"Es gibt noch genug schlechtes Fernsehen"

Foto: ProSieben/Kai Schulz
Günther Jauch und Thomas Gottschalk bei "Switch Reloaded": Gerade Talkshows lassen sich gut durch den Kakao ziehen.
"Es gibt noch genug schlechtes Fernsehen"
Comedian Michael Kessler hat genug Stoff für neue Folgen "Switch Relaoded"
In den neuen Folgen der witzigen Sketchreihe bekommen unter anderem die schrägen Kommissare aus dem Münster-"Tatort" ihr Fett weg, und Thomas Gottschalk wird ebenso veralbert wie das prollige Millionärsehepaar aus der Dokusoap "Die Geissens" oder die Jungmoderatoren Joko & Klaas. Michael Kessler, der gemeinsam mit Kollegen wie Bernhard Hoëcker, Martina Hill oder Max Giermann wieder bravourös den alltäglichen Fernsehirrsinn auf die Schippe nimmt, schlüpft dabei unter anderem wieder in seine Paraderolle als Günther Jauch. Der 45-Jährige schreibt außerdem selber Sketche für "Switch reloaded".
27.08.2012
Cornelia Wystrichowski

Herr Kessler, das Fernsehprogramm wird immer eintöniger, Castingshows und Dokusoaps soweit das Auge reicht. Finden Sie überhaupt noch genug Stoff für "Switch reloaded"?

Michael Kessler: Wir finden immer noch was, denn es gibt immer noch genug schlechtes Fernsehen. Das deutsche Programm ist voller Dinge, bei denen man nur noch "Hilfe!" schreien möchte. Ich glaube, dass die Leute unsere Sendung auch deshalb sehen: Die Zuschauer brauchen ein Ventil für ihren Frust über das Fernsehen. Wir verstehen "Switch reloaded" bei allem Spaß doch auch als Medienkritik.

###mehr-links### Kann man Trash-Formate wie die Dokusoap "Die Geissens" über einen deutschen Millionärsclan überhaupt noch parodieren?

Gerade bei solchen Sendungen ist es schwierig. Parodie muss ja übertreiben, und viele Sendungen sind so schräg, dass es schwer ist, das mit der Parodie noch zu überbieten. "Villa Germania" auf RTL2 ist zum Beispiel gruselig, da geht es um deutsche Rentner, die in Fernost in einem Appartementhaus wohnen und mit Thaimädchen zugange sind. Da fragt man sich manchmal schon, wo eigentlich die Landesmedienanstalt bleibt.

Zuletzt sorgte Thomas Gottschalks Vorabendflop mit seiner ARD-Sendung "Gottschalk Live" für Schlagzeilen. Taucht er in den neuen Folgen auf?

Natürlich, Thomas Gottschalk sitzt in den neuen "Switch reloaded"-Folgen in der ARD-Talkshow von Günther Jauch – es geht um das Thema Arbeitssuche und da nimmt er Stellung.

Publikumsliebling Günther Jauch darf also auch nicht fehlen...

Unsere ganzen "Wer wird Millionär?"-Parodien waren langsam erschöpft, deswegen bin ich froh, dass Jauch jetzt zusätzlich den ARD-Talk hat – und an dem werden wir uns natürlich vergreifen. Er steht ja mit seiner neuen Sendung bereits in der Diskussion, es gab ja auch ARD-intern schon Kritik. Günther Jauch auf Kuschelkurs: Bei solchen Sachen werde ich ansetzen.

Und was macht Hitler, den Sie ja schon seit längerem in der lustigen Sketchreihe "Obersalzberg" als schrägen Vorläufer von Bürotyrann Bernd Stromberg parodieren?

Hitler ist ja in unserer letzten "Obersalzberg"-Folge als Bernd Stromberg verkleidet geflüchtet. Wo sind die Nazis alle hin? Das wissen wir ja, nach Südamerika. Also hat er sich ein U-Boot geschnappt, ist mit seinen Mitarbeitern Ulf und Ernie abgehauen und eröffnet in Argentinien ein deutsches Schnitzelrestaurant.

"Bei uns heißt das 'Goodbye-Großdeutschland'"

Also wird das eine Auswanderer-Soap mit Hitler?

Genau. Man muss sich das wie das Format "Goodbye Deutschland" in den 40er Jahren vorstellen – und bei uns heißt es deshalb: "Goodbye Großdeutschland".

Die Shootingstars Joko und Klaas werden in den neuen Folgen auch ihr Fett wegbekommen, war zu erfahren...

Michael Kessler als Günther Jauch: Seriös und sehr aufgeregt.

Es können ja nicht immer nur die Alten eins auf den Dez kriegen, wir müssen uns auch um den Nachwuchs kümmern. Wir werden uns auch den Hobbits widmen, schließlich kommt im Dezember der Film "Der Hobbit" in die Kinos. Ich gebe den Zauberer Gandalf, das war wegen der langen Haare in der Maske eine Pein. Wir werden uns auch den RTL-Comedians widmen, wobei ich Bülent Ceylan verkörpere. Wir mussten einfach mal darauf reagieren, dass da immer von den "Jungen Wilden" die Rede ist, und dann stehen da immer die altbekannten Comedynasen – da sagt man sich: Da stimmt doch was nicht. Außerdem knöpfen wir uns das Heiligtum der Deutschen vor, den "Tatort", und glauben Sie mir: den "Tatort" aus Münster mit seinen ganzen überzogenen Charakteren kann man wunderbar veralbern.

Und als nächste heilige Kuh knöpfen Sie sich dann die "Tagesschau" vor?

Bei den Newsformaten sind wir mit "RTL aktuell" und dem "heute-journal" mit Claus Kleber und Gundula Gause eigentlich ausreichend versorgt. Aber Ingo Zamperoni von den "Tagesthemen" beobachte ich schon, über ihn müsste man mal was machen.

Frage: Der Ärmste musste neulich bei der Fußball-EM viel Kritik einstecken, als er in der Halbzeitpause beim Spiel Deutschland gegen Italien eine persönliche Bemerkung machte.

Ich finde ehrlich gesagt, dass solche Dinge in Nachrichtensendungen nichts verloren haben. Deshalb liebe ich die "Tagesschau". Da sitzt ein Sprecher und liest Nachrichten vor. Ohne das Gesicht zu verziehen, ohne die Nase zu rümpfen, ohne Kommentare zu machen. Das "heute-journal" und die "Tagesthemen" dagegen orientieren sich leider zunehmend an amerikanischen Vorbildern, das wird mir alles ein bisschen zu locker.

###mehr-info###Bei den Nachrichten hört für Sie der Spaß auf?

Ein Journalist muss neutral und objektiv berichten. Stattdessen wird heutzutage in den Nachrichten komisch mit den Händen gefuchtelt, der Moderator steht irgendwo im virtuellen Studio und gestikuliert vor irrwitzigen Grafiken rum, oder er guckt nach der Meldung noch mal lächelnd auf den Monitor, ganz nach dem Motto: Was war das denn? Das brauche ich alles nicht.

Können Sie überhaupt noch Fernsehen schauen, ohne alles und jeden auf seine Parodietauglichkeit zu prüfen?

Gott sei Dank, ja! Ich liebe Fernsehen, und ab und zu ist ja auch was richtig Gutes dabei.