"Ohne ihn gäbe es in Polen keine evangelische Kirche"

Juliusz Bursche

Foto: Parafia Ewangelicko-Augsburska

Juliusz Bursche wollte deutsche und polnische Protestanten einen. Doch dafür musste er 1942 mit seinem Leben bezahlen.

"Ohne ihn gäbe es in Polen keine evangelische Kirche"
Vor 150 Jahren wurde Juliusz Bursche geboren, erster evangelischer Bischof in Polen
Am Ende ehrte ihn sogar der Papst als großen Christen. Juliusz Bursche wollte eine evangelische Kirche schaffen, die Deutsche und Polen eint. Als er 1942 in SS-Haft starb, waren deutsche Protestanten daran keineswegs unbeteiligt.

Für die einen war Juliusz Bursche ein "Deutschenhasser" und "großpolnischer Agitator", für andere ein von preußischen Eroberern entsandtes trojanisches Pferd im Lutherrock. Vor 150 Jahren, am 19. September 1862, wurde der erste protestantische Bischof Polens in Kalisz geboren. "Ohne ihn gäbe es bei uns keine evangelische Kirche", sagt Altbischof Jan Szarek heute.

"Meine Lebensarbeit, eine kräftige, einflussvolle, evangelische Kirche zu schaffen, die Polen und Deutsche eint, ist zerstört", notierte Bursche an Weihnachten 1940. Seit fast einem Jahr war er Häftling im KZ Sachsenhausen bei Berlin. Die, die laut der historischen Forschung großen Anteil an der Deportation des Bischofs haben, saßen nicht weit davon entfernt in den Büros des Kirchlichen Außenamtes und Berliner Evangelischen Oberkirchenrats. 14 Monate später starb der Theologe im "Staatskrankenhaus Moabit". Die näheren Todesumstände sind bis heute ungeklärt.

Bursche war seit 1904 Generalsuperintendent der evangelischen Kirche im damaligen "Kongresspolen", dem russischen Satellitenstaat. Schnell setzte er durch, dass Gottesdienste nicht nur in Deutsch abgehalten wurden. Die Polen sollten sich in ihrer Kirche zu Hause fühlen, auch wenn sie durch den Zuzug deutschstämmiger Zuwanderer immer mehr in die Minderheit gerieten.

Nach 1918 gehörten Deutsche zu Polen

Die Konflikte verschärften sich im Ersten Weltkrieg mit der deutschen Besatzung von "Kongresspolen". Der Versailler Friedensvertrag, den Bursche auf Seiten der neugebildeten polnischen Regierung mitaushandelte, tat ein Übrigens: Denn der neue souveräne Staat bekam Teile des Deutschen Reiches zugesprochen wie etwa die Region Posen, Westpreußen und Oberschlesien. Die dortigen Protestanten wollten aber keineswegs zur Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen gehören.

Stattdessen bildeten sie eigene Kirchen, die entweder noch unter der Hoheit der preußischen Kirchenleitung standen oder eine solche erneut offen anstrebten. Sechs Wochen nach dem Überfall auf Polen schrieb der Posener Generalsuperintendent Paul Blau im Herbst 1939 an Hitler: "Mein Führer! Nach dem ruhmreichen Abschluss der Kampfhandlungen im Osten begrüsst die Unierte Evangelische Kirche im befreiten Ostgebiet Sie in heisser Dankbarkeit als ihren Erretter von polnischer Gewaltherrschaft."

"Polonisierende" Pastoren kamen ins KZ

Bereits 1924 hatte der Evangelische Oberkirchenrat in Berlin einen Pfarrernachwuchs heranziehen wollen, "der sich seines Deutschtums bewusster ist als ein erheblicher Teil der jetzigen national lauen oder gar bewusst polonisierenden älteren deutschen Pastoren".

Vor allem gegen Bursche, der ab 1938 in seiner Kirche auch den Bischofstitel führte und loyal zum polnischen Staat stand, setzte gleich von mehreren Seiten ein Kesseltreiben ein. Bereits im Jahr davor hatten die preußische Kirchenleitung und deutschnationale Pastoren aus Polen ein Geheimtreffen abgehalten. Bischof Theodor Heckel vom Kirchlichen Außenamt in Berlin begründete die Verschwörung später damit, dass Bursche die deutsche Volksgruppe "abscheulich und unchristlich behandelt" habe.

1939 bekannten sich in der Evangelisch-Augsburgischen Kirche mit rund 400.000 Mitgliedern 125 Pfarrer "zum Polentum". Nach dem Überfall auf Polen, der den Zweiten Weltkrieg einleitete, wurden innerhalb kürzester Zeit fast die Hälfte verhaftet und 35 in ein KZ deportiert. Laut den Forschungsergebnissen des Berliner Theologen Bernd Krebs hatten kirchliche Spitzel im Vorfeld die berüchtigten SS-Einsatzgruppen mit Informationen versorgt.

Bursche ganz oben auf Fahndungsliste

Auf der Fahndungsliste ganz oben stand Bischof Bursche, der bereits im Oktober 1939 verhaftet und in das Berliner Gestapo-Gefängnis gebracht wurde. Die Verhöre überwachte der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich persönlich.

Neben der großen Weltpolitik waren es die Intrigen deutscher Kirchenfunktionäre bei der Verfolgung Bursches, die fast ein halbes Jahrhundert lang einer Aussöhnung mit den polnischen Protestanten im Wege standen. Erst in den 80er Jahren habe es unter dem damaligen Berliner Bischof Martin Kruse erste Schritte dafür gegeben, erzählt der polnische Altbischof Szarek.

Selbst von katholischer Seite blieb die Würdigung nicht aus. Bei seinem Besuch 1991 in seiner Heimat würdigte Papst Johannes Paul II. Bursche als "großen Christen und polnischen Patrioten". Als allerdings die evangelische Kirche, seit jeher absolute Minderheit im katholischen Polen, 1992 zum 50. Todestag eine Andacht in Bursches Taufkirche abhalten wollte, verweigerte der Ortspfarrer den Zugang.

Bernd Krebs "Nationale Identität und kirchliche Selbstbehauptung - Juliusz Bursche und die Auseinandersetzungen um Auftrag und Weg des Protestantismus in Polen 1917-1939", Neukirchen-Vluyn, 1993.