, die Ärzte und Schwestern kann sie nicht verstehen. Irgendwann erkennt das kleine Mädchen, dass sie mit den Menschen kommunizieren muss, um diese Zeit zu überstehen. Eines Morgens kommt die Schwester, um das Frühstück zu verteilen und die kleine Zuhal sagt: "Ich möchte bitte einen Tee." Die Krankenschwester ist so verdattert, dass sie ihre Kolleginnen ruft. Das Mädchen muss den Satz einige Male wiederholen. Von diesem Zeitpunkt an spricht sie deutsch. "Das war wieder so ein Überlebensdrang von mir", sagt Soyhan heute.

"Der Nikolaus kommt nicht zu einer Türkin"

Zuhal Soyhans Geschichte hat auch viele traurige Kapitel. Sie wächst auf im Krankenhaus und in einem Heim für Behinderte. Und beides liegt im katholischen Bayern. Sie geht in die Kirche und zum Religionsunterricht. Aber sie merkt, dass viele sie trotzdem anders behandeln. "Überall wo ich aufgetaucht bin, hieß es: Jetzt kommt unsere Türkin", weiß Soyhan heute noch. "Auch der Nikolaus ist zu den Kindern gekommen, aber nicht zu mir. Und auf die Frage nach dem Grund hieß es: Der Nikolaus kommt nicht zu einer Türkin."

Diskriminierungen begleiten Soyhan durch ihr gesamtes Leben. Dass Köperbehinderte genauso wie nicht behinderte Menschen eine gute Bildung genießen sollten, um von ihrer Arbeit leben zu können und um ein erfülltes Leben zu leben, davon erfährt Soyhan nichts. Es geht nur darum, dass sie ihre Schuhe binden und das Besteck auf die richtige Seite legen kann. "Im Heim ging es nie darum, mich geistig zu fördern", erinnert sie sich noch heute.

Arbeitsamt-Mitarbeiter: "Brauchen tut dich da draußen keiner"

Der Sachbearbeiter des Arbeitsamts, der sie beraten soll, ist überzeugt, dass Zuhal Soyhan genau zwei Optionen hat: Entweder sie arbeitet in einer Seidenmalerei-Werkstatt oder sie sitzt als Pförtnerin bei einer Behörde. Als sie ablehnt und entgegnet, sie wolle die mittlere Reife und Abitur machen, um zu studieren, sagt er: "Brauchen tut dich da draußen keiner."

Doch die kleine Frau kämpft sich durch. "Mir war klar, dass ich unheimlich viel in diesen Kopf hinein bringen muss, damit ich eines Tages ein selbstständiges Leben führen kann", sagt sie heute. Ihr Ziel: "Bloß weg von diesen ganzen Wir-wissen-was-gut-für-dich-ist-Geschichten." Das war nicht immer leicht. Heute sagt Soyhan: "Gott sei dank habe ich mich für diesen steinigen Weg entschieden." Und sie schafft es. Nach Abitur und Studium wird sie an der Deutschen Journalistenschule in München angenommen.

Eine Treppe kann über den beruflichen Erfolg entscheiden

Auch als Journalistin spielt ihre Behinderung eine Rolle. Bei Terminen außerhalb der Redaktion ist die erste Frage in Soyhans Kopf: Was ist, wenn es eine Treppe gibt? "Ich konnte mir nicht wie die Kollegen ein Aufnahmegerät schnappen, es um die Schulter hängen und losmarschieren", sagt sie heute. Und: "Ich wollte beweisen, dass man diesen Job im Rollstuhl genau so hinbekommt." Sie ruft vor den Terminen an und klärt, dass sie auch mit Rollstuhl daran teilnehmen kann. In Interviews mit Betroffenen merkt Soyhan, dass ihre Behinderung auch hilfreich sein kann. "Bei vielen bewegenden Geschichten haben die Menschen das Gefühl, dass ich nachvollziehen kann, wie es ihnen geht."

Das Cover von Zuhal Soyhans Buch "Ungebrochen". Foto: PR

Zuhal Soyhan hat ihr Leben lang Rückschläge eingesteckt, beruflich und privat. Sie hat ihren Vater früh verloren, ihre Cousine und enge Freundin hat sich das Leben genommen. Dennoch sagt sie Sätze wie: "Das Leben ist ein Geschenk." Und: "Ich bin ein Glückspilz." Dazu trägt auch ihr Glaube bei: "Mein Gott heißt manchmal Allah und manchmal der liebe Gott." Die Moderatorin empfindet es als Reichtum, sich in beiden Religionen, dem Islam und dem Christentum, auszukennen. Für sie ist klar: "Ich glaube, dass es einen Menschen wie mich geben muss. Deshalb hat er mir nicht nur diese Behinderung gegeben, sondern auch eine ganze Portion Kraft und Lebensfreude." (Buchcover links: PR)

Soyhan spricht über ihre Geschichte und hat sie in dem Buch "Ungebrochen – mein abenteuerliches Leben mit der Glasknochenkrankheit" aufgeschrieben, weil sie etwas ändern möchte: "Das Problem ist, dass viele Menschen es sich nicht vorstellen können, dass man mit einer so schweren Behinderung ein so erfülltes und glückliches Leben führen kann." Als Vorzeige-Behinderte will sie nicht gelten. "Ich bin keine Heldin, die irgendwelche Botschaften in die Welt hinaus bläst. Dafür habe ich nicht wirklich was getan, sondern nur mein eigenes Leben gelebt."