Wie Haiti sich auf den nächsten Sturm vorbereitet

Haiti wappnet sich mit deutscher Hilfe gegen die Naturgewalten

Foto: epd/Alice Smeets

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Wie Haiti sich auf den nächsten Sturm vorbereitet
Die Hurrikan-Saison hat begonnen, wieder drohen Haiti heftige Stürme. Doch die Menschen wollen den Kräften der Natur nicht mehr schutzlos ausgeliefert sein - wie bei dem Erdbeben vor dreieinhalb Jahren. Sie üben den Notfall.

Der hohe Piepton einer Sirene kündigt das Unheil an. Den Schülern in der haitianischen Ortschaft Darbonne bleiben wenige Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Einige schaffen es noch aus den Klassenzimmern, andere liegen im nächsten Moment schon "verletzt" am Boden. Hilfe kommt schnell. Sehr schnell - denn es handelt sich um eine Übung. Nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 arbeitet Haiti nun mit deutscher Hilfe an seinem Katastrophenschutz.

Vor drei Jahren fehlte es an Vorsorge. Rund 300.000 Menschen kamen bei dem Erdbeben ums Leben. Und es dauerte lange, bis Hilfe kam. Die 17-jährige Maykenlove Cornely, die bei der Übung in Darbonne eine Helferin spielt, erinnert sich gut an den Schock: "Ich dachte, dass ich am nächsten Tag nicht mehr aufwachen würde." Eine knappe Minute dauerte das Beben, dann lagen viele Gebäude in Trümmern. Nacht brach über Haiti herein.

Notfall-Übungen

Das Haus der Cornelys stand noch, sie waren hinausgerannt. Danach trauten sie sich nicht mehr hinein und wussten nicht wohin. Sammelpunkte und Verantwortliche für den Katastrophenschutz gab es nicht. Kaum einer wusste, wie man Erste Hilfe leistet. Damit sich das ändert, üben die Schüler in Darbonne jetzt immer wieder, was bei einem Notfall zu tun ist.

Einige Jugendliche kichern, während sie Verletzte spielen. Bei der ersten Probe war das anders: "Viele erinnerten sich an das Erdbeben und weinten", berichtet Solomon Razafindratandra vom katholischen Hilfswerk Malteser International, das solche Übungen an Schulen im Distrikt Léogâne abhält. Dort lag das Epizentrum der tödlichen Erdstöße. Mit den Schulungen gelingt auch ein positiver Nebeneffekt: Die Jungen und Mädchen können die traumatischen Erlebnisse besser verarbeiten.

Gerade jetzt müssen sich die Haitianer wieder besonders wappnen: Die Hurrikan-Saison hat begonnen. Im vergangenen Jahr wütete der Sturm Sandy und brachte kahl gerodete Hügel ins Rutschen. Mehr als 50 Menschen starben, Zehntausende verloren ihr Zuhause, vor allem jene, die in unbefestigten Notunterkünften und improvisierten Hütten ausharrten. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass derzeit 320.000 der zehn Millionen Haitianer keinen festen Wohnsitz haben, darunter viele Überlebende des Erdbebens.

"Es hat sich viel verändert"

Das Katastrophen-Warnsystem hat sich inzwischen verbessert und erreicht mehr Menschen, auch über SMS auf private Handys. Doch der Staat ist weiter auf Hilfe angewiesen. "Wir begrüßen die geleistete Arbeit", würdigt Pierre Michel Benoit vom staatlichen Zivilschutz den Einsatz der Malteser. Die Organisation will ihre Katastrophenschutzarbeit seiner Behörde übergeben. Doch es bleibt fraglich, ob sie sie fortführen kann. Benoit atmet tief aus: "Haiti ist kein reiches Land."

In der Hauptstadt Port-au-Prince loben dennoch viele Haitianer die Fortschritte. "In den letzten zwei Jahren hat sich viel verändert", sagt Richard Widmaier, Geschäftsführer des Nachrichtensenders Radio Metropole. Es gebe neue Schulen, Parks, den neuen Flughafen. "Es ist auch sicherer geworden, und man kommt schneller im Land voran." Widmaier setzt auf Präsident Michel Martelly, der nun zwei Jahre im Amt ist: "Martelly hat viele junge Leute in die Regierung geholt, das sind Anpacker."

Der Weg scheint allerdings noch weit. Martellys Regierung hat einen Plan zur Entwicklung des Landes bis 2030 aufgestellt. Er enthält so ziemlich alles an Aufgaben, was man sich denken kann: Versorgung mit Trinkwasser und Strom, das Gesundheitssystem aufbauen, ein öffentliches Transportsystem schaffen, Landwirtschaft und Fischerei fördern - und auf Katastrophen vorbereiten.