Ökumene – Wagnis der Einheit in Vielfalt

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Im Alltag wirkt es manchmal unnötig kompliziert, wenn der Unterschied zwischen den christlichen Bekenntnissen zum Thema wird. Ein Paar möchte sich trauen lassen, bringt aber unterschiedliche Konfessionen mit in die Ehe – was tun?

Eine gute Freundin der Familie soll Taufpatin werden, ist aber orthodoxen Glaubens – geht das? Schon die Erstklässler lernen getrennt im evangelischen oder katholischen Religionsunterricht – muss das sein? Für Gläubige unterschiedlicher Konfessionen sind Begegnungen und das Zusammenleben meist gar kein Problem. Die christlichen Kirchen aber haben ihre eigenen Rechte und Regularien im Umgang mit der jeweils anderen Konfession. Warum die Landschaft christlicher Kirchen und Glaubensgemeinschaften derart vielfältig bis zerklüftet ist, fällt mitunter schwer nachzuvollziehen.

Vielstimmigkeit so alt wie die Kirche selbst

Dabei ist die Vielstimmigkeit des Glaubens so alt wie die Kirche selbst. Die frühesten Wurzeln des Christentums liegen in einer Vielfalt von Gemeinden, die sich alle – auf unterschiedliche Weise – auf Jesus Christus beziehen. Um den richtigen Glauben, die wahre Lehre, um Regeln für den Alltag und fürs Abendmahl wurde dabei immer wieder gerungen. Die Gläubigen in unterschiedlichen Gemeinden, Ländern und Kulturen haben – im Blick auf die eine Bibel – durchaus verschiedene Antworten gefunden auf ihre Glaubensfragen. Schließlich bezeugen bereits die vier Evangelien ganz unterschiedliche Bilder von und Bekenntnisse zu Jesus Christus und seiner Botschaft.

Die beständig wachsende Kirche des ersten christlichen Jahrtausends verstand sich mehr und mehr als weltumspannend – und damit wortwörtlich als ökumenisch. Der griechische Begriff „oikumene“ bezeichnet ursprünglich die „gesamte bewohnte Welt“. Unterschiedliche theologische Deutungen der christlichen Botschaft in diesem geografisch, politisch und kulturell sehr vielfältigen Gebiet führten dann aber auch zu Differenzen und Streitigkeiten. Immer wieder wurden neue Ideen aufgegriffen oder verworfen, es bildeten sich neue Glaubensgemeinschaften, die sich lossagten von der Kirche – oder als Irrlehre verboten wurden.

Mehr als 350 christliche Kirchen weltweit

So zerfiel, nach einem langen Prozess der Entfremdung, der christliche „Erdkreis“ (oikumene) 1054 in die östlich-orthodoxe und die westlich-römische Kirche. Die letzte große Kirchentrennung war eine Folge der reformatorischen Bewegung um Martin Luther, die im 16. Jahrhundert in der Gründung evangelischer Kirchen und einer Neuordnung der katholischen Kirche mündete. Um diese Zeit entstanden auch die ersten Freikirchen, weitere folgten im 19. Jahrhundert. Heute gibt es weltweit mehr als 350 christliche Kirchen und kirchliche Gemeinschaften, die in vielfältigen Formen ihren Glauben leben.

Natürlich haben all diese christlichen Kirchen viele Gemeinsamkeiten und nach wie vor die gleichen Wurzeln. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert ist die Bereitschaft gewachsen, sich gegenseitig als Gesprächspartner anzuerkennen, sich zu vernetzen und zusammenzuarbeiten. Zunächst haben sich die einzelnen Glaubensrichtungen zu konfessionellen Weltbünden und Allianzen zusammengeschlossen. Nach und nach sind auch konfessionsübergreifende Bewegungen und Organisationen entstanden. Die größte und bedeutendste ist der 1948 gegründete Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK).

„Ertragt einer den anderen in Liebe“

Mit diesen weltweiten christlichen Verbindungen greift die Ökumenische Bewegung das Stichwort "oikumene" der frühen Kirche wieder auf und sorgt seit Jahrzehnten dafür, dass das Gespräch zwischen unterschiedlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften nicht abreißt. Sie betont den gemeinsamen Bezugspunkt der vielfältigen Glaubensgemeinschaften: den einen Gott, der seinen Sohn in diese Welt geschickt hat. Diese Basis will die Ökumenische Bewegung stärken; anderes, wie die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, Traditionen, Nationalitäten, Gesinnung oder Geschlecht, sollen und können diese Einheit im Glauben nicht einschränken.

Ein Bibelwort aus dem Epheserbrief (4, 1-6) dient dafür als Richtschnur: „Ertragt einer den anderen in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da über allen und durch alle und in allen.“ In diesem Sinne gibt es bleibende Gemeinsamkeiten, die auch über Trennungen und Differenzen der Kirchen hinweg gültig bleiben: die Bibel als Grundlage kirchlichen Handelns, die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse sowie die Taufe. Keine christliche Kirche stellt diese Attribute infrage.

Über diese Gemeinsamkeiten hinaus will die Ökumenische Bewegung eine Gemeinschaft in Vielfalt pflegen und ausbauen. Nachdem die Mitgliedskirchen des ÖRK 1982 in der sogenannten Lima-Erklärung ihre Übereinstimmung im Verständnis der Taufe dargelegt haben, steht eine solche Basis für das – auch gemeinsam gefeierte – Abendmahl noch aus.

Ökumenische Zusammenschlüsse

Die Vielfalt des gelebten Glaubens gehört zum Wesen des Christentums. Das versteht sich als Einheit aus seiner Mitte heraus, dem menschgewordenen Gott, nicht aber aufgrund einheitlicher Formen und Strukturen. Die unterschiedlichen ökumenischen Institutionen und Zusammenschlüsse setzen mit ihren Kompetenzen im Umgang mit diesen Unterschieden und im Dialog zugleich starke Akzente im Dialog der Kulturen, für Versöhnung und Frieden und für eine Vision der Einheit in Verschiedenheit.