TV-Tipp: "Tatort: Wo ist nur mein Schatz geblieben?"

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TV-Tipp: "Tatort: Wo ist nur mein Schatz geblieben?"
22.4., ARD, 20.15 Uhr
Nach über 22 Fernsehjahren verabschiedet sich eins der ältesten "Tatort"-Teams der ARD; allein die Kollegen aus Köln (ebenfalls seit 1997) und München (1991) sowie die unverwüstliche Lena Odenthal aus Ludwigshafen (1989) sind noch länger im Dienst als Inga Lürsen (Sabine Postel), die seit 2001 mit dem deutlich jüngeren Kollegen Stedefreund (Oliver Mommsen) zusammenarbeitet.

Während andere "Tatort"-Ermittler auch schon mal sang- und klanglos vom Bildschirm verschwunden sind, hat Radio Bremen dem Duo eine große letzte Vorstellung ermöglicht. Im Mittelpunkt steht allerdings Stedefreund. Die Abschiedsepisode mit dem zunächst seltsamen Titel "Wo ist nur mein Schatz geblieben?" greift ein Ereignis auf, das sich vor einigen Jahren zugetragen hat. Damals war der Hauptkommissar als Ausbilder der einheimischen Polizei in Afghanistan und hatte dort ein traumatisches Erlebnis. Die entsprechende Geschichte ist 2013 in der Folge "Er wird töten" erzählt worden. Gerade für langjährige Anhänger einer Reihe hat es stets einen speziellen Reiz, wenn sich ein Sonntagskrimi auf einen früheren Film bezieht, und da der Regisseur mit Florian Baxmeyer damals wie heute der gleiche war, hat er die Abschiedsepisode womöglich von langer Hand eingefädelt.

Der Film beginnt mit einem irritierenden und in verfremdeten Bildern gefilmten Prolog, der vom Serail bis zum Bordell alles Mögliche zeigen könnte; dazu erklingt das Titelzitat, das sich als Teil eines Abzählreims entpuppt. Erst viel später wird sich zeigen, dass die grausige Sequenz für Stedefreund eine Mischung aus Alptraum und Erinnerung ist und schließlich in ein Massaker münden wird. Zunächst jedoch erfreuen sich der Kommissar und seine Kollegin an einem Tandemfallschirmsprung, den Sabine Postel erst mit ausgiebigem Kreischen und dann mit einer fragwürdigen Darbietung des Klassikers "Über den Wolken" unterlegt. Noch in der Luft erreicht die beiden der obligate Krimianruf: Es gibt eine weibliche Leiche, die nur durch Zufall bei Straßenbauarbeiten unter dem Asphalt entdeckt worden ist. Die Spur führt zu einem Unternehmen, das in großem Stil Immobilien entwickelt. Die Ermittlungen werden allerdings jäh durch zwei Männer unterbrochen, die Baxmeyer kurz zuvor wie Gangster eingeführt hat; die Herren Maller und Kempf (Robert Hunger-Bühler, Philipp Hochmair) sind jedoch vom Bundeskriminalamt. Ältere "Tatort"-Zuschauer werden sich erinnern, dass "BKA" schon für Schimanski stets ein Synonym für Ärger war, und so ist es auch diesmal: Die beiden sind seit Jahren hinter dem Anführer des Mafia-ähnlich organisierten tschetschenischen Berlov-Clans her. Seine Schwester Vera (Violetta Schurawlow) leitet das Immobilienunternehmen, in dem das schmutzige Geld ihres Bruders Adam (Daniel Wagner) gewaschen wird. Das BKA hat einen verdeckten