500 Jahre Weltuntergang

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Foto: Heiko Kuschel 2015

Was schenkt eine Stadt ihrem berühmtesten Sohn zum fünfhundertsten Jubiläum? Einen Baum. Oder ein paar mehr.

"Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen". Dieser dem berühmten Reformator Martin Luther zugeschriebene Satz begeistert bis heute alle Träumer dieser Erde. Ganz egal, was passiert: Wir arbeiten weiter an der Verbesserung dieser Welt, bis zum Ende. Ein schöner, inspirierender Satz. Ob Luther ihn selbst gesagt hat, ist gar nicht so wichtig.

Möglicherweise haben Sie in letzter Zeit schon mitbekommen, dass besagter Martin Luther vor ziemlich genau 500 Jahren lebte. Am 31. Oktober 2017 schlug er, so die Überlieferung, seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg – die Reformation begann.

Nun wollte Wittenberg seinem berühmtesten Sohn zum Fünfhundertjährigen ein Denkmal setzen. Doch was sollte es sein? Statuen gibt es schon mehr als genug, und Luther selbst hätte das vermutlich nicht so toll gefunden, war ihm solch ein Personenkult doch eher fremd. Da kam jemand auf die Idee mit dem Apfelbäumchen. Wie wäre es, für jedes Jahr einen Baum zu pflanzen? Ein lebendiges Denkmal. Ein Wald zum Wohlfühlen. Nichts Statisches, sondern eine Art Denkmal, das sich immer wieder verändert.

500 Apfelbäume – nun ja, das wäre eine ziemliche Plantage geworden. Vielleicht auch ein wenig öde. Und irgend jemand hätte sich um die Vermarktung der Tonnen von Lutheräpfeln kümmern müssen. Stattdessen werden nun in Wittenberg an verschiedenen Orten insgesamt 500 Bäume im "Luthergarten" gepflanzt. Das Besondere dabei: Jeder einzelne dieser Bäume bekommt einen oder mehrere "Paten". Gemeinden, Landeskirchen, Bistümer – was auch immer. Oft auch mehrere gemeinsam, aus verschiedenen Teilen dieser Welt. Die ersten fünf wurden von den großen christlichen Konfessionen übernommen, Nummer eins von Walter Kardinal Kasper aus dem Vatikan.

Auch wenn der Akt der Übernahme einer solchen Patenschaft "Pflanzung" genannt wird: Die Bäume stehen doch schon eine ganze Weile vorher da. An dem Baum treffen sich dann Delegierte der jeweiligen Gemeinschaft zu einer kurzen Andacht mit Lutherliedern. Symbolisch wird ein wenig Erde an den Stamm gehäufelt, gemeinsam mit einer Gießkanne der Baum begossen. Viele Kirchen, Gemeinden etc. pflanzen einen eigenen Baum bei sich zu Hause, der an den Baum in Wittenberg erinnert.

Ich selbst konnte vor einigen Wochen an der Pflanzung des 277. Baumes teilnehmen. Er trägt verwirrenderweise die Nummer 70 und wird gemeinsam vom Evangelischen Kirchenbezirk Markgräflerland, dem Kirchenkreis Zossen – Fläming und der Diözese in Canterbury verantwortet. Ein bewegender Moment. Mehrsprachiges Gebet, mehrsprachiger Gesang, fröhliche Menschen trotz Regens. Wunderschönes, gepflegtes British English. Ein Hauch von Internationalität und weltumspannender Kirche. Der Luthergarten: Ein völkerverbindendes Monument. Lebendig, wachsend, Hoffnung spendend. Und ein Ort der Ruhe, der Besinnung. Ein kleines Paradies, aber ohne Äpfel. Da können wir ja noch 500 Jahre weitermachen.