TV-Tipp: "Der gute Bulle: Friss oder stirb"

Altmodischer Fernseher steht auf Tisch.

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Der gute Bulle: Friss oder stirb"
26.4., Arte, 20.15 Uhr
Arte warnt: Für empfindsame Zuschauer oder Kinder sei dieser Film nicht geeignet. Dabei ist "Friss oder stirb", der zweite Krimi mit Armin Rohde als "Guter Bulle" aus Berlin, gar nicht mal übermäßig brutal. Erschreckend ist viel mehr die Beiläufigkeit, mit der die Gangster ihre Morde begehen. Ihre Verrohung äußert sich zudem in einem Sprachgebrauch voller Menschenverachtung. Aus Sicht eines öffentlich-rechtlichen Publikums, das sich sein heiles Weltbild bewahren will, ist die Warnung daher in der Tat angebracht.

Wie in seinen Polizeifilmen "Unter Feinden", "Zum Sterben zu früh" und "Reich oder tot" (2013/15/18) mit Fritz Karl und Nicholas Ofczarek unterscheiden sich auch in Lars Beckers neuem Film einige der Guten von den Bösen nur durch ihren Ausweis. Schon der Auftakt ist ein irritierendes Doppelspiel: Zwei der drei Männer, die anscheinend aus dem Drogenmilieu stammen, sind in Wirklichkeit Polizisten, aber einer der beiden Ordnungshüter ist auch ein Verbrecher; die Szene endet mit der Hinrichtung des anderen.

Der Feind in den eigenen Reihen: Das deutsche Fernsehen hat sich lange Zeit nicht getraut, solche Geschichten zu erzählen, weil die Zuschauer sie nicht sehen wollten; aus diesem Grund war beispielsweise Peter Keglevics hochgelobter Sat.1-Mehrteiler "Blackout – Die Erinnerung ist tödlich" (2006) beim Publikum ebenso chancenlos wie die vielfach ausgezeichnete ZDF-Serie "KDD – Kriminaldauerdienst" (2007 bis 2010). Wenn überhaupt, dann saßen die Gegenspieler der aufrechten Polizisten beim BKA oder beim Staatsschutz, aber doch nicht im Büro nebenan. Genau daraus bezieht "Friss oder stirb" jedoch seinen Reiz: Drogenhändler Hassan (Murathan Muslu) kann seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen, weil Gondorf (Sascha Alexander Geršak), ein leitender Beamter aus dem Drogendezernat, auf seiner Lohnliste steht. Der Mann, den Hassan in der ersten Szene erschießt, war ein verdeckter Ermittler. Fredo Schulz (Rohde) soll den Drogensumpf trockenlegen. Da ihm klar ist, dass es einen Maulwurf geben muss, vertraut er nur seinem eigenen Team, Milan und Lola (Edin Hasanovic, Nele Kieper). Weil auch der nächste Undercover-Polizist auffliegen würde, machen Schulz und Milan der jungen Dealerin Dakota (Almila Bagriacik) ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann. Sie ist Mutter eines kleinen Mädchens, sitzt aber im Gefängnis; wenn sie sich an Hassan ranmacht, wird ihr die restliche Strafe. Was Schulz nicht ahnt: Dakota ist Milans große Liebe; und das ist bei Weiten nicht das einzige Detail, mit dem der Veteran nicht rechnen konnte.

Die Handlung erinnert an zwei Thriller mit Aylin Tezel, "Die Informantin" (2016) und die kürzlich ausgestrahlte Fortsetzung "Der Fall Lissabon"; allerdings ist Beckers Film noch eine Nummer härter. Es gibt außerdem nur wenige deutsche Regisseure, die ihren Darstellern eine derart prägnante, physische Präsenz entlocken können. Das funktioniert natürlich nur mit den richtigen Akteuren. Der Wiener Murathan Muslu zum Beispiel strahlt eine Energie aus wie kaum ein anderer Schauspieler, was ihn unter anderem in den "Tatort"-Episoden mit Til Schweiger zum perfekten Kontrahenten machte. Sascha Alexander Geršak hat auch schon vor "Gladbeck" (2018) bevorzugt düstere Gestalten verkörpert. Umso interessanter ist das Spiel von Armin Rohde, der sich in dieser Rolle stark zurücknimmt: Schulz ist ein trockener Alkoholiker, der nach dem Tod von Frau und Kind jegliche Lebensfreude verloren hat; im Grunde funktioniert er nur noch. Diese Seite soll durch seine Besuche bei den Anonymen Alkoholikern zum Ausdruck kommen, aber die entsprechenden Szenen wirken wie Fremdkörper; sie dienen allzu offenkundig allein dem Vorwand, über die Krankheit der Titelfigur zu informieren.

Eigentlicher Star des Films ist daher Almila Bagriacik, die schon als Prostituierte in Beckers letzter "Nachtschicht"-Episode, "Es lebe der Tod" (2018), die Glanzlichter gesetzt hat. Ihre Rolle ist mit Abstand die vielschichtigste, und das nicht nur wegen des Doppelspiels. Beckers Drehbuch erfüllt zwar nicht einen Moment lang das Romanzenklischee "Eine Frau zwischen zwei Männern", aber neben Milan gibt es in Dakotas Leben auch noch Pablo (Vincent Krüger), den Vater ihres Kindes. Der Typ ist ein ziemlich fertiger Junkie und Kleindealer, der ebenfalls für Hassan arbeitet. Er weiß von ihrer Liebe zu Milan. Seine enttäuschte Liebe entpuppt sich schließlich als größte Bedrohung für die junge Frau, aber auch Gondorf will natürlich verhindern, dass Schulz und sein junges Team ihr Ziel erreichen.

Es gibt die eine oder andere Ungereimtheit in der Geschichte, zum Beispiel, dass sich Gondorf in aller Öffentlichkeit mit Hassan trifft, und einige Nebenfiguren sind (etwa mit Nina Kunzendorf und Natalia Avelon) überbesetzt, aber die Leistungen der Hauptdarsteller machen das spielend wieder wett. Für einen Thriller hat Becker "Friss oder stirb" zudem ziemlich entspannt inszeniert, aber auch die lässig und cool klingende Musik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film ausgesprochen düster ist und selbstredend kein gutes Ende nimmt.

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