Wir sind die Guten

Geduld und Demut - ja, wir Hobbygärtner haben reichlich Gelegenheiten, uns darin zu üben. Was bleibt uns auch anderes übrig? Wer nicht wenigstens über ein Mindestmaß daran verfügt, wird wohl schnell an seinem Garten verzweifeln und die ganze Sache aufgeben.Für die Betreiber eines wildlife gardens möchte ich zur Liste der notwendigen Eigenschaften noch Toleranz und Großzügigkeit hinzufügen. Wer Insekten, Vögel, Säugetiere, Amphibien und Reptilien bei sich heimisch machen möchte, muss über langes Gras, Laub- und Asthäufen, Brennnesseln, Disteln und Blattläuse hinwegsehen können, zumindest in einer abgelegenen Ecke des Grundstücks. Und wer nicht bereit ist, sein Obst und Gemüse mit anderen Gartenbewohnern zu teilen, wird sich kaum an Vogelgezwitscher erfreuen können.Und so arbeite ich hart daran, nicht die innere Ruhe zu verlieren. Ich habe es aufgegeben, mich über die Amseln zu ärgern, die die Blaubeeren und die Erdbeeren immer kurz vor der Ernte wegklauen - ein, zwei Tage bräuchten sie noch, um rundum reif zu werden, doch die Amseln kommen mir grundsätzlich zuvor. Auch die Ringeltauben, die die keimenden Radieschen und Rettiche auszupfen, können meine Gelassenheit inzwischen nur noch kurzfristig erschüttern. Und die schwarzen Mini-Würstchen, die der Igel, den wir fast jeden Abend durch den Garten huschen sehen, auf der Terrasse und vor der Hintertür hinterlässt, wische ich jeden Morgen genauso stoisch weg, wie ich die Gartenbank von den Hinterlassenschaften der Spatzen befreie.Sie mögen jetzt einwenden, dass es keine große Kunst ist, mit Vögeln und Igeln Nachsicht walten zu lassen, schließlich gehören sie zu den beliebten Gartenbewohnern. Doch ich möchte mit einigem Stolz behaupten, dass ich inzwischen schon das Fortgeschrittenenstadium in Sachen Langmut erreicht habe. Auch sogenannte Schädlinge bringen mich nicht mehr aus der Fassung. Ich versuche nicht mehr, Blattläusen mit Seifenlauge den Garaus zu machen, und auch nicht, Schnecken in Bier zu ertränken. Denn ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass a) JEDES Tierchen seinen Platz im Universum hat (auch wenn ich mir manchmal wünsche, dass dieser Platz nicht ausgerechnet auf meinen Rosen wäre) und b) der Kampf gegen sogenannte Schädlinge sowieso dem gegen Windmühlen gleichkommt. Ich habe wegen ihnen jedenfalls keine schlaflosen Nächte mehr.Und da es sich ohne die Trennung in gut und böse so viel angenehmer, ausgeglichener und stressfreier lebt, möchte ich an dieser Stelle eine Lanze für die Gartenbesucher brechen, die fast jeder Hobbygärtner lieber jetzt als nachher loswerden möchte. Vielleicht hilft es Ihnen ja, Ihre innere Mitte zu finden.Ameisen: In unserem Blumenbeet wimmelt es von kleinen roten Ameisen. Sie graben Gänge und bauen Haufen rund um Blumenstängel und unter Blättern. Anfangs war ich besorgt, dass die Pflanzen Schaden nehmen könnten. Inzwischen weiß ich, dass sie das nicht tun. Und dass die Ameisen, die ja ein hochentwickeltes Sozialsystem haben, außerdem zur Verbreitung von Pflanzen beitragen, indem sie Samen herumtragen und eingraben, dass sie Blattläuse und Raupen verscheuchen und selbst wichtiges Nahrungsmittel für Vögel sind. Und wenn sie doch an einer sehr unpassenden Stelle überhand nehmen, lassen sie sich mit einem Häufchen Zucker an