TV-Tipp: "Tatort: "Tschiller: Off Duty" (ARD)

8.7., ARD, 20.15 Uhr
Altmodischer Fernseher steht auf Tisch.

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Til Schweiger soll ziemlich sauer gewesen sein, als er erfahren hat, wann das "Erste" seinen Kino-"Tatort" zeigt: nicht etwa im Spätherbst oder im Winter, wenn große Zuschauerzahlen garantiert sind, sondern mitten im Sommer, bei Biergartenwetter womöglich.

Die ARD kündigt die Ausstrahlung zwar als "'Tatort'-Highlight im Sommerprogramm" an, aber der Film dürfte dennoch deutlich weniger Menschen erreichen als zu einem anderen Zeitpunkt. Bei Schweigers Reaktion wird auch die ernüchternde Kinoauswertung nochmals eine Rolle gespielt haben. Nach sechs Wochen hatte der im Februar 2016 gestartete Film gerade mal rund 280.000 Zuschauer. Für Schweiger und Regisseur Christian Alvart, beide mit ihren Firmen Barefoot (Schweiger) und Syrreal Entertainment (Alvart) gemeinsam mit Warner Bros. auch die Produzenten des Films, muss das wie ein Schock gewesen sein, schließlich hatte der erste Auftritt von Nick Tschiller ("Willkommen in Hamburg", 2013) 12,74 Millionen Zuschauer. Anschließend gingen die Zahlen allerdings stetig runter. Der Zweiteiler "Der große Schmerz"/"Fegefeuer" (Januar 2016) erreichte im Schnitt nur noch knapp 8 Millionen Zuschauer; immer noch viele Menschen, aber für einen "Tatort" bloß Durchschnitt. Dass Tschillers Ausflug ins Kino bei weitem nicht an Schweigers Regiearbeiten wie "Honig im Kopf" (gut 7 Millionen) oder "Keinohrhasen" (6,3 Millionen) heranreichen würde, war ohnehin klar; in solche Dimensionen stoßen deutsche Kinoproduktionen nur als Komödie vor.

Trotzdem lässt sich nicht erschöpfend erklären, warum der dritte Kinofilm der Marke "Tatort" (nach "Zahn um Zahn" und "Zabou" mit Götz George, 1985 und 1987) derart schlecht abgeschnitten hat. Natürlich geht ein Großteil des (älteren) "Tatort"-Stammpublikums überhaupt nicht mehr ins Kino, aber die Zuschauer der Filme mit Schweiger waren im Schnitt deutlich jünger als bei den sonstigen Sonntagskrimis. Ein entscheidender Grund ist sicherlich die Konkurrenzsituation. "Tschiller: Off Duty" hat angeblich 8 Millionen Euro gekostet, aber das ist nur ein Bruchteil der Summen, die Hollywood in die Herstellung solcher Filme investiert. Der Vergleich mit Erfolgsreihen wie "Mission Impossible" oder "Bourne" mag nicht fair sein, aber natürlich weiß das Publikum, das ein Kino-"Tatort" ein paar Nummern kleiner daherkommt. Da zieht dann auch der Name Til Schweiger nicht mehr. Dabei ist "Tschiller: Off Duty" ("Außer Dienst"), eine direkte Fortsetzung der TV-Krimis, nicht mal ein schlechter Actionfilm, allerdings mit 130 Minuten zu lang, zumal die Handlung eher dünn ist: Tschillers Tochter Lenny (Luna Schweiger) hat rausgefunden, dass der angeblich in einem Istanbuler Gefängnis schmorende Mörder (Erdal Yilidz) ihrer Mutter in Wirklichkeit frei herumläuft, also fliegt sie auf eigene Faust in die Türkei, um Rache zu nehmen. Natürlich geht der Plan schief, sie wird verschleppt und als Zwangsprostituierte nach Russland verschachert, wo sie zur entscheidenden Figur eines ebenso raffinierten wie perfiden Anschlags werden soll. Selbstredend lässt Vater Nick nichts unversucht, um seine Tochter zu befreien, erst in Istanbul, dann gemeinsam mit seinem Freund und Partner Yalcin (Fahri Yardim) in Moskau.

Die wichtigsten Beteiligten sind die gleichen wie bei den TV-Krimis, von Autor Christoph Darnstädt über den Regisseur bis zu den Hauptdarstellern. Die Bildgestaltung besorgte allerdings Christof Wahl, der mehrere von Schweigers Komödienhits fotografiert hat; auch die hohe Schnittfrequenz ist ein Merkmal von Schweigers Kinoarbeiten. Entscheidender aus Sicht der Genre-Fans ist allerdings die Qualität der Actionszenen, an denen wahrlich kein Mangel besteht. Berücksichtigt man die Tatsache, dass das Budget deutlich überschaubarer war als in vergleichbaren Filmen, sind sie durchaus eindrucksvoll, zumal Martin Todsharow einen angemessen donnernden Kinofilm-Soundtrack geschrieben hat. Dass die Handlung im Grunde bloß als Vorwand für Schlägereien und Schießereien dient, ist in diesem Genre nicht ungewöhnlich, die Besetzung des Widersachers allerdings schon: Tschillers Gegenspieler, ein klassischer Kinoschurke, wird von Regisseur Özgür Yildirim ("Chico", "Boy 7") verkörpert, der zuletzt für den NDR zwei "Tatort"-Krimis inszeniert hat ("Zorn Gottes", "Alles was Sie sagen").

Was dem Film dagegen völlig abgeht, ist eine gewisse ironische Distanz; daran ändern weder die lockeren Sprüche von Yalcin noch die gelegentlichen bösen Scherze etwas. "Tschiller: Off Duty" ist absolut ernst gemeint. Die Istanbuler Hälfte stellt zudem viel zu wenig Empathie für den Helden her, weshalb die Actionszenen bei allem Respekt fürs Handwerk etwas seelenlos wirken. In Moskau ist das anders, zumal die Spannung nun auf zwei Ebenen entsteht: Tschiller muss um jeden Preis das Attentat verhindern, sonst stirbt seine Tochter. Der Qualitätsunterschied zwischen den beiden Hälften hat auch mit der Originalität der Actionszenen zu tun. In Istanbul wird geschossen, geprügelt und über Dächer geflohen, in Russland kommt es unter anderem zu einem packend inszenierten ungleichen Zweikampf zwischen einem Lada und einem Mähdrescher. Zwischendurch ist der Film allerdings auch ziemlich brutal. Fürs Kino hat er wegen der stellenweise recht drastischen Gewalt eine Freigabe ab 16 Jahren bekommen. Aufgrund der Jugendschutzbestimmungen dürfte die ARD "Tschiller: Off Duty" daher eigentlich erst ab 22 Uhr ausstrahlen, weshalb der NDR einige Szenen entschärft hat. Die Ausstrahlung im Juli begründet die ARD übrigens mit der Sommerpause von Anne Will, deren Sendung sich sonst um vierzig Minuten verschoben hätte.

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