Nach der Flucht: Zerrissen zwischen Schmerz und Erleichterung

Ein Besuch im Auffanglager Friedland
Grenzdurchgangslager Friedland von Cornelia Kurth

Foto: Cornelia Kurth

von links nach rechts: Razwan Shadoud, Dolmetscher Ishkhan Shahinian, Fadya F. und Huzama Alhmod

Wer es bis hierher schafft, ist erst einmal sicher. Doch die Nahost-Flüchtlinge quält das erlebte Leid, die Trennung von Angehörigen, die ungewisse Zukunft. Der überforderte Staat bietet kaum Hilfen - und auch die Seelsorge stößt an ihre Grenzen.

"Stopp! Schluss mit den Fragen!" Keine fünf Minuten hat die muslimische Grundschullehrerin Fadya F. aus Syrien gesprochen und den Vorhang zum Fenster der Welt, aus der sie gerade geflohen ist, geöffnet - schon ist es ihr zu viel. "Das können wir niemals auffangen", sagt Pastor Martin Steinberg, ein Profi im Umgang mit Flüchtlingen. Seit elf Jahren arbeitet er als evangelischer Lagerpastor im Grenzdurchgangslager Friedland, der ersten Anlaufstation in Deutschland für Menschen aus aller Welt, die vor Krieg, Mord und Verfolgung fliehen. Er selbst bleibt ruhig bei der Erzählung der 44-Jährigen. Doch sie selbst wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, und auch die anderen Zuhörer haben feuchte Augen.

Fadya F.s Mann, der Vater ihrer fünf Kinder, wurde entführt. Um die Lösegeldforderung drastisch zu untermauern, erhielt sie ein Video, das zeigt, wie man ihn foltert. "Ich weiß nicht mal, wer die Leute sind, ob es Rebellen sind, ob Männer vom 'Islamischen Staat' oder einfach Verbrecher, die ihre Chance nutzen", sagt sie. "Wo ist mein Mann? Lebt er noch? Werden wir ihn jemals wiedersehen?" Sie konnte sich um nichts mehr kümmern, musste auch ihre Kinder in Damaskus zurücklassen. Ihr Leben war in höchster Gefahr, nachdem einige Grundschüler Sprüche gegen Syriens Präsidenten Baschar Al-Assad an die Tafel geschrieben hatten und die Polizei sie dafür verantwortlich machte. Was für eine Absurdität, von allen Seiten gleichzeitig bedroht zu sein: von der Regierung, den Rebellen, den fanatischen IS-Kämpfern.

Neben ihr im Büro des Lagerpastors Steinberg sitzt Huzama Alhmod, 33 Jahre alt, Rechtsanwältin aus der Stadt Deir ez-Zor im Osten Syriens. Wie Fadya F. ist auch sie auf eigene Faust in höchster Not geflohen, mit gefälschtem Pass und - das ist ungewöhnlich - einem Flugticket direkt in die Türkei. Auch ihre Geschichte ist ein Beispiel für das umfassende Chaos innerhalb Syriens, wo es keinen sicheren Ort mehr zu geben scheint.

Als die Luftwaffe des Assad-Regimes das von islamistischen Rebellen kontrollierte Deir ez-Zor bombardierte, war Huzama Alhmod mit ihrer Familie zu ihrem Onkel geflüchtet - um dort in doppelte Lebensgefahr zu geraten. Wie die Rebellen und wie die Mitglieder des IS ist sie Sunnitin, der Onkel aber ist Schiit. "Als wir zurückkehrten, dachte man, wir wären zu den Schiiten konvertiert, eine Todsünde, die der IS mit dem Tod bestraft", sagt sie. Es gab keine Chance, irgendetwas richtigzustellen. Hals über Kopf wurde die Flucht in die Türkei organisiert, wo jetzt ihr Mann und die drei Kinder darauf hoffen, bald auch im Durchgangslager Friedland anzulanden.

"Wäre ich geblieben, wäre ich längst tot"

"Für Huzama Alhmod sieht es insgesamt ganz gut aus", meint Pastor Steinberg. "Ich denke, die Familie wird bald zusammengeführt sein, Friedland verlassen können und ihr Asylverfahren durchbringen." Dann wirft er einen Blick auf Razwan Shadoud, 40 Jahre alt, Kaufmann aus Syrien, der ebenfalls zur Gesprächsrunde gehört; ein großer, starker Mann, der ruhig lächelt, wenn man mit ihm spricht, und doch auch beinahe geweint hätte, als Fadya F. ihre Geschichte erzählte. Razwan Shadoud hat eine halbe Weltreise hinter sich gebracht, um dem Tod zu entkommen. Ob er in Deutschland bleiben darf, ist trotzdem ungewiss.

Pastor Martin Steinberg

"Es gibt die privilegierten Flüchtlinge aus Syrien, die im Rahmen des Sonderprogramms von 2013 ohne weiteres Asylverfahren aufgenommen werden", sagt Pastor Steinberg. "Und es gibt die 'armen Schweine', die auf eigenes Risiko kommen und durch die Mühlen der Bürokratie wandern müssen." Die beiden Frauen am Tisch werden es etwas leichter haben als Razwan Shadoud, weil einige ihrer Angehörigen bereits in Deutschland leben. Der 40-Jährige existiert dagegen in einer Art luftleerem Raum und weiß nicht, ob er bleiben kann oder wohin er eventuell zurückgeschickt wird. Tatsache ist: Seine Heimat Syrien und seine Heimatstadt in der Provinz Hama sind für ihn als Christ nur noch Todeszonen.