einen anderen Ort locken. Sie können das Giftspray also im Schrank lassen.Blattläuse: Ich will nichts beschönigen - Blattläuse saugen die Säfte aus den Pflanzen, sind verantwortlich für so manches schlappe, unansehnliche Blatt und übertragen Pflanzenkrankheiten. Aber: Marienkäfer, Schwebfliegen, Florfliegen und Spinnen sind auf sie als Nahrung angewiesen. Ihre Populationen werden reduziert, wenn sie nicht genügend Läuse finden, worunter dann wiederum Vögel, Fledermäuse und Igel zu leiden haben. Überlegen Sie also lieber zweimal, ob Sie die Nahrungskette wirklich unterbrechen wollen. Zumal sich das mit den Läusen im Spätsommer sowieso von allein erledigt.Käfer: Ohne Käfer (und ihre Larven) keine Vögel, keine Frösche, keine Igel, so einfach ist das. Was ist dagegen schon ein makelloser Rasen? Eine künstliche Monokultur!Schnecken: Mollusken sind wichtige Abfallabräumer - abgestorbene Blätter und anderes totes Pflanzenmaterial werden von ihnen aufgefressen und verwertet. Die meisten Arten sind deshalb auch nicht an unseren Garenpflanzen interessiert und deshalb harmlos. Okay, die schleimigen Kriecher mögen nach unseren Kriterien nicht gerade zum Liebhaben taugen. Aber die Drosseln, der Igel und so manche Amphibie haben da andere Ansichten - ohne Schnecken wäre ihr Frühstückstisch wesentlich ärmer gedeckt. Wir sollten also versuchen, die Mollusken mit ihren Augen zu betrachten.Spinnen:  Viele Menschen ekeln sich vor Spinnen. Warum, konnte mir noch niemand einleuchtend erklären. Denn die Gliederfüßer sind faszinierende Tiere, finde ich. Ihre Netze sind kleine Kunstwerke, sowohl das Design als auch das Material betreffend. Angst braucht hierzuland auch niemand vor ihnen zu haben, denn in Europa gibt es keine einzige Art, die uns gefährlich werden könnte. Sie sind nicht aggressiv (ich kenne jedenfalls niemanden, der jemals von einer Spinne gebissen worden wäre), fangen Fliegen und Stechmücken und dienen selbst als Vogelfutter. Also bitte mehr davon!Wespen: Dass Menschen, die gegen Wespenstiche (bzw. das Gift, das die Wespen bei einem Stich absondern) allergisch sind, vor den gelb-schwarz geringelten Insekten Angst haben, ist nachzuvollziehen. Weniger verständlich ist die Panik, mit der auch viele andere auf Wespen reagieren. Denn wer die Ruhe bewahrt und die Flieger nicht nahe ihrem Nest stört (Hecken und Beete vor dem Schneiden bzw. Unkraut jäten absuchen), hat eigentlich wenig zu befürchten. Und auch Nester sind kein Grund zur Aufregung, wenn sich die Einflugschneise nicht gerade mit Ihrem Zugang zum Haus kreuzt (in diesem Fall einen Imker oder Kammerjäger rufen, der kann die Tiere umziehen, ohne ihnen zu schaden). Wespen kommen nach dem Winter übrigens nicht in ein altes Nest zurück. Zum Dank für die Gastfreundschaft vertilgen sie aber so manches andere Insekt, das von uns Hobbygärtnern ebenfalls als Schädling angesehen wird.P.S. Noch nicht erschlossen hat sich mir die Bedeutung der Raupen der Maiglöckchen-Blattwespe (Phymatocera aterrima, s. Foto) für das Universum - die kleinen Mistviecher haben innerhalb von ein paar Tagen meine Salomonssiegel zu einem Gerippe heruntergefressen! Weder die Vögel noch der Igel scheinen an ihnen interessiert zu sein. Naja, zu irgendetwas werden sie schon gut sein. Ich muss nur noch herausfinden, zu was. Ommmmm.