TV-Tipp: "Lotta & der Mittelpunkt der Welt"

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TV-Tipp: "Lotta & der Mittelpunkt der Welt"
25.4., ZDF, 20.15 Uhr
Mit dem achten Film der "Lotta"-Reihe kehrt die von Josefine Preuß so frisch und jugendlich wie am ersten Tag verkörperte Titelheldin dorthin zurück, wo vor einer knappen Dekade alles begonnen hat. Es ist ja ohnehin ein beliebtes Sujet vieler Filme, Frauen nach einigen Jahren in ihre Heimat zurückzuschicken und sie dort gewissermaßen mit ihrem früheren Ich zu konfrontieren.

Auf diese Weise lässt sich gut erzählen, was sich alles verändert hat; die Heimat ist meist nur noch ein Sehnsuchtsort, der mit der Wirklichkeit nicht mehr viel gemein hat. Autorin Birgit Maiwald nutzt einen zwar wenig originellen, aber wirkungsvollen Aufhänger: Lotta will die Sommerferien gemeinsam mit Tochter Lilo in ihrem Elternhaus verbringen und stellt schockiert fest, dass Vater Meinolf (Frank Vöth) das Eigenheim verkaufen will.

Das Drehbuch knüpft zwar an den vor einer Woche ausgestrahlten letzten Film an ("Lotta & der schöne Schein"), funktioniert aber auch unabhängig davon: Nach der Stippvisite bei der Tochter in Berlin ist Meinolf Brinkhammer wieder in die Provinz zurückgekehrt; Heilpraktikerin Maren (Catherine Flemming) hat er kurzerhand mitgenommen. Die neue Lebensgefährtin fühlt sich allerdings sehr unwohl in dem Haus ("düstere Familiengruft") und möchte mit Meinolf die Welt bereisen. Der Verkauf des Eigenheims soll die Reise finanzieren, Lotta ist entsprechend empört. Beschränkten sich die Animositäten der beiden Frauen anfangs auf die berufliche Ebene, weil die Heilpraktikerin und die junge Ärztin so etwas wie natürliche Antagonistinnen waren, so werden die gegenseitigen Attacken zunehmend giftiger; bis ein Schicksalsschlag die Karten völlig neu mischt. 

Die große Qualität der Reihe liegt in ihrer Lebensnähe. Lotta und ihre Familie sind keine Fernsehfiguren, sondern ganz normale Menschen; mal selbstgerecht, mal ungerecht, aber immer glaubwürdig und nachvollziehbar. Auch die Konflikte sind alltäglich: Lottas Bruder Basti (Bernhard Piesk) kommt nicht dazu, sich in der Speditionsfirma seines Vaters zu entfalten, weil Meinolf nicht loslassen kann und die Modernisierungsvorschläge seines Sohnes als überflüssige neumodische Spinnereien abtut. Lotta wiederum übersieht, dass die schulischen Probleme ihrer Tochter eine Folge des mütterlichen Leistungsdrucks sind. Die Szenen mit Preuß und der jungen Sophia Louisa Schillner gehören ohnehin zu den schönsten des Films, weil die beiden ein glaubwürdig inniges Verhältnis verkörpern. Da Kinder in diesem Alter immer dann am besten spielen, wenn sie nicht spielen, müssen die beiden Darstellerinnen tatsächlich einen guten Draht zueinander haben.

Ähnlich gut gelingt Maiwald die Balance beim Verhältnis zwischen Lotta und Maren. Die Schulmedizinerin beobachtet die Arbeit der Heilpraktikerin zwar mit großer Skepsis und spart auch nicht mit bissigen Kommentaren, aber der Film diskreditiert Marens Methoden nicht; Menschen, die auf Naturheilkunde schwören, werden mit Lottas Spitzen leben können. Auch für diese Ebene hat Maiwald ein treffendes Bild gefunden, als die beiden Frauen Lottas Freundin Maike (Sylta Fee Wegmann) helfen, ihr Baby zur Welt zu bringen. Maike lebt mit einer Frau (Jytte-Merle Böhrnsen) zusammen; ein schönes Beispiel für die unverkrampfte Selbstverständlichkeit, mit der die Reihe ihre Themen präsentiert. Die zumindest latente Homosexualität von Basti wird ähnlich beiläufig behandelt. Die Titel der Filme klingen zwar regelmäßig bedeutungsschwer ("Lotta & die großen Erwartungen", "… das ewige Warum", "… der Ernst des Lebens"), aber die Umsetzung ist stets von einer berückenden Leichtigkeit, weil auch bei den schweren Themen Andeutungen genügen; diesmal reicht zum Beispiel der Blick auf eine Perücke, um zu verdeutlichen, warum Lottas Mutter viel zu früh verstorben ist.

Erstaunlich ist auch, dass sich Tonfall und Handschrift seit dem Start der Reihe (2010) kaum verändert haben, obwohl mit Andreas Menck bereits der sechste Regisseur am Werk ist. "Lotta & der schöne Schein" war trotz der vielen Herausforderungen für die Titelheldin ein luftig-leichter Berlin-Film, "Lotta & der Mittelpunkt der Welt" ist auch dank der munteren Musik von Ali N. Askin eine Sommerkomödie mit Badesee-Idylle und prächtigem Sonnenuntergang. Trotzdem tun Buch und Regie nicht so, als sei die Welt in der Provinz noch in Ordnung; dafür sorgt nicht zuletzt die Titelheldin mit ihren Seitenhieben auf den "Arsch der Heide". Ganz gleich jedoch, ob Stadt oder Land: Die Hauptfigur funktioniert hier wie dort ganz prächtig. Josefine Preuß kann sich wahrlich nicht über einen Mangel an Beschäftigung beklagen, aber Lotta ist die perfekte Rolle für sie, zumal es kaum eine andere Schauspielerin gibt, die so schöne Gesichter machen kann, ohne je ins Grimassieren zu geraten. Weil sie so herrlich unschuldig dreinschauen kann, wirken selbst Lottas süffisante Sarkasmen nicht bösartig. Allerdings hat Maiwald der Hauptdarstellerin auch viel großartiges Spielmaterial gegeben. Wunderbar ausgedacht und umgesetzt sind unter anderem die beiden ausführlichen Szenen, als Lotta erst mit allerlei Schauergeschichten die Kaufinteressenten vergrault und dann gemeinsam mit Lilo vor dem nächsten Besichtigungstermin viele kleine Sabotageakte ausheckt.

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