"Wenn ich geblieben wäre, ich wäre schon längst tot, wie so viele andere Christen, die vom IS ermordet wurden", sagt er. "Wir werden verfolgt, bedroht, vertrieben, entführt, getötet." Als Agrarhändler konnte Razwan Shadoud sich ein finanzielles Polster zulegen. Für 12.000 Dollar vertraute er sich Schleppern an, Zielort "Friedland". Er landete in Marokko und Spanien, in der Türkei, in Frankreich, Belgien und schließlich in Deutschland. Hier und jetzt ist das Durchgangslager wirklich ein "Friedland" für ihn. Die beiden muslimischen Frauen Fadya F. und Huzama Alhmod haben keinerlei Berührungsängste zu ihrem christlichen Leidensgenossen, ebenso wenig wie er zu ihnen. Auf einem Gruppenfoto mit dem jungen Dolmetscher Ishkhan Shahinian sitzen sie dicht beisammen auf einer Bank und lächeln in die Kamera wie für ein Familienfoto.

Es ist ein Wunder, dass diese drei Menschen, drei von Abertausenden mit ähnlichen Schicksalen, noch lächeln, noch lachen können; allen voran Fadya F., die vorhin noch so weinen musste, die am liebsten allen das Schreckensvideo von ihrem gefolterten Mann gezeigt hätte und gleichzeitig sofort verstand, dass das nicht geht. "Ja, ich will lächeln, wann immer es möglich ist", sagt sie. "Man muss lachen, wenn es was zum Lachen gibt. Wie sonst sollte ich das Leben ertragen?"

Für viele neu: Es zählt nicht das bloße Recht des Stärkeren

Pastor Martin Steinberg, der die ganze Zeit bei dem Gespräch mit den drei syrischen Flüchtlingen dabei war, versteht durchaus, wie beunruhigend es für Außenstehende sein muss, drei Kurzversionen eines Lebens auf der Flucht zu hören, ohne weiter nachfragen zu dürfen. Nicht nur Besuchern des Lagers, auch sich selbst setzt er Grenzen. "Meine Erfahrung ist: Die Menschen sind erleichtert, ja dankbar, dass sie überhaupt gehört werden und dass sich eine Öffentlichkeit für diese Flüchtlingsschicksale interessiert", sagt er. Es wäre aber eine unverantwortliche Fahrlässigkeit, als psychologisch ungeschulter Mensch weiter in die Traumata der Verfolgten vordringen zu wollen. "Man kann nicht im Vorübergehen über Mord, Folter und Vergewaltigung sprechen, ohne Gefahr zu laufen, dass das Gegenüber einen völligen Zusammenbruch bis hin zur Psychose erleidet", meint er.

Zu all dem Leid, das die Menschen durchmachen müssten, komme oft noch ein tief sitzendes Schuldgefühl hinzu: Ich habe es geschafft, und meine Freunde und meine Familie leben immer noch in der Hölle. Trotzdem gebe das Grenzdurchgangslager Friedland seit nun fast 60 Jahren denen, die hier ankommen, wieder Hoffnung. Das sei bei den Heimkehrern aus der russischen Kriegsgefangenschaft so gewesen, ebenso wie bei den Spätaussiedlern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, bei Flüchtlingen aus afrikanischen Ländern, aus Asien und aus dem Nahen Osten. "Für eine Weile treffen hier Menschen friedlich aufeinander, die sich woanders vielleicht gegenseitig bekriegt hätten", sagt Steinberg. Dann seufzt er: "Ich mache hier unter anderem die Asylberatung und sehe, wie überfordert die Kollegen in den Ämtern sind. Wie halbherzig die Flüchtlingspolitik ist, wo überall das Geld fehlt, um die vom Gesetz geforderte zügige Abwicklung der Verfahren zu gewährleisten."

Beim Rundgang durch das Lager mit seinen aktuell 850 Bewohnern, das eigentlich nur 650 Menschen Platz bietet, gilt es, einen Zebrastreifen zwischen den beiden Lagerhälften zu überqueren. "Ja, der berühmte Zebrastreifen, der Lackmustest für Demokratie und Menschenrechte!", ruft der Pfarrer. Die meisten Flüchtlinge, die zum ersten Mal die kleine Autostraße überqueren müssten, sie würden einfach nicht glauben wollen, dass ein heranfahrender Wagen wirklich ihretwegen anhält und nicht etwa, weil der Fahrer vorher bestochen wurde. "Viele, die erstaunt sehen, dass ein Mercedes stoppt, um ein Flüchtlingskind heil über die Straße gehen zu lassen, können das gar nicht fassen." Und sie erhalten einen ersten Eindruck davon, dass hier, wo sie Zuflucht fanden, nicht umstandslos das bloße Recht des Stärkeren zählt.