Was beim Trösten wirklich hilft

Zwei Frauen trösten sich

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Zum Trösten gehören immer zwei: Ein Mensch, der seinen Schmerz offen zeigt und ein anderer, der sich dem traurigen Menschen zuwendet.

Was beim Trösten wirklich hilft
Zum Trösten gehören immer zwei: Ein Mensch, der seinen Schmerz offen zeigt und ein anderer, der sich dem traurigen Menschen zuwendet. Warum das vielen so schwer fällt und welche Worte beim Trösten helfen.

Mechthild Schroeter-Rupieper ist zur Stelle, wenn es Menschen so schlecht geht, dass sie alleine nicht mit der Trauer fertig werden. Sie ist Trauerbegleiterin. Als der Co-Pilot einer German Wings Maschine 2015 ein Flugzeug absichtlich gegen eine Felswand steuerte und 16 Schüler eines Gymnasiums starben, begleitete sie die Angehörigen der verstorbenen Opfer über Monate.

In solchen Ausnahmesituationen geht es nicht nur einem Menschen schlecht, sondern ganzen Familien und Schulklassen. Wer tröstet dann? Schroeter-Rupieper sagt: "Auch in solchen Krisen können sich Menschen gegenseitig Trost spenden." Sie müssen dafür nur wissen, wie die Personen um sie herum mit Krisen umgehen. Die Trauerbegleiterin unterscheidet vier verschiedenen Trauertypen: Den emotionalen Typ, dem es zum Beispiel helfen kann in den Arm genommen zu werden. Den sachlichen Typ, der eher reden will. Dann gibt es den Aktiven, der handeln muss und den Verdrängende, der sich meist abseits des Geschehens bewegt. "Die meisten Menschen sind eine Mischung aus all diesen Typen, aber in der Trauer kommt ein Schwerpunkt durch," sagt sie. Diesem Impuls müsse man folgen: Wer erst verdrängt, sollte lieber die Musik für die Trauerfeier raus suchen anstatt Freunde und Bekannte zu informieren.

Für eine Sache ist aber jeder selbst verantwortlich: Wer getröstet werden will, muss das offen zeigen. Schroeter-Rupieper erlebt es in ihrer Arbeit häufig, dass Menschen ihre Gefühle für sich behalten. "Den umstehenden Leuten fällt es dann schwer zu erkennen, was dieser Mensch braucht. Die merken, dass da was komisch ist, aber können das nicht einordnen", sagt sie.

Felix H. hat so eine Ausnahmesituation gemeinsam mit seinen Eltern durchlebt. Vom Wohnzimmer aus hatte die Familie ihren Hund im Garten bellen hören. Es war schon spät am Abend und sie hatten ihn nur noch kurz nach draußen gelassen. Als der Hund bellte, dachten sie sich nichts weiter dabei. Müde von einer langen Rückreise aus dem Urlaub ignorierten sie, was ein Hilferuf war. Als der Hund nach einiger Zeit nicht von alleine ins Haus kam, begannen sie ihn im Garten zu suchen. Felix H. leuchtete jede Ecke mit einer Taschenlampe ab, bis er schließlich auf den Teich blickte: "Papa, ich hab ihn gefunden," sagte er. Da war die Zunge schon blau und der Hund tot.

Danach erlebte Felix H. mit 26 Jahren den ersten Wutausbruch im Leben seines Vaters. Der Vater hastete durch das Wohnzimmer, schlug mit der Faust auf den Wohnzimmerboden und schrie immer wieder "Nein, nein, nein, das darf nicht passiert sein", während die Mutter sich auf der Couch kaum bewegte und weinend auf der Wohnzimmercouch saß. Zu sehen, wie die Eltern die Kontrolle verloren, das war für den Sohn fast noch schlimmer als zu wissen, dass der Hund gestorben war. Denn bislang hatten die Mutter und der Vater immer ihn, den Sohn, getröstet und nicht andersherum.

Sich dem Schmerz zuwenden

Felix H. fiel es schwer zu entscheiden, was genau es überhaupt war, dass seine Eltern in dieser Ausnahmesituation brauchten. Sollte er seinen Vater in den Arm nehmen oder musste der sich erst abreagieren? Der Vater konnte es ihm nicht mitteilen, so sehr war er von seinen Gefühlen überrascht worden. Felix H. musste selbst entscheiden, was seinem Vater helfen könnte.

Also nahm er seinem Vater etwas ab: Er informierte zuerst seine Schwester, dann rief er die Tierärztin an und fuhr mit dem Hund in die Praxis. Dass sie für den Hund nichts mehr tun konnte, das wusste er. Aber er wollte unbedingt den Überblick behalten: Wissen, wie es jetzt weitergeht. Und die Tierärztin konnte ihm weiterhelfen: Sie suchte die Telefonnummer des Bestatters heraus, und erklärte ihm, wie lange sie den Hund noch zu Hause behalten durften. Dann aber sagte die Tierärztin etwas, was Felix H. trösten sollten, aber nicht half. Ertrinken, das ist ein eher angenehmer Tod, sagte sie. Der Hund sei wahrscheinlich schnell bewusstlos geworden. Felix H. sagte darauf nichts, aber in seinem Kopf hörte er den Hund aus dem Teich bellen. Und er dachte: Ich möchte nicht im Gartenteich ertrinken.

Mechthild Schroeter-Rupieper
Eine Faustformel von Mechthild Schroeter-Rupieper für das Trösten ist: Wer sich dem Schmerz zuwendet, tröstet gut, wer sich abwendet, nicht. Und deshalb sollte man vor allem auf eines verzichten: Sprüche wie, Kopf hoch, das Leben geht weiter, das wird schon wieder, morgen sieht der Tag schon ganz anders aus. Indem die Tierärztin den Tod des Hundes als "angenehm" erklärte, schwächte sie ab, was für Felix H. eine schlimme Erinnerung war. Besser wäre es gewesen, den Schmerz anzuerkennen und dem anderen zu zeigen, dass man ihn ernst nimmt. "Sie müssen den Schmerz auch nicht nachempfinden können, aber Sie müssen dem anderen glauben, dass es für ihn schlimm ist und nicht versuchen, den Schmerz abzuschwächen", sagt sie. Schroeter-Rupieper erklärt das Trösten mit Sprüchen auch so: Gesellschaftliche Anerkennung bekommen Menschen für das Aufstehen und Weitermachen, nicht aber für das Trauern und Trösten. Daher komme auch der Drang, den anderen schnell wieder aufzubauen.

Der zweite Grund, warum es vielen Menschen schwer fällt sich auf das Trösten einzulassen, sei die Überforderung. "Sie denken, sie müssten ganz besonders ergreifende Worte oder eine Lösung für die Trauer des anderen finden", sagt sie. Und wenn einem die tiefgründigen Worte nicht so recht einfallen wollen, kommt das Gefühl der Überforderung. Dabei sei es ohnehin nicht die Analyse, die tröstet, sondern dass jemand da ist, der sich für einen Moment selbst zurücknimmt. "Zuhören, einen Kakao machen und immer wieder nachfragen."

Wieder Zuhause rief Felix H. einen Freund an. Er brauchte jetzt selbst Trost. Der Freund fragte:  "Wie geht es dir?", und er fragte auch, "Wie geht es deiner Mutter, wie geht es deinem Vater? Was macht ihr gerade, wie geht ihr mit der Situation um?" Das half ihm, denn er konnte ihm erzählen, was geschehen war. Durch die Fragen des Freundes passierte etwas, von dem Felix H. sagt, dass er an dem Abend von alleine nicht geschafft hätte: Er versetzte sich in die Rolle seiner Eltern und fragte sich, was den beiden und ihnen allen gut tun könnte, auch, wenn die Eltern es ihm nicht mitteilen konnten. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer, nahm seine Eltern in den Arm und sie weinten gemeinsam um den toten Hund.

Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper, gleichzeitig Autorin des Buchs  "Geschichten die das Leben erzählt, weil der Tod sie geschrieben hat", 1. Auflage 2017, Patmos Verlag, Preis 17,00 Euro