TV-Tipp: "Praxis mit Meerblick: Der einsame Schwimmer"

Fernseher steht auf Tisch

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TV-Tipp: "Praxis mit Meerblick: Der einsame Schwimmer"
15.3., ARD, 20.15
Das Erzählschema von Freitagsfilmreihen wie "Praxis mit Meerblick" ist stets das gleiche: Die Dramen kombinieren aktuelle medizinische Fälle mit der als Fortsetzungsgeschichte konzipierten privaten Ebene der Heldinnen. Die Schlüssigkeit dieser Verknüpfungen ist in der Regel auch maßgeblich für die Qualität der Filme.

In der letzten Episode ist die Kombination nicht gut gelungen. Beim zweiten neuen Film, "Der einsame Schwimmer", wirkt sie insgesamt flüssiger. Die verschiedenen Ebenen laufen nicht nebeneinander her, sondern werden stimmig mit dem roten Faden des Films kombiniert: Nach dem Tod ihres Praxispartners Richard ist klar, dass Nora Kaminski (Tanja Wedhorn) die Praxis nicht allein weiterführen kann, zumal sie nur auf Honorarbasis gearbeitet und gar keine eigene Zulassung hat. Allein könnte sie die Aufgaben nicht zuletzt wegen ihrer Nebentätigkeit als Notärztin ohnehin nicht bewältigen. Das Angebot von Richards Onkel, der ihr das Inventar zu einem allerdings immer noch stattlichen Freundschaftspreis überlassen will, kann sie daher nicht annehmen. Gunsche (Bernd Stegemann) hat die Praxis vor Jahren seinem Neffen überlassen, springt aber vorübergehend ein, bis Nora eine Lösung gefunden ist.

Marcus Hertneck, der zuvor schon an sämtlichen Drehbüchern für die Degeto-Reihe "Reiff für die Insel" (ebenfalls mit Tanja Wedhorn) beteiligt war, hat mit der dritten Episode, "Der Prozess", auch die bislang beste "Praxis"-Folge geschrieben. Die Qualität des insgesamt fünften Films dürfte daher nicht zuletzt seinem dramaturgischen Talent zu verdanken sein, zumal es ihm gelingt, die Spannung sowohl im Haupt- wie auch im wichtigsten Nebenstrang parallel zu steigern: Während der Trauerfeier für Richard entdeckt Nora einen Schwimmer, den offenbar die Kräfte verlassen haben. Jonas (Helgi Schmid) hat soeben sein Medizinstudium beendet und trainiert für einen Triathlon. Er ist überzeugt, dass er unter einer bipolaren Störung leidet, die er mit entsprechenden Medikamenten bekämpft; Praxishilfe Mandy hat ihm ein Blankorezept mit Noras Unterschrift besorgt, was ihr später noch viel Ärger einbringen wird. Zunächst muss Nora jedoch das Leben des zwischenzeitlich in die Psychiatrie eingelieferten jungen Mannes retten, denn sie findet raus, dass seine Aussetzer eine ganz andere Ursache haben.

Der deutlichste Unterschied zu "Unter Campern" liegt in der wechselseitigen Beeinflussung der verschiedenen Ebenen. So spielt zum Beispiel eine scheinbar misslungene kosmetische Operation unversehens eine wichtige Rolle, weil Klinikarzt Heckmann (Patrick Heyn) stärker ins Zentrum rückt: Ausgerechnet der Oberarzt, mit dem Nora immer wieder beruflich aneinandergerät, gibt sich plötzlich ganz handzahm und bietet ihr die Leitung der Notaufnahme an. Der Sinneswandel hat jedoch seine Gründe: Heckmann entpuppt sich als Konkurrent um die Zulassung, weil er in Richards Räumlichkeiten eine Praxis für Schönheitschirurgie aufmachen will. Ähnlich klug sind die Beziehung zwischen Mandy und Kai und sein Liebeskummer integriert: Eigentlich ist er schon auf dem Weg nach Berlin, als er sich plötzlich mit gleich zwei Notfällen konfrontiert sieht, weil nicht nur Jonas auf seinem Fahrrad, sondern auch sein Fahrer Kubatsky (Michael Kind) kollabiert. So bekommen sämtliche Mitwirkenden wichtige Auftritte und sind nicht bloß Stichwortgeber für die Hauptfigur. Auch Noras Ex-Mann Peer greift entscheidend in die Handlung ein; Dirk Borchardt nimmt dank seiner Präsenz umgehend eine prägende Rolle ein.

Die gute Arbeit mit den Schauspielern ist ohnehin ein Qualitätsmerkmal von Jan Růžička, der auch diesen zweiten von drei neuen Filmen inszeniert hat. Davon profitieren nicht zuletzt die jungen Darsteller. Lukas Zumbrock macht seine Sache als Kai erneut ausgezeichnet, und Morgane Ferru imponiert diesmal zusätzlich als Sängerin. Auch die mal schwungvolle, mal wegen der Trauer um Richard angemessen ernste Musik von Jan Janssons passt sehr gut zu den wechselnden Stimmungen des Films. Trotzdem gibt es einige komische Momente, sogar im Zusammenhang mit dem Tod, die aber nicht pietätlos sind: Nach der abgebrochenen Zeremonie erkundigt sich Kubatsky vorsorglich bei der betrübten Johanna, ob die wasserlösliche Urne womöglich nass geworden sei; "nicht, dass er da rausrieselt!" Später rät er Kai, mit Mandy in die Disco zu gehen und Kinder zu machen, "im Fernsehen läuft ja nix." Nicht zuletzt wegen solcher Dialoge war es eine ausgezeichnete Entscheidung, den anfangs notorisch unwirschen Patienten zum zwar immer noch kantigen, aber durchaus sympathischen Sonderling werden zu lassen. Weitere witzige Elemente wie etwa das übersehene Verkaufsetikett am Arztkittel des Onkels inszeniert Růžička angenehm beiläufig. Trotzdem wird der Doktor nie zur Witzfigur, zumal Stegemann sogar die Narkolepsie des Mannes mit Würde verkörpert: Gunsche ist mitten beim Ausstellen eines Rezepts eingeschlafen, wacht wieder auf und schreibt ungerührt weiter. Dank der gelungenen Mischung aus behutsam heiteren und besinnlichen Szenen passt dieser Film ohnehin viel besser zu Růžičkas Filmografie als "Unter Campern". Der Abschluss der Trilogie, "Auf zu neuen Ufern" (22. März), bringt dem Titel gemäß die verschiedenen Handlungsebenen zu einem Abschluss; und meistens auch zu einem guten, vor allem für Nora, die dank der Bürgschaft einer Freundin Richards Praxis übernehmen kann, aber mit einem etwas gewöhnungsbedürftigen neuen Partner (Benjamin Grüter) klarkommen muss.

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