Gefährliche Renaissance des Wunderglaubens

Wunder

Bild: unsplash/Aaron Blanco Tejedor

Von Wundern, Heilung und Ekstase.

Immer mehr Menschen glauben an Wunder. Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche in Bayern, warnt vor den Gefahren: Manche würden sich eher Geistheilern als einem Arzt anvertrauen. Ein Ausstieg aus der Verteufelung ist möglich.

"Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben." So formulierte es der evangelische Theologe Rudolf Bultmann noch im letzten Jahrhundert. Heutzutage ist dies, so scheint es, überhaupt kein Problem mehr, moderne Technik nutzen und gleichzeitig offen sein für die Geister- und Wunderwelt nicht nur des Neuen Testaments. Der Wunderglauben hat in den letzten Jahrzehnten sogar zugenommen: 2006 bekannte laut Allensbach-Umfrage über die Hälfte der deutschen Bevölkerung, 56 Prozent, an Wunder zu glauben. Im Jahr 2000 waren es lediglich 29 Prozent. In der gegenwärtigen Religionskultur spielt der Wunderglaube also eine immer größer werdende Rolle, besonders im pfingstlich-charismatischen Bereich.

Jonny Nadon etwa ist geradezu versessen darauf, für Menschen beten zu dürfen und ihnen durch Handauflegung Heilung zu bringen. Ärztliches oder pflegerisches Fachwissen hat er nicht. "Wenn ich im Supermarkt jemanden mit Krücken oder im Rollstuhl sehe oder jemanden, der offensichtlich Schmerzen hat, biete ich Gebet an und ich sehe oft, wie Menschen dann geheilt werden", erklärt Nadon begeistert.

Deshalb hat der 23jährige im letzten Jahr mit Gleichgesinnten im allgäuischen Füssen die "Schule der Erweckung" gegründet. Laut Selbstaussage hat sie derzeit etwa 20 Mitarbeiter und rund 100 Schüler. Dort wird gelehrt: Krankheit und Leiden haben keine medizinischen Ursachen. Sie sind vielmehr das Werk des Bösen, ja des Teufels. Mangelnde Gesundheit und fehlende Heilung liegen letztlich an der mangelnden Beziehung zu Gott.

"In der Bibel ist klar, dass diejenigen, die nicht mit Gott verbunden sind, dass ihr Geist tot ist. Und ich glaube, dass jeder Mensch in seinem Inneren ein Vakuum verspürt. Menschen versuchen dieses Vakuum zu füllen mit Drogen, Sex, Alkohol, mit Familie, mit viel Geld, mit einer guten Arbeit, was auch immer. Aber sie erfüllen unseren Wunsch in unserem Herzen nach tiefem Frieden nicht. Und das kann nur die Liebe des Vaters, die Liebe Gottes, indem er mit seinem Geist unseren Geist erneuert", sagt der junge Schulleiter.

Die Schule der Erweckung ist Teil der weltweit erfolgreich missionierenden pfingstlich-charismatischen Bewegung. Gerade in Afrika, Lateinamerika und Asien gibt es großen Zulauf. Wichtig ist nicht die Taufe mit Wasser, sondern die Geisttaufe und das persönliche Erweckungserlebnis. Auch Gebete um Heilung spielen in diesen Gemeinden eine zentrale Rolle, weiß Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin.

Heilung durch Geisterfahrung

"Das Konzept lautet: Heilung durch Geisterfahrung. Wo tut es weh? Es gibt in einzelnen Richtungen der pfingstlich-charismatischen Bewegung eine klare Kasuistik, welche Krankheit auf welches Wirken von bösen Geistern zurückgeführt werden kann. Das soll durch ein Gebet beendet werden. Es sollen vor allem schnelle und wirksame Heilungen stattfinden, dass sogar Tote wieder lebendig werden", weiß Hempelmann.

Dass solche Spontanheilungen bis hin zur Erweckung Scheintoter auch in der Schulmedizin vorkommen, werde in dieser freikirchlichen Szene gerne ignoriert. Charismatiker wollen heilen wie Jesus. Wobei sie immer betonen, dass sie nicht selbst gesund machen, sondern im Gebet und mit Handauflegung lediglich den Geist Gottes vermitteln.

