"Kinder muss man lieben, nicht töten"

Jaczek Zieleniewicz vor dem Tor des Stammlagers Auschwitz I.

Foto: Artur Widak/NurPhoto/Getty Images

Jaczek Zieleniewicz im Stammlager Auschwitz I.

Jacek Zieleniewicz ist 17 Jahre alt, als er verhaftet und nach Auschwitz deportiert wird. Fast zwei Jahre überlebt er in einem grausamen System, das eigentlich nur seinen Tod will. Heute tritt er für Friede, Freiheit und Freundschaft ein. Hier ist seine Geschichte.

Die ersten Worte von Jacek Zieleniewicz sind eine Entschuldigung. Eine Entschuldigung dafür, dass sein Deutsch nicht so gut sei – nicht mehr so gut wie früher. "Damals, als ich im Lager war, habe ich besser gesprochen. Danach fünfzig Jahre nicht mehr." Der alte, schmächtige Mann lächelt entschuldigend, doch seine Augen wirken unfokussiert – gedanklich, so scheint es, ist er an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit: Er ist wieder in Auschwitz-Birkenau.

Jacek Zieleniewicz wird am 10. Mai 1926 in Janowiec Wielkopolski in der Provinz Posen des heutigen Polen geboren. Deutsch ist seine Muttersprache, seine Eltern fühlen sich als Deutsche – gehörte ihre Heimat bis 1918/1919 doch noch zum Kaiserreich. Umso größer der Schock für die Familie, als sie drei Monate nach Kriegsbeginn, im Dezember 1939, von den deutschen Besatzern nach Końskie in das "Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete" zwangsumgesiedelt werden. Dort wird der damals 17-jährige Zieleniewicz in der Nacht des 20. August 1943 verhaftet: Er muss sich mit dem Gesicht nach unten auf die Ladefläche eines Lastwagens legen, auf der schon andere Verhaftete in gleicher Position liegen. "Wir haben gedacht, wir fahren in den Wald, um erschossen zu werden. Warum sollte man sonst so daliegen?" Bis heute, so Zieleniewicz, wisse er nicht, warum er überhaupt zusammen mit 200 weiteren Männern und Frauen in dieser Nacht verhaftet worden sei.

Zwei Tage sind Zieleniewicz und seine Mitgefangenen eingepfercht in einem Viehwagon unterwegs – ohne Wasser, ohne Nahrung, in schier unerträglicher Hitze. In der Nacht des zweiten Tages wird der Zug plötzlich langsam, kommt dann ganz zum Stehen und die Türen werden aufgerissen. Unter den gebrüllten Befehlen der SS-Männer und dem wilden Bellen und Knurren der Hunde werden alle aus dem Wagon getrieben. Dass er da an einem seltsamen Ort angekommen ist, merkt Zieleniewicz sofort: "Wir haben da mehrere Lichter gesehen, obwohl doch Nacht war. Und im Krieg bedeutete Nacht eigentlich immer Verdunklung, aber hier brannten viele Lichter." Nach den Lichtern bemerkt er den kilometerlangen, mit Starkstrom geladenen Stacheldrahtzaun, die Wachtürme und die Baracken. Das sind Zieleniewiczs ersten Eindrücke von Auschwitz-Birkenau.

Am nächsten Morgen wird der damals 17-Jährige zusammen mit den anderen in die sogenannte "Sauna" getrieben. Dort muss er sich ausziehen und seine Kleidung abgeben – nur die Schuhe und den Gürtel darf er behalten. Er wird kahl geschoren, am ganzen Körper rasiert und ihm wird eine Nummer tätowiert: Ab jetzt ist er nicht mehr Jacek Zieleniewicz, sondern für die Nationalsozialisten nur noch Nummer 138.142. "Nachher bekamen wir schmutzige, zerrissene Unterwäsche, mit Läusen dran und Zivilanzüge, so alte Lumpen. Wir haben keine Zebrahäftlingsanzüge gehabt in Birkenau", erinnert sich Zieleniewicz. Auf seinen Lumpen prangt ein roter Winkel mit seiner Nummer drauf – er ist jetzt ein "politischer Häftling".

