Beton platzt von innen

Das Gedenkjahr 2014

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"Die Mauer muss weg!" Jubelnde Menschen stehen am 9. November 1989 auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor.

Beton platzt von innen
Die Mauer würde noch 100 Jahre stehen, prophezeite SED-Generalsekretär Erich Honecker am 19. Januar 1989 in Ost-Berlin. 42 Wochen später war sie weg.

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." SED-Generalsekretär Walter Ulbricht sagte den berühmten Satz auf einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 in Ost-Berlin. Knapp zwei Monate später wurde die Mauer gebaut. Nachfolger Erich Honecker (1912-1994) wurde auch durch einen Satz zur Mauer berühmt.

"Die Mauer wird bleiben"

"Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind", sagte Honecker am 19. Januar 1989 auf einer Veranstaltung zum 500. Geburtstag des Predigers, Reformators und Revolutionärs Thomas Müntzer.

Wer ahnte da schon, dass es mit der Mauer schon nach 42 Wochen und nicht erst nach 100 Jahren ein Ende haben würde. So war die erste Reaktion der Menschen in der DDR: Erschrecken. Keiner glaubte, die Gründe für den Mauerbau könnten beseitigt werden. Jeder wusste, die Mauer war kein "antifaschistischer Schutzwall", natürlich auch Honecker, der sich in seinen Memoiren 1981 stolz als Organisator des Mauerbaus rühmte.

Deshalb benutzte er das verschleiernde Wort vom "antifaschistischen Schutzwall" nicht mehr, das selbst die Kinder in der Schule lernen mussten, sondern sagte "Mauer". Sie war einzig und allein errichtet worden, um das Abwandern der Menschen Richtung Westen zu beenden.

Keine Hoffnung

Doch auch 28 Jahre nach dem Mauerbau wollten mehr und mehr Menschen weg, stellten Ausreiseanträge, weil die Hoffnung auf positive Veränderungen im Leben nahe dem Nullpunkt war. Nicht einmal Michail Gorbatschows Kurs von "Glasnost" und "Perestroika" beeindruckte die DDR-Führung.

Aber die Menschen hatten es längst satt, ständig bevormundet zu werden. Nach dem ersten Schrecken fassten sie sich und machten sich über Honeckers Worte lustig - und das war kein Galgenhumor: Merken die alten Männer in ihrer von der Außenwelt abgeschlossenen Behausung in Berlins Vorort Wandlitz überhaupt noch, was im Lande los ist, was die Leute denken?

Honecker habe doch nur deutlich gemacht, wie weit sein Realitätsverlust fortgeschritten ist. Hatte die SED doch erst ein paar Tage zuvor eine Lachnummer geliefert: in der DDR sei der Lebensstandard höher als in der Bundesrepublik. Nun fragten Spaßvögel, ob die Menschen in der DDR auch so alt werden wie die Menschen im Kaukasus.

Die Mauer ist eine "brüchige Wand"

Honecker wollte seinem Lebenswerk ein langes Leben sichern. Doch er legte ungewollt selbst Hand an, um es zu zerstören. Im Frühjahr 1989, als Gorbatschow das "Europäische Haus" bauen wollte, meldete sich DDR-Außenminister Oskar Fischer mit einer bizarren Idee: Die Mauer werde "die tragende Wand" dieses Hauses sein.

Die passende Antwort gab ihm der Bürgerrechtler und Pfarrer in der Lutherstadt Wittenberg, Friedrich Schorlemmer, den die örtliche Polizei als "Staatsfeind Nr. 1" führte: "Auf so eine brüchige Wand würde ich das Europäische Haus nicht bauen. Beton platzt von innen. Fällt auf einmal zusammen." So standen Schorlemmers Worte in der "Frankfurter Rundschau" vom 11. Juni 1989.

Schorlemmer ahnte nicht, wie prophetisch seine Worte waren. Am 9. November 1989, 24 Tage nach Honeckers Ablösung, fiel die Mauer, die noch 100 Jahre stehen sollte, "auf einmal" zusammen.