Eine fragwürdige Haltung

Die zweifelnde Frage, wieso lässt Gott Krankheit zu, also die Theodizee-Frage, wird umgangen. Denn alles Schlechte kommt nach pfingstlich-charismatischer Lesart allein vom Teufel oder ist Folge persönlicher Sündhaftigkeit. Für Hempelmann eine fragwürdige Haltung: "Es gibt so etwas wie eine Theodizee-Unempfindlichkeit. Man ist nicht bereit zu sehen, dass wir für menschliches Leid oft keine Erklärung haben. Man kann dagegen in manchen Pfingstgemeinden einen fast grenzenlosen Heilungsoptimismus vorfinden. Der kann verletzend wirken, weil Menschen suggeriert wird, Du kannst ganz schnell heil werden, Du kannst ganz schnell die Probleme Deines Lebens lösen."

Also sind Glaubende in letzter Konsequenz selbst Schuld an ihrem Unglück, an ihrem Leid und an ihrer Krankheit, weil sie nicht richtig oder genug geglaubt haben. Diese Sicht sei aber unchristlich. Auch das Konzept eines vollkommen christlich-geistlichen Lebens in einer perfekten Freikirche ist eher lebensfremd. Zumindest hat die lutherische Tradition immer darauf verwiesen, dass es die Perfektion des christlichen Lebens nicht gibt, dass der neue und der alte Mensch, der vertrauende Mensch und der zweifelnde, nicht-glaubende Mensch zusammen gehören und nicht getrennt werden können.

Wo Sex als böse und sündhaft verteufelt wird

Ganz anders glaubt man sich bei den pfingstlich-charismatischen Gemeinden geisterfüllt und erlöst gegen die Welt draußen, die vom Bösen und von Satan beherrscht wird. Ein ständiger Kampf, weiß Hempelmann: "Es geht um Dämonisierung. Das würde ich als etwas Schwieriges ansehen, wenn ich einem anderen Menschen sage, Du bist von bösen Geistern besessen oder Du bist von der Macht des Bösen besessen. Die Lokalisierung des Bösen ist eine Gefahr, etwa das Böse mit Sexualität in Verbindung zu bringen."

Zumindest in der pfingstlich-charismatischen Schule der Erweckung in Füssen ist klar, dass es viel bösen und sündhaften Sex in der Welt gibt, etwa vor der Ehe oder in homosexuellen Partnerschaften. Eine Engführung, die auch Kerstin Pieper kennt, die in einer Pfingstgemeinde in Würzburg groß geworden ist. Die rund 30köpfige Gemeinde war für sie wie eine große Familie. "Es wird beeinflusst, welchen jungen Mann man kennen lernt, wie man zusammenzuleben hat. Die Freiheit, die das Christentum eigentlich ist, wird meiner Meinung nach in den Pfingstgemeinden nicht praktiziert", erinnert sie sich heute.

Ein Ausstieg ist möglich

Erst mit Hilfe einer Psychotherapie konnte sie sich aus der rigiden Gruppe befreien, erzählt sie heute. Beliebt sei in ihrer alten Gemeinde vor allem das sogenannte Zungenreden, eine Art öffentliches Lallen, das auf die direkte Geistgabe Gottes zurückgeführt wird. Daraus erwächst höchste Autorität, die schamlos ausgenutzt werde, um die Gemeinde zu manipulieren, erinnert sich Kerstin Pieper: "Es gibt keine Kontrolle. Wenn jemand das Gefühl hatte den Ruf Gottes zu hören, dann kann er nicht auf Grund seiner Ausbildung, sondern auf Grund seines Wirkens des Heiligen Geistes Pastor werden. Wir hatten einen Pastor, der in seinem ersten Beruf KFZ-Mechatroniker war."

Der Heilungs- und Wunderglaube sind Mode. Damit passen die charismatischen Freikirchen in den Trend der derzeitigen Esoterik-Szene, meint zumindest Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche in Bayern: "Heilung ist ein Schlüsselbegriff moderner Spiritualität. Viele Menschen kommen über das Thema Heilung in Kontakt, in Berührung mit esoterischen, pfingstlich-charismatischen Vorstellungen. Wir erleben geradezu eine Renaissance des Wunderglaubens. Viele vertrauen sich dann eher Geistheilern an als einem Arzt."

Und daraus erwachsen mitunter lebensbedrohliche Situationen, warnt der bayerische Pfarrer. Allerdings betont auch Jonny Nadon aus Füssen, dass er eine Krankenversicherung hat und bei Zahnschmerzen oder Knieverletzungen zum Arzt geht. So viel Gottvertrauen und Wunderglauben gibt es dann offensichtlich nicht  bei den bayrischen Pfingstlern, dass sie auf die Segnungen der modernen Schulmedizin komplett verzichten möchten.