Menschenfischer

Mehr noch als Sprache und Herkunft, verbinden uns manchmal Symbole miteinander.

Wann immer ich in meiner Kindheit Autos malte, waren sie rot. Denn rot war auch unser Familienauto. Ein Siebensitzer, in dem nicht nur meine Eltern, Schwestern und ich Platz fanden, sondern immer auch ein paar Freundinnen, Puppen und Kuscheltiere. Unser roter Ford war uns jahrelang verlässliches Gefährt. Er brachte uns in den Urlaub nach Dänemark, zum Kinderarzt oder ins Schwimmbad. In jedem Parkhaus fanden wir ihn schnell wieder.  Irgendwie war ich sogar ein bisschen stolz auf unser rotes Auto. Mit den Jahren verlor es zwar etwas an Glanz, ein paar Schrammen zierten nach und nach Heckklappe und Beifahrertür, doch im Stich ließ es uns nie. Kein Unfall, kein Motorschaden, kein ungewollter Halt auf freier Strecke. Wenn ich an meine Kindheit denke, denke ich immer auch an unser rotes Auto.

Doch wie das so ist: Kinder werden älter und wollen irgendwann nicht mehr unbedingt mit Mama und Papa in den Urlaub, zum Kinderarzt und ins Schwimmbad fahren. So war es auch bei uns. Das Auto wurde zu groß. Nur noch selten brauchten wir sieben Sitze. Immer öfter fuhren meine Eltern zu zweit und entschieden sich schließlich, das rote Großfamilienauto gegen einen dunklen Kleinwagen einzutauschen. Sie inserierten den alten Schlitten und ein paar Wochen später saßen in unserem Esszimmer drei Menschen. Sie kamen aus Sofia in Bulgarien. Ein Ehepaar und ein Übersetzer, die sich unser Auto ansehen wollten. Für ihre Familie mit ebenfalls drei Kindern, im gleichen Alter, wie wir es waren, als wir das rote Auto gekauft hatten. Das Gespräch zwischen meinen Eltern und den Autokäufern erinnerte an ein Ping-Pong-Spiel: Frage – Übersetzung – Pause – Antwort – Übersetzung und wieder von vorne. Das bulgarische Ehepaar wollte viel wissen. Mehr noch als für Zählerstand, Stoßdämpfer und Dieselmotor interessierten sie sich für die Geschichte unseres Autos. Wer war mit ihm gefahren? Hatte es Unfälle gegeben? War mal jemand zu Schaden gekommen? War den Kindern während der Fahrt oft schlecht geworden? Meine Eltern waren ein bisschen überrascht über die Fragen des Paares, doch sie antworteten bereitwillig. Dann gingen alle zusammen nach draußen und schauten sich das Auto aus der Nähe an. Der Familienvater ging prüfend um den Ford herum, besah ihn von allen Seiten, schaute auch unter das Auto und nickte schließlich zufrieden. Seine Frau hatte sich im Hintergrund gehalten, deutete nun aber auf den bunten Fischaufkleber auf der Heckklappe und ließ durch den Übersetzer fragen, was es damit auf sich habe. "Das ist ein Symbol für unseren Glauben. Wir sind Christen", erklärte mein Vater ihr. Die Augen der Frau leuchteten auf und sie blickte  ihren Mann breit lächelnd an. "Christen", wiederholte sie das deutsche Wort, zeigte auf sich und ihren Mann, nickte und reckte den Daumen. Nun lächelten sie alle. Waren sie in Sprache und Herkunft doch so verschieden, verband sie plötzlich der gemeinsame Glaube miteinander.

Im Haus gingen die Verhandlungen los. Das bulgarische Ehepaar wollte gern etwas weniger zahlen, als meine Eltern verlangt hatten. Sie sprachen über Ölwechsel, Reifendruck und die Überholung des Motors und verabschiedeten sich schließlich mit festem Händedruck. Sie würden voneinander hören. Beide Parteien wollten gern eine Nacht über den Verkauf schlafen. Außerdem hatte das Paar noch ein anderes Auto im Auge. Die weite Reise nach Deutschland sollte sich schließlich lohnen.

Ein paar Tage später klingelte das Telefon. Der Übersetzer war dran. Das Paar habe sich für unseren roten Wagen entschieden. Meine Eltern freuten sich, denn auch sie hatten ein gutes Gefühl bei der Sache. Kurz bevor sie auflegten, fragte mein Vater noch, ob der Übersetzer wisse, warum sich das Paar für unser Auto entschieden habe. "Es war der Fisch", sagte der Übersetzer. "Es war der Fisch auf der Heckklappe."