TV-Tipp: "Draußen in meinem Kopf" (ZDF)

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TV-Tipp: "Draußen in meinem Kopf" (ZDF)
24.7., ZDF, 23.15 Uhr
Der rätselhafte Titel dieses Dramas lässt sich ganz einfach erklären: Sven muss nicht vor die Tür gehen, denn das Draußen ist komplett in seinem Kopf. Aber selbst wenn er wollte: Sven könnte gar nicht; er hat Muskeldystrophie.

Sein Aktionsradius endet unterhalb des Kopfes; er muss gefüttert und gewaschen werden. Zwei Szenen verdeutlichen, welche nervigen Folgen die Bewegungslosigkeit sonst noch hat: Wenn eine Fliege auf seiner Hand landet, kann Sven nicht mehr tun als zu versuchen, sie wegzupusten; und wenn eine CD hängen bleibt, was umgehend den Tatbestand der akustischen Folter erfüllt, muss er warten, bis jemand die Kakophonie mitbekommt und beendet. Ansonsten hat Sven nicht viel zu tun; zwischendurch schlägt er die Zeit tot, indem er dem in der Luft tanzenden Staub zuschaut. Für einen Darsteller ist das eine enorme Herausforderung; er kann im Grunde nur mit seinen Augen spielen.

Samuel Koch wurde auf tragische Weise quasi über Nacht berühmt, als er mit Anfang zwanzig im Dezember 2010 in der ZDF-Show "Wetten, dass..?" derart schwer verunglückte, dass er seither querschnittsgelähmt ist. Sein Schauspielstudium setzte er dennoch fort. Vier Jahre nach dem Unfall konnten sich die Kinobesucher dank seiner Gastrolle in "Honig im Kopf" davon überzeugen, wie gut er sein Metier beherrscht; seit 2018 ist er festes Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim. Sein Talent ist die Basis dafür, dass "Draußen in meinem Kopf" funktioniert, denn mit Ausnahme der Schlussszene trägt sich die Handlung ausschließlich in Svens Zimmer zu. Sie beginnt mit der Einführung eines Abiturienten, der in dem Pflegeheim sein freiwilliges soziales Jahr absolviert; Nils Hohenhövel spielt hier wie Koch seine erste Hauptrolle. Christoph ist vor allem eine "Un"-Figur: unerfahren, unschuldig, unbedarft. Hohenhövel verkörpert den jungen Mann über weite Strecken wie ein verschrecktes Reh, zumal der ebenso intelligente wie gelangweilte Sven, der seine Todessehnsucht zuweilen mit sinistrem Sarkasmus tarnt, ein böses Spiel mit dem FSJler treibt. Dass sich die hübsche Pflegerin Louisa (Eva Nürnberg), die er heimlich anhimmelt, zu Christoph hingezogen fühlt, macht die Sache nicht einfacher.

Dank der Großherzigkeit des jungen Mannes übersteht die Beziehung jedoch selbst einige niederträchtige Provokationen und nimmt schließlich eine Tiefe an, die in einen zutiefst humanistischen Akt der Selbstverleugnung mündet. Auch wenn sich Christoph als gelehriger Schüler erweist und einem salbadernden Pfarrer einen bösen Streich spielt, so erübrigen sich trotz gelegentlicher komischer Momente etwaige Vergleiche mit der französischen Erfolgskomödie "Ziemlich beste Freunde" (2011); wenn überhaupt, dann trifft das Spielfilmdebüt von Eibe Maleen Krebs eher den Tonfall von Dietrich Brüggemanns Drama "Renn, wenn du kannst" (2010). Im Kino hatte der Film nur ein paar tausend Zuschauer, weshalb es umso bedauerlicher ist, dass das ZDF das Drama im Rahmen seiner Reihe "Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten" erst um 23.15 Uhr ausstrahlt.

Vor "Draußen in meinem Kopf" hat Krebs, die zusammen mit Andreas Keck auch das Drehbuch geschrieben hat, unter anderem den Dokumentarfilm "Vom Hören Sagen" gedreht (2014, FBW-Prädikat "Besonders wertvoll"), ein Interviewfilm über Menschen, die blind zu Welt gekommen sind. Wichtigste Mitstreiterin bei der Entstehung ihres ersten szenischen Films dürfte Judith Kaufmann gewesen sein. Die erfahrene Kamerafrau ist mit fast allen wichtigen Preisen ausgezeichnet worden (Deutscher Kamerapreis für Scherbentanz und "Die Fremde", Deutscher Fernsehpreis für "Bella Block: Die Frau des Teppichlegers") und hat gemeinsam mit Krebs dafür gesorgt, dass sich das Kammerspiel – es gibt keinen einzigen Blick aus dem Fenster, nicht für Sven, also auch nicht fürs Publikum – nicht klaustrophobisch anfühlt.

Für die akustische Untermalung sorgt in erster Linie Sven, denn er verbringt seine Zeit gern mit morbiden Bach-Chorälen, die so treffende Titel wie "Komm, süßer Tod" oder "Komm, o Tod, du Schlafes Bruder" (aus der "Kreuzstabkantate") tragen. Ansonsten gibt es Abwechslung in seinem Dasein nur dann, wenn die Tür aufgeht. Abgesehen vom Pflegepersonal taucht dann meist Larry auf, den Lars Rudolph als typisch schräge Lars-Rudolph-Figur verkörpert, aber einmal steht auch mitten in der Nacht ein etwas skurriler Chor vor dem Bett und singt "Vom Himmel hoch" (der Film spielt zur Weihnachtszeit). Weil Krebs und Keck für das Drehbuch eine Art Tagebuchdramaturgie gewählt haben, vermittelt "Draußen im Kopf" recht gut, wie es sich vermutlich anfühlt, in Svens Haut zu stecken. Der Film erzählt zwar vor allem von der Abwechslung, blendet aber auch die Eintönigkeit nicht aus. Wie bei den meisten anderen Beiträgen der "Shooting Stars"-Reihe stellt sich daher die Frage, warum das ZDF diese Kinokoproduktion der Redaktion "Das kleine Fernsehspiel" nicht um 20.15 Uhr zeigt; von einer gewissen moralischen Verpflichtung gegenüber Koch ganz zu schweigen. Beim Max Ophüls Preis hat der Film 2018 den Preis der deutsch-französischen Jugendjury bekommen.

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