TV-Tipp: "Die defekte Katze"

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TV-Tipp: "Die defekte Katze"
24.4., Arte, 21.40 Uhr
Vor fast 35 Jahren hat der türkischstämmige Regisseur Tevfik Başer mit seinem Debütfilm "40 qm Deutschland" eine für die Mitte der Achtziger typische Einwanderergeschichte erzählt: Ein junger Türke führt ein entwurzeltes Leben als Arbeitsmigrant in Hamburg. Als seine junge Frau nach Deutschland kommt, muss sie ein abgeschottetes tristes Dasein in der Hinterhofwohnung fristen. Dreieinhalb Jahrzehnte nach Başer geht es in "Die defekte Katze" von Susan Gordanshekan um ein ganz ähnliches Schicksal..

Kian (Hadi Khanjanpour), ein junger deutscher Arzt mit iranischem Migrationshintergrund, sucht eine Frau; Mina (Pegah Ferydoni), eine junge Iranerin aus Isfahan, sucht einen Mann. Nach bewährter Tradition wird die Ehe arrangiert; Mina kommt in ein ihr völlig fremdes Land, dessen Sprache sie allenfalls bruchstückhaft beherrscht. Doch die Welt hat sich seit 1985 weitergedreht: Die Frau hat Elektrotechnik studiert und würde ihr Studium gern beenden, aber dafür muss sie erst mal einen Deutschkurs besuchen. Weil sie ansonsten nicht viel zu tun hat, schafft sie sich zum Unmut des Gatten eine Katze an. Der Arzt ist zwar in Deutschland aufgewachsen und hat kein Problem damit, dass seine Frau regelmäßig ein Schwimmbad aufsucht, aber dass sie abends allein in einen Club geht, gefällt ihm nicht. Als er zufällig mitbekommt, wie sich der Ehemann (Constantin von Jascheroff) einer Kollegin an Mina ranmacht, reagiert er archaisch und schließt sie im Schlafzimmer ein; bald darauf zieht sie aus.

Parallelen zu "40 qm Deutschland" gibt es jedoch nicht nur in der Handlung; auch für Gordanshekan ist "Die defekte Katze" nach einigen preisgekrönten Kurz- und Dokumentarfilmen das Spielfilmdebüt. Sie ist in Kassel zur Welt gekommen, aber ihre Eltern stammen wie Mina aus Isfahan. Weil die Regisseurin, die auch das Drehbuch verfasst hat,  in beiden Kulturen verwurzelt ist, kann sie entsprechend authentisch beschreiben, wie schwierig die Annäherung zwischen ihren Hauptfiguren ist. Oft sind es nur Details, die Minas Metamorphose verdeutlichen: Im Flugzeug nach Deutschland beobachtet sie, wie sich eine andere Reisende mit einer fast befreiend wirkenden Handbewegung ihres Kopftuchs entledigt, und tut es ihr gleich. Dank dieser Geste lässt sich gut nachvollziehen, welche Überwindung es sie später kostet, schwimmen zu gehen, denn bei dem Hallenbad handelt es sich selbstverständlich nicht, wie ihre Mutter schockiert feststellt, um ein reines Frauenbad. Mina hat sich zwar keck einen Bikini zugelegt, doch die gemischten Gefühle stehen ihr ins Gesicht geschrieben; Pegah Ferydoni, in Teheran geboren, aber schon im Alter von zwei Jahren nach Deutschland gekommen, verkörpert Minas Grenzgang nicht nur in dieser Szene mit viel Feingefühl.

Filmästhetisch ist "Die defekte Katze" – das Titeltier hat einen Gendefekt und steht selbstredend für die ähnlich dysfunktionale Ehe – dagegen äußerst sparsam. Gordanshekan hat dem Drama eine streng dokumentarische Anmutung gegeben, die Kamera (Julian Krubasik) ist immer ganz an der Hauptfigur. Vom üblichen Spielfilmhandwerkszeug der Bildgestaltung wie Zoom oder Schwenk macht die Regisseurin kaum Gebrauch, Musik setzt sie ebenfalls nur sehr akzentuiert ein. Abgesehen vom Abend im Club, der sich schon mit Flackerlicht in Minas Badezimmer ankündigt, sind einige Traumsequenzen im Schwimmbad die einzigen Szenen, die aus dem nüchternen Rahmen fallen: Beim ersten Mal erlebt Mina im Bikini eine Art Spießrutenlaufen zwischen lauter verhüllten Frauen, eine andere Aufnahme zeigt sie und Kian unter Wasser in Hochzeitskleidung. Gerade die sachliche Umsetzung der Geschichte lässt die Eheszenen jedoch umso stärker wirken. Als Kian ihr erzählt, er habe als Kinder lauter deutsche Freunde gehabt und wollte wie sie sein, fragt sie ihn: "Wenn du so deutsch bist, was mache ich dann hier?" Später, als sie schon längere Zeit zusammenwohnen, stellt er fest: "Wir sind wie zwei Fremde", und so inszeniert Gordanshekan das Paar auch; von dem Humor, den sich Mina im Prolog gewünscht hat, ist ohnehin nichts zu spüren.

Der dokumentarische Stil hat allerdings zur Folge, dass dem Film ein gewisser Handlungsfluss fehlt. Die Szenen wirken wie aneinandergereihte Momentaufnahmen. Das Drama erinnert an Langzeitdokumentationen, deren Protagonisten alle paar Wochen oder Monate von einem Filmteam besucht werden. Immerhin lässt die Regisseurin ihr Debüt halbwegs versöhnlich enden, und es ist ausgerechnet die von Kian ungeliebte Katze, die dabei eine wesentliche Rolle spielt.

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