TV-Tipp: "Tatort: Das verschwundene Kind" (ARD)

Altmodischer Fernseher steht auf Tisch.

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Tatort: Das verschwundene Kind" (ARD)
3.2., ARD, 20.15
Während andere "Tatort"-Teams teilweise bis zu dreimal pro Jahr ermitteln, hat sich Charlotte Lindholm zuletzt etwas rar gemacht. Den letzten Film mit Maria Furtwängler als niedersächsische LKA-Kommissarin hat die ARD im Herbst 2017 ausgestrahlt. Die Pause wird ihre Gründe haben, aber sie lässt sich auch inhaltlich rechtfertigen: "Der Fall Holdt" war ein Desaster, nicht etwa filmisch, aber für Lindholm, weil die Heldin, sonst stets Herrin der Lage, nach allen Regeln der Kunst demontiert wurde. Nun ist sie wieder da, und tatsächlich ist der 26. Fall eine Art Neustart, auch wenn die Hauptkommissarin das zunächst nicht wahrhaben will…

Sie ist vom LKA Hannover nach Göttingen versetzt worden, was sie selbstredend als Degradierung empfindet. Überzeugt, dass ihr Aufenthalt nur vorübergehend ist, bemüht sie sich gar nicht erst um einen guten ersten Eindruck. Sie sei kein Teamplayer, verkündet sie im neuen Kollegenkreis, habe aber ein Problem, wenn Mitarbeiter nicht auf ihrem Niveau ermittelten, und sei ohnehin in zwei Wochen wieder weg. Diese Arroganz hat prompt zur Folge, dass LokalmatadorinAnaïs Schmitz (Florence Kasumba) ihr fortan mit klirrender Kälte begegnet. Das Duo hat ohnehin einen denkbar schlechten Start. Bei der ersten Begegnung am Tatort, einem heruntergekommenen Umkleideraum, hat Schmitz eine Klosaugglocke in der Hand und einen Kittel an, weshalb Lindholm sie für die Putzfrau hält; möglicherweise auch, weil die Kollegin mit dem Allerweltsnachnamen afrikanische Wurzeln hat. 

Selbst wenn es traurig ist: Das war eine mutige Idee vom NDR. Viele Zuschauer stören sich an Minderheiten auf dem Bildschirm, weshalb Ermittler mit Migrationshintergrund in den abendlichen Krimireihen nach wie vor eine große Ausnahme sind. Der NDR hat bereits mit Mehmet Kurtulus (2008 bis 2012) und Fahri Yardim (seit 2013, mit Til Schweiger) als Hamburger "Tatort"-Kommissare in dieser Hinsicht Zeichen gesetzt. Es passt daher ins Bild, dass er mit Anaïs Schmitz auch als erster Sender eine schwarze Frau ermitteln lässt. Bei der Konzeption der Figur ist man allerdings übers Ziel hinausgeschossen. Als wäre die Hautfarbe nicht Alleinstellungsmerkmal genug, muss Schmitz auch noch eine Macke haben: Als Lindholm sie auffordert, endlich den "Hintern hoch" zu kriegen, verpasst die Kollegin ihr eine schallende Ohrfeige. Dieser Moment ist derart absurd, dass viele Zuschauer vermutlich ähnlich verblüfft sein werden wie die Kommissarin. Schmitz erklärt den Ausraster mit "mangelnder Impulskontrolle", bereut die Aktion jedoch nicht. Kein Wunder, dass die beiden Frauen immer wieder aneinander geraten; dabei ist doch schon der lächerliche Ludwigshafener Zickenkrieg zwischen Lena Odenthal und ihrer jungen Kollegin Stern vielen "Tatort"-Fans ziemlich bald auf die Nerven gegangen.

Zum Glück raufen sich die beiden Hauptkommissarinnen doch noch irgendwie zusammen. Das müssen sie auch, schließlich hängt vermutlich das Leben eines Kindes davon ab, dass sie an einem Strang ziehen. Die Handlung beginnt schmerzhaft: Die 15jährige Julija hat aus heiterem Himmel rasende Unterleibskrämpfe; die junge Lilly Barshy spielt diese Szenen mit großer Glaubwürdigkeit. Weil dem Mädchen selbst nicht klar ist, dass sie eine Schwangerschaft verdrängt hat, bleibt zunächst offen, was sich schließlich in dem verlassenen Umkleideraum ereignet: Julija hat ein Kind zur Welt gebracht. Das Baby ist jedoch verschwunden. Was mit ihm geschehen ist, will das Mädchen viel später, als es endlich ins Krankenhaus eingeliefert worden ist, nicht verraten; die Identität des Erzeugers bleibt ebenfalls ein Geheimnis. Einziger Hinweis ist ein Ring mit einer Teufelsfratze.

Darstellerisch mindestens so interessant wie Lilly Barshy ist Emilio Sakraya. Er spielt Julijas Halbbruder Nino, der sich der Familie aber nicht mehr nähern darf, seit er seinen Stiefvater verprügelt hat. Der alte Petkow (Merab Ninidze) ist ein gottesfürchtiger Mann, der seine ältere Tochter vergöttert, weshalb die Ermittlerinnen irgendwann überzeugt sind, dass er Julija womöglich zu nahe gekommen ist. Nino ist dennoch die weitaus interessantere männliche Figur. Der Junge hat nach Ansicht seines Trainers (Oliver Stokowski) eine aussichtsreiche Karriere als Martial-Arts-Kämpfer vor sich; Emilio Sakraya macht seine Sache auch im Ring bemerkenswert gut. Nino sorgt dafür, dass Julija von der Straße kommt, aber selbst ihm verrät sie nicht, wer der Vater des Kindes ist.

Regisseurin Franziska Buch – sie hat gemeinsam mit Jan Braren und Stefan Dähnert auch das Drehbuch geschrieben – hat schon öfter bewiesen, dass sie besonders gut mit Kindern und Jugendlichen arbeiten kann, etwa in dem Drama "Die Drachen besiegen" sowie in Kinderfilmen wie "Bibi Blocksberg", "Hier kommt Lola!" oder "Emil und die Detektive". Das war in diesem Fall auch deshalb wichtig, weil die Krimi-Ebene bei einer weniger bemerkenswerten Leistung der jungen Mitwirkenden keine Chance gegen den Zickenkrieg der beiden Polizistinnen gehabt hätte. Zum Glück versöhnen sich die Frauen am Ende. Beim nächsten Mal sind sie dann hoffentlich von Anfang an wie "Ebony and Ivory" (Elfenbein und Ebenholz), die im gleichnamigen Lied von Paul McCartney und Stevie Wonder auf dem Klavier "in perfekter Harmonie" nebeneinander leben. Ungleich pfiffiger als die Dauerfehde sind ohnehin die amüsanten Intermezzi mit Daniel Donskoy als charmanter Rechtsmediziner; der gebürtige Moskauer hat schon in der Titelrolle der RTL-Serie "Sankt Maik" großen Spaß gemacht.

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