Die ersten Wochen verbringt er in "Quarantäne": Die Baracken sind Pferdestallbaracken, darin stehen dreistöckige Pritschen, ohne Decken, ohne Strohsäcke. Auf einer Pritsche schlafen 15 Menschen. Ungefähr 500 Leute sind dort eingepfercht, wenn es voll ist. Ursprünglich wurden die Baracken für 52 Pferde gebaut: Ein Pferd, zehn Menschen. In der "Quarantäne" wird nicht gearbeitet, sondern "Sport" gemacht. "Wir mussten laufen, uns hinlegen, aufstehen, hüpfen, rollen, tanzen – stundenlang", so Zieleniewicz. Für ihn als 17-jährigen Jungspund sei das kein Problem gewesen, doch den älteren Männern sei es sehr schwer gefallen. Die wurden dann von den SS-Männern wegen ihrer "Faulheit" geprügelt.

Für sein Projekt "Not guilty" fotografierte Sebastian Holzknecht 41 KZ-Überlebende. Unter ihnen auch Jacek Zieleniewicz.

Die Essensrationen sind gering: Morgens ein halber Liter sogenannter "Kaffee" oder "Tee", mittags ein halber Liter sogenannter "Suppe" und abends ein Stück Brot und wieder ein halber Liter "Kaffee". Am Anfang, erinnert sich Zieleniewicz, habe niemand die "Suppe" essen wollen, weil sie gestunken habe – doch nach ein paar Tagen habe sie allen sehr gut geschmeckt. Der Hunger hat gesiegt. "Aber das Schlimmste war für mich die Kälte. Von morgens um vier bis abends um acht, neun oder sogar zehn Uhr standen wir draußen. Wenn es regnete, waren wir nass, ganz nass. Wir mussten in diesen nassen Anzügen auf der Pritsche schlafen."

Einigen Polen wird erlaubt, zwei Mal im Monat einen Brief an die Familie zu schreiben und monatlich zwei Briefe zu empfangen – es ist Teil des großen Vertuschungsplans der Nazis. Denn die Wahrheit über die Situation im Lager darf selbstverständlich kein Häftling schreiben. "Die Briefe mussten in deutscher Sprache geschrieben werden und in jedem Brief musste der Satz stehen: "Ich bin gesund und fühle mich gut." Ohne diesen Satz wurde der Brief konfisziert", so Zieleniewicz. Mit den Briefen kommen auch Lebensmittelpakete für die polnischen Häftlinge, die sie oft vorm verhungern bewahren. 1943 ist das noch ganz im Sinne der Lagerführung, denn weil viele deutsche Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurden, brauchen sie Arbeiter in der Produktion. "Und die Gestapo-Leute sagten: 'Die Häftlinge müssen arbeiten, nicht gleich sterben. Zuerst arbeiten und nachher sterben. Vernichtung durch Arbeit", erzählt Zieleniewicz.

Im Oktober 1943 wird er aus der Quarantäne in ein Hilfsarbeitskommando im Maurerkommando überstellt. Nach zwei Monaten ohne den Wechsel der Unterwäsche oder des Häftlingsanzuges ist er schmutzig und verlaust, aber dank der zusätzlichen Lebensmittel ist er zumindest nicht so hungrig wie die anderen und hat Kraft zum Arbeiten. Doch das allein habe sein Überleben im Lager nicht ermöglich, als Einzelkämpfer hätte man das Lager nie überleben können: "Zuerst muss man Hoffnung haben, man muss sich sagen: "Ich muss überleben". Und in den schlimmsten Momenten, da muss man Freunde haben. Ein Freund war der, der dir ein Stückchen Brot, ein bisschen Suppe, ein gutes Kommando, ein Wort der Hoffnung gab. Und brauchst du Glück. Viel, viel Glück."

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Die Konzentrationslager der Nazis
Willkommen in der Hölle

Für Jacek Zieleniewicz ist Birkenau ein Ort, an dem alles möglich ist. Man kann reich werden. Sterben. Man kann essen, während der Nächste vor Hunger stirbt. "Das Schlimmste ist, was ein Mensch dem anderen antun kann", sagt er. Und auch wenn es den polnischen Häftlingen körperlich besser geht als vielen anderen, leiden sie trotzdem seelisch unter dem, was sie jeden Tag sehen und erleben. Besonders fürchterlich sind für Zieleniewicz die Wochen der sogenannten "Ungarn-Aktion", als zwischen Mai und Juli 1944 hunderttausende Juden aus Ungarn in Birkenau ankommen und fast alle sofort in Gaskammern brutal ermordet werden. "Wir sind zur Arbeit in die eine Richtung und die Juden ins Krematorium, in die Gaskammern, in die andere Richtung gegangen", erzählt er.

Weil die Krematorien nicht schnell genug arbeiten, um den Bergen an Leichen Herr zu werden, werden die Leichen der Ermordeten auch in Gruben verbrannt. "Aus den Kaminen kam zuerst ein Feuer, dann ein schwarzer stinkender Rauch. Als die Leichen in den Gruben brannten, stanken wir alle. Wir, das Essen, die Decken, die Strohsäcke. Das alles stank. Das Atmen war schwer. Den Geruch der Krematorien habe ich bis heute in der Nase. Das kann man nicht vergessen."

Im sogenannten "Ungarn-Album" wurde die Ermordung der ungarischen Juden in Auschwitz-Birkenau festgehalten. Unter den Opfern befanden sich auch viele Kinder.

Ein Gespräch mit seinen Mithäftlingen aus dieser Zeit ist ihm im Gedächtnis geblieben: Einer fragte, ob sie denn noch normal seien – wo sie doch jeden Tag mitansähen, wie die Juden ins Gas geschickt würden und es ihnen nicht mehr so nahe ginge. Die anderen hätten mit "vielleicht" geantwortet. Doch nach einem Augenblick habe der Fragende gesagt: "Es ist noch nicht so schlimm mit uns, wir sind noch normal. Denn wenn die Kinder gehen, wenn die Kinder sterben, dann habt ihr auch die Gesichter nicht so gut." Menschlichkeit und Mitgefühl – Emotionen, die in Auschwitz-Birkenau so vielen Menschen ausgetrieben wurden. Gefühle an einem Ort, an dem so viele vollkommen abstumpften. "Wenn ich heute daran denke, ist das Schlimmste, was ich erlebt habe, das, was ich gesehen habe", sagt Zieleniewicz. Tiefe Furchen und Altersflecken zeichnen sein Gesicht. Seine Augen liegen tief in ihren Höhlen, die Gedanken an hunderttausende Kinder, die in den Gaskammern von Birkenau ermordet wurden, schmerzen noch immer. "Kinder muss man lieben, nicht töten." Seine Stimme wird leise. Weil ihm die Worte fehlen, rezitiert er ein Gedicht von Volker von Törne über Auschwitz-Birkenau:

"Hier führt kein Weg zurück.
Hier bleibst du allein,
mit dem Schlag deines Herzens,
mit der Asche unter dem Gras.
Hier enden die Worte."

Ein Jahr lang überlebt Jacek Zieleniewicz das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Am 20. August 1944 verlässt der mittlerweile 18-Jährige das KZ: er wiegt 70 Kilogramm und ist gesund. Seine Lumpen tauscht er ein gegen saubere, unverlauste Zebrahäftlingskleidung, er bekommt Holzpantoffeln und wird mit 50 anderen Häftlingen in einen Viehwagon gesperrt. Auschwitz und Birkenau mit dem Geruch, mit den Gaskammern und den Krematorien bleiben hinter ihnen.

Vier Tage und vier Nächte dauert die Fahrt der 20 Wagons – mit nicht mehr zu essen als einem kleinen Stück Brot und fünf Litern "Kaffee" für die 50 Menschen in der sängenden Augusthitze. Niemand wusste, wohin sie gebracht werden. "Wir haben gedacht, dass wir am Anfang im neuen Lager ein Bad bekommen würden und dabei ein bisschen Wasser trinken könnten." Von der Bahnstation Schömberg in der Nähe von Rottweil (Baden-Würtemberg) werden die Häftlinge ausgeladen. Die letzten zwei Kilometer zum Lager Dautmergen müssen sie zu Fuß gehen. "Und am Ende auf der rechten Seite haben wir eine Wiese mit Zelten gesehen. Und nichts mehr. Kein Stacheldraht. Eine Baracke stand nur. Und das schlimmste: kein Wasser. Wir haben das Lager gebaut", erzählt Zieleniewicz. Die Bedingungen sind für die Häftlinge in Dautmergen katastrophal: vier Monate lang können sie sich nicht waschen, weil es kein Wasser gibt. Vier Monate, in denen sie in den gleichen schmutzigen, zerrissenen und völlig verlausten Häftlingsanzügen leben müssen. Unterbracht sind sie in Zelten ohne Licht, die Wiese, auf der Lager aufgebaut wird, verwandelt sich bei Regen nach kurzer Zeit in eine einzige, 20 Zentimeter tiefe Schlammgrube. Die Essensrationen in Dautmergen sind deutlich kleiner als noch in Birkenau: morgens ein Liter "Kaffe" und abends ein Liter "Suppe" und 100 Gramm Brot – sonst nichts. "In Auschwitz dachten wir viel an unsere ehemaligen Wohnungen und an unsere Häuser. In Dautmergen dachten wir an die Unterkünfte und das Leben in Auschwitz", erinnert sich Zieleniewicz und fügt hinzu: "In Auschwitz war es viel besser als in Dautmergen, obwohl es da schon sehr schlecht war."

Ein Skelett mit Haut, Schmutz und vielen Läusen

Zieleniewicz hat auch in Dautmergen Glück: Er kennt zwei der fünf polnischen Lagerärzte, die ebenfalls aus Auschwitz nach Dautmergen verlegt wurden. Sind seine Schuhe kaputt – im Lager so gut wie ein Todesurteil – geben sie ihm die Schuhe der Toten. Bis November übersteht er so den Einsatz in einem Arbeitskommando im Wald, bei dem er Telemasten tragen muss. Doch die Ärzte sehen, dass er mit jedem Tag schwächer wird und versuchen ihn davon zu überzeugen, sich bei ihnen im Krankenbau zu verstecken. Doch Zieleniewicz lehnt ab – sein Arbeitskommando gehört zu den "guten", das will er nicht verspielen. "Am nächsten Tag haben wir nicht im Wald gearbeitet, sondern im Steinbruch. Und es war windig, mit Regen, mit Schnee. Wir haben Häftlinge getragen, die waren gestorben, es waren Alte. Und ich habe den ganzen Tag gedacht, wie dumm ich war." Am Abend geht er zum Arzt. Dort wird gewogen und zum ersten Mal seit drei Monaten sieht er sich nackt: "Ich war ein Skelett mit Haut, viel Schmutz und überall waren die vielen Läuse. Die Läuse haben einen lebendig gefressen. Ich hätte nicht ohne Hilfe überlebt", erinnert er sich. Zu dem Zeitpunkt wiegt er nur noch 38 Kilogramm.

Im Krankenbau bekommt der 18-Jährige ein Bett mit einem ganz dünnen Strohsack, eine zerrissene Decke und vor allem ein festes Dach über dem Kopf. Zwei Monate lang muss er nicht arbeiten – Zieleniewicz fühlt sich als sei er schon im Himmel. Dabei ist er noch in der Hölle. Im Januar wird er jedoch von Rapportführer entdeckt und rausgeschmissen – wieder hat er Glück, dass er mit einem Arschtritt und einer Tracht Prügel davon kommt, statt offiziell gemeldet und bestraft zu werden. "Ich musste wieder an die Arbeit, es war wieder kalt, ich hatte wieder  Hunger."

Schon bald verhelfen ihm seine Deutschkenntnisse jedoch dazu, als Kalfaktor in den SS-Baracken eingesetzt zu werden: Es ist eine angesehene Arbeit, kann man doch duschen, wird entlaust und bekommt saubere Kleidung, da die SS-Männer nicht mit dem Dreck der Häftlinge in Berührung kommen wollen. Für zwei Stuben à 16 Männern ist Zieleniewicz sozusagen das Dienstmädchen. "Und da habe ich einen guten Menschen getroffen", sagt er und es wirkt so, als könne er seine Worte selbst nicht fassen. Dieser gute Mensch ist der Rechnungsführer der Kompanie, der eine eigene Stube bewohnt. Er lässt sich von Zieleniewicz eine große Portion Mittagessen holen und bevor er sie auch nur ansatzweise aufgegessen hat, fordert er Nachschub. Zieleniewicz gehorcht und holt auch die zweite Portion – in Gedanken ist er bei der Ungerechtigkeit, dass er und so viele seiner Kameraden verhungern, während sich da ein einziger den Wanst vollschlägt. Doch als er mit dem voll beladenen Teller wieder zurückkommt, überrascht ihn der Rechnungsführer mit den Worten "Das ist für dich". Und als er sich zum Essen in die Ecke kauern will, sagt der Obersturmführer: "Sitz bei mir, du bist doch so ein Mensch wie ich." Und für einen kurzen Augenblick ist er wieder Jacek Zieleniewicz, ein Mensch, und nicht nur die Nummer 138.142.  "Ich war da über einen Monat in dieser Baracke und der Rechnungsführer hat mir viel geholfen", erzählt er und zieht die Stirn kraus: "Bis heute weiß ich nicht, wie es sein konnte: Eine SS-Uniform und darin ein sehr anständiger, ein sehr guter Mensch." Und der Mann sei nicht nur zu ihm anständig gewesen, sondern auch zu allen anderen Häftlingen. Deswegen sei sein Verhalten der Grund, warum Zieleniewicz, wenn er anderen seine Lebensgeschichte erzählt, immer sagt: "Es gibt keine guten oder schlechten Nationen, es gibt nur gute oder schlechte Menschen in jeder Nation."

6.000 Menschen sind zwischen August 1944 und Januar 1945 in Dautmergen inhaftiert – selbst die SS-Männer bezeichneten das Lager als "Hölle" oder "Knochenmühle". 2.000 ehemalige Häftlinge liegen dort begraben, 3.000, die nicht mehr laufen konnten, wurden in Transporten nach Bergen-Belsen und Dachau geschickt. Nur 668 Häftlinge – unter ihnen auch Jacek Zieleniewicz – werden am 18. April 1945 auf einen Todesmarsch getrieben. Vier Tage lang marschiert der Trupp, doch dann fliehen die SS-Männer und die Häftlinge sind frei.

"Die Verachtung blieb"

Von den Franzosen wird Zieleniewicz bei einem älteren Ehepaar in Altshausen einquartiert. Sechs Monate bleibt er in Deutschland und wird wieder aufgepäppelt, so dass er bald wieder 80 Kilogramm wiegt. Im Dezember 1945 kehrt er zu seiner Familie nach Polen zurück. Lange haben ihn die Worte seines ehemaligen Lagerkollegen Tadeusz Borowski, der nach dem Krieg Schriftsteller in Polen wurde, beschäftigt. Er schrieb: "Wir überlebten, obwohl wir weder besser noch schlechter waren als die, die starben. Aber die Lebenden und die Toten, die Guten und die Schlechten verband ein grenzenloser Hass und eine grenzenlose Verachtung auf die Deutschen." Zieleniewicz erzählt, dass sie sich im Lager ausgemalt hätten, was sie mit den Deutschen machen würden, sobald sie frei wären. Als freie Menschen sei der Hass jedoch allmählich erloschen. "Aber die Verachtung blieb. Bei mir persönlich 50 Jahre lang. Ich wollte kein Wort Deutsch sprechen, gar nichts mit den Deutschen zu tun haben", sagt er.

Von dieser Bitterkeit ist heute keine Spur mehr. Als er 1995 das erste Mal wieder nach Deutschland, nach Dautmergen, gefahren sei, habe er nur die Gräber sehen und nicht mit den Deutschen sprechen wollen. Doch seien ihm dort ganz normale, freundliche Menschen begegnet und er habe Freundschaften geschlossen – für ihn damals eigentlich undenkbar. Jetzt  kann Zieleniewicz von sich behaupten: "Ich fahre nach Deutschland ohne Angst und ohne Hass. Das sind gute Zeiten für uns, diese Zeiten überlebt haben, wo es nur Hass gab, nur Feinde, nur Tod. Jetzt ist es ganz anders." Er erinnert jedoch auch immer wieder daran, dass man für den Frieden arbeiten müsse, dass er nicht selbstverständlich sei. "Es ist nicht wichtig, ob wir weiß oder schwarz sind, katholisch, evangelisch oder Atheisten, ob wir deutsch oder polnisch sprechen, wir müssen als Menschen überleben. Zusammen kann man alles machen – aber auch alles zerstören."

Häufig werde er gefragt, ob er den Deutschen verziehen habe. Dann frage er immer, welche Deutsche denn gemeint seien. "Den Deutschen aus den Lagern kann ich nicht verzeihen, das ist eine Arbeit für Gott. Aber den jungen? Die haben mir nichts Schlechtes getan. Da gibt es nichts zu verzeihen." Die jungen Deutschen seien nicht verantwortlich für die Vergangenheit, aber für die Zukunft. Und die sollen sie mit den drei deutschen Wörtern, die mit "F" beginnen, gestalten: Mit Frieden, Freiheit und Freundschaft. Das sei ihre Pflicht. "Ich kann nicht sagen, dass ich das alles gerne erzähle", meint Zieleniewicz zum Abschluss des Gesprächs. "Besser wäre es, sich nicht zu erinnern. Aber ich muss das machen. Und wenn wir dann als Freunde auseinandergehen, dann ist das mein Sieg."

Die Begegnung mit den Zeitzeugen wurde durch das Journalisten-Programm des Maximilian-Kolbe-Werks ermöglicht, an dem die Autorin 2015 teilgenommen hat. Das Maximilian-Kolbe-Werk unterstützt ehemalige Häftlinge nationalsozialistischer Konzentrationslager und Ghettos in Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas. Um die Arbeit zu unterstützen, können Sie entweder online spenden oder das Geld auf folgendes Konto überweisen:
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