WM-Auslosung: "... und am Ende gewinnt Deutschland"

WM-Auslosung: "... und am Ende gewinnt Deutschland"
Wolfgang Huber, bis vor kurzem Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat es zur Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland auf den Punkt gebracht: "Fußball ist ein starkes Stück Leben."

Für Deutschland gilt das allemal, schließlich bewerten viele Menschen hierzulande ein Fußballspiel als Geburtsstunde für die Bundesrepublik Deutschland. Was die elf Männer von Bundestrainer Sepp Herberger 1954 im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft geleistet haben, scheint mit menschlichen Kategorien ohnehin nicht messbar zu sein. "Das Wunder von Bern" heißt die Markenbezeichnung, unter der wir die Ereignisse vor 55 Jahren abgespeichert haben. In der wohl berühmtesten Radioreportage aller Zeiten leitet Herbert Zimmermann schon mit diesem Wort ein: "Es ist ein echtes Fußballwunder", sagt er und meint damit gar nicht den WM-Sieg. Nein, allein der Einzug ins Endspiel scheint dem Radiomann ohne wundervolle Hilfe nicht möglich gewesen zu sein.

Deutschland spielt gegen die hoch favorisierten Ungarn, liegt schnell mit 0:2 im Rückstand, schafft aber ebenso schnell den 2:2 Ausgleich, der in der folgenden Zeit bis kurz vor Schluss mit Zähnen, Klauen und einem herausragenden Torwart Toni Turek verteidigt wird. Zimmermann entfährt in seiner Begeisterung die Bemerkung: "Toni, Du bist ein Fußballgott." Dafür musste er sich später entschuldigen.

Bern leitet Erfolgsgeschichte ein

In dauerhafter Erinnerung aber bleiben die sechs Schlussminuten von Bern, die Zimmermann einleitet mit den Sätzen: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt!" Was dann kommt, ist ein Jubel, der heutzutage noch auf vielen Fußballplätzen nach Torerfolgen der eigenen Mannschaften von Kassette oder CD über die Stadionlautsprecher eingespielt wird: "Tor, Tor, Tor, Tor …". Nach Spielende ist das Wunder vollbracht, Deutschland gewinnt 3:2 gegen Ungarn, wird Weltmeister, wir sind wieder wer, der Rest ist Geschichte.

Übrigens auch deutsche Fußballgeschichte. Denn mit dem "Wunder von Bern" beginnt die wunderbare Erfolgsgeschichte deutscher Nationalmannschaften bei Fußball-Weltmeisterschaften. Mit drei Siegen und sieben Endspielteilnahmen befindet sich Deutschland unter den TOP 3 der Weltmeisterschaftsgeschichte – hinter den überragenden Brasilianern mit fünf Titelgewinnen und den Italienern, die den Cup viermal holten, zuletzt 2006 als Sieger des Sommermärchens in Deutschland.

Eines der besten deutschen Endspiele hat die DFB-Elf übrigens verloren. 1966 stand die Mannschaft um Kapitän Uwe Seeler und dem blutjungen Franz Beckenbauer im Finale von Wembley gegen den Gastgeber England. Zwei schnelle Tore führten in den ersten 20 Minuten zu einem 1:1, das lange Bestand hatte. Eine Viertelstunde vor Schluss erhöhten die Engländer auf 2:1, sahen wie der sichere Sieger aus, bis den Deutschen in der Nachspielzeit der Ausgleich gelang. Dadurch wurde eines der legendärsten Tore in der Geschichte der Weltmeisterschaften möglich – das Wembley-Tor.

Unvergessen: das Tor von 1966

Der englische Stürmer Geoffrey Hurst knallte den Ball kurz vor Schluss der ersten Verlängerungshälfte an die Unterkante der Latte, und dann? Die Engländer sagen: Von da sprang der Ball hinter die Torlinie. Die Deutschen behaupten: Der Ball sprang auf die Linie. Der Schiedsrichter gab kein Tor, dann korrigierte er sich nach Rücksprache mit dem Linienrichter: Tor! ARD-Kommentator Rudi Michel sagte: "Das wird wieder Diskussionen geben."

Recht hat er – die Diskussionen dauern genau genommen bis heute. England gewinnt mit 4:2, Deutschland wird – obwohl der Begriff erst viel später kreiert wird – Weltmeister der Herzen. Und gewinnt danach jahrzehntelang fast jedes wichtige Spiel gegen England. Was den englischen Top-Stürmer Gary Linecker zu der Aussage bringt: "Fußball ist ein Spiel von 22 Leuten, die rumlaufen, den Ball spielen und einem Schiedsrichter … und am Ende gewinnt immer Deutschland."

Wie 1974 im Endspiel vor heimischem Publikum in München gegen die Niederlande. 1:0 für die Holländer schon nach einer Minute, dann aber nach einer knappen halben Stunde Elfmeter für Deutschland. Rudi Michel, der Kommentator, kann kaum hinschauen, sagt deshalb: "Schauen Sie hin, meine Damen und Herren!" Und wir sahen: Breitner verwandelt zum 1:1, Müller erhöht auf 2:1, Torwart Maier hält in der zweiten Halbzeit die schärfsten Schüsse, Deutschland ist Weltmeister.

Elfmeter im Finale 1990

Um nach einer verkorksten WM 1978 in den kommenden zwei Finalen – 1982 und 1986 – gegen Italien und Argentinien jeweils den Kürzeren zu ziehen. Über das 1:3 gegen Italien muss nicht viel gesagt werden – es war das bisher schwächste deutsche WM-Endspiel. Vier Jahre später, gegen Argentinien, lief es auch nicht viel besser. 0:2 nach 51 Minuten, keine Chance, oder? Doch: Kopfballtore von Rummenigge und Völler besorgen den Ausgleich. Die Deutschen wollen mehr, erleben aber einen Zauberpass von Maradona, der Burruchaga steil schickt. ZDF-Reporter Rolf Kramer versucht, vom Reporterplatz aus das Unheil zu verhindern, ruft beschwörend zu Torwart Schumacher: "Toni, halt den Ball." Doch der Kölner Keeper, der eigentlich Harald heißt, ist an diesem Tage kein Fußballgott. Burruchaga versenkt den Ball im Netz, Argentinien ist Weltmeister und Schumacher sagt später: "Ich hab gehalten wie ein Depp."

Vier Jahre später, 1990, kommt es zur Revanche in Italien. Wieder stehen sich Deutsche und Argentinier im Endspiel gegenüber, doch diesmal ist die DFB-Elf das bessere Team. Doch es gelingt kein Tor. Bis Rudi Völler kurz vor Schluss im Strafraum zu Fall kommt. ARD-Reporter Rubenbauer blickt zum Schiedsrichter und schreit: "Was gibt er? Er gibt Elfmeter! Er gibt Elfmeter!"

Den schießt aber nicht der Kapitän, Lothar Matthäus, sondern der Außenverteidiger Andreas Brehme, einer der wenigen Fußballspieler, die beidfüßig gleich stark sind. Sein Gegner im argentinischen Tor heißt Goycochea und gilt als Elfmetertöter. Rubenbauer und sein Co-Kommentator Rummenigge fiebern der Ausführung des Elfers entgegen und fragen sich: Wie wird Brehme schießen? Mit links? Mit rechts? Und wird Goycochea die Ecke ahnen?

Brehme schießt mit rechts ins linke Eck. Goycochea ahnt die Ecke, aber er kann den platziert und scharf geschossenen Ball nicht halten. Rubenbauer jubelt: "Mit rechts! In die linke Ecke! Goycochea wusste alles – nur halten konnte er ihn nicht!" Deutschland schlägt Argentinien mit 1:0 und gewinnt zum dritten und bisher letzten Mal den Weltmeistertitel.

Ausscheiden im Viertelfinale geht gar nicht

Bei so vielen Erfolgen bewertet die deutsche Fußballnation ein Ausscheiden im Viertelfinale schon als missglücktes Turnier. Die Niederlagen in der Runde der letzten Acht gegen Bulgarien mit 1:2 (1994 in den USA) und mit 0:3 gegen Kroatien (1998 in Frankreich) versetzten dem fußballerischen Selbstbewusstsein der Deutschen einen empfindlichen Dämpfer. Da hilft auch der Finaleinzug 2002 bei der ersten Fußball-WM in Asien (Japan und Südkorea) nicht viel, zumal das Endspiel gegen Brasilen zwar das beste Spiel der Deutschen im ganzen Turnier wird, aber doch recht sang- und klanglos 0:2 verloren geht.

Märchenhaft wird es dann erst wieder 2006, als die "Welt zu Gast bei Freunden" in Deutschland ist. Das Sommermärchen endet mit Platz drei für Deutschland, aber die Fußballer hatten sich zurückgekämpft in die Herzen der Fans. Diesmal aber ist es kein Finale, das in Erinnerung bleiben wird. Diesmal ist es ein Gruppenspiel, das zweite der Deutschen, und der Gegner heißt Polen. Über 90 Minuten lang sieht das Publikum in Dortmund, vor den Fernsehschirmen und vor den Leinwänden beim Public Viewing eine klar überlegene deutsche Elf, aber das erlösende Tor will nicht fallen.

Bis in der Nachspielzeit der heute schon fast vergessene David Odonkor zum Flankenlauf seines Lebens ansetzt, eine scharfe Flanke nach innen bringt und Oliver Neuville den Ball mit dem rechten Fuß im Rutschen ins Tor befördert. "Jetzt ist es da!" schreit ARD-Reporter Steffen Simon. Wie Recht er hatte. Alles war da – der Sieg, der Jubel, das Sommermärchen. Und daran erinnern wir uns doch gern, wenn wir heute Abend nach Kapstadt schauen und uns fragen: Wen erwischen wir dieses Mal? Gegen wen geht es in den deutschen Gruppenspielen bei der WM 2010 in Südafrika?


Über den Autor: Jörg Bollmann ist Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik und Fußballfan.