TV-Tipp: "Im Angesicht des Verbrechens" (ARD)

6.11., ARD, 22.45 Uhr
Fernseher steht auf Tisch

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

In deutschen Krimis gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Die Guten dürfen kleine Fehler haben, aber sie müssen berechenbar bleiben. Deshalb wurde der vor allem handwerklich eindrucksvolle Sat.1-Mehrteiler "Blackout" vor zwölf Jahren so ein völliger Flop: Die Hauptfiguren waren korrupte Polizisten. Der Held der Geschichte fand zwar dank einer Amnesie auf den rechten Weg zurück, doch die Vergangenheit, die sich ihm nach und nach offenbarte, war ziemlich düster. Gleiches galt für die Optik des Films. Die Reihe war ihrer Zeit ebenso voraus wie die Serie "Im Angesicht des Verbrechens" (2010), die das "Erste" ab heute wiederholt.

Ihr war das gleiche Schicksal beschieden wie der gleichfalls mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten ZDF-Serie "KDD": hochgelobt, aber vom Publikum nur bedingt akzeptiert. Nicht nur wegen der Häufung von Sex & Crime wirkte "Im Angesicht des Verbrechens" damals wie ein Fremdkörper im ansonsten doch sehr braven öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Drehbuchautor Rolf Basedow erzählt eine fortlaufende Handlung. Genaugenommen handelt es sich um einen Film von gut sechs Stunden. Was heute dank des Serienbooms ganz normal ist, widersprach damals schlicht den Sehgewohnheiten.

Hauptfigur ist der junge Berliner Marek (Max Riemelt), ein Sohn baltisch-jüdischer Einwanderer, der zum Unmut seiner Familie Polizist geworden ist. Um ihn herum gruppieren Basedow und Graf ein vielköpfiges Ensemble. Der einzige erkennbar Gute ist Mareks Freund und Kollege Sven (Roland Zehrfeld). Gegenspieler der beiden ist Mareks Schwager Mischa (Misel Maticevic), hinter dessen ehrbarer Fassade als Restaurantbesitzer sich ein kriminelles Imperium verbirgt. Davon allerdings hat Marek keine Ahnung, als er mitten hinein in einen Bandenkrieg gerät. Auslöser ist er selbst, als er in einem flüchtigen Gangster den Mörder seines vor zehn Jahren auf offener Straße erschossenen Bruders erkennt. Beim LKA ist man derart beeindruckt von der Entschlossenheit des jungen Mannes und seines Partners, dass die beiden die Abteilung "Organisierte Kriminalität" verstärken sollen. Sie kommen gerade rechtzeitig, um sich die spektakuläre Flucht des Verbrechers schildern zu lassen.

 Mit Hilfe eines einfachen, aber enorm wirkungsvollen dramaturgischen Tricks gelingt es Graf und Basedow, den gut zwei Dutzend handelnden Figuren Konturen zu verleihen: Auf der Bühne dieses Films, der es an Epik, Dramatik und Klasse gut und gern mit dem Klassiker "Der Pate" aufnehmen kann, treten die einzelnen Charaktere immer wieder für längere Szenen nach vorn. Gleichzeitig wird durch diese Auftritte aber auch die Geschichte weiter erzählt, zumal die einzelnen Ebenen auch noch geschickt untereinander verknüpft sind. Bestes Beispiel dafür ist die junge Ukrainerin Jelena (Alina Jevshin). Mit ihr fängt überhaupt alles erst an: Als sie daheim in einem See taucht, hat sie die Vision eines Gesichts. Kurz drauf wird sie mit einer Freundin unter einem Vorwand nach Berlin gelockt und dort gezwungen, als Prostituierte zu arbeiten. Zufällig sieht sie bei einem Polizeieinsatz den Mann aus dem See: Es ist Marek.

"Blackout", hieß es damals, sei auch daran gescheitert, dass sich die Reihe an ein eher männliches Publikum richtete. Tatsächlich aber hatte der Krimi sogar erstaunlich viele Zuschauerinnen. "Im Angesicht des Verbrechens" ist mit seinen freizügigen Nachtclubszenen, einer Sexorgie und der Aggressivität der Gangster ebenfalls sehr maskulin. Gleichzeitig aber gibt es ein hohes Beziehungspotenzial, und das nicht nur wegen der versprochenen Romanze zwischen dem jungen Polizisten und dem Mädchen aus der Ukraine. Die Ehe zwischen Mareks Schwester (Marie Bäumer) und Mischa zieht sich gleichfalls durch den gesamten Film. Neben Grafs dichter Erzählweise, die immer wieder punktuell für Tempo sorgt, allerdings die Dynamik dabei sehr geschickt dosiert, ist "Im Angesicht des Verbrechens" nicht zuletzt wegen der Vielzahl großartiger Schauspieler mit Migrationshintergrund sehenswert. Selbst wenn sie fast ausnahmslos Verbrecher verkörpern müssen: Die darstellerischen Leistungen sind bemerkenswert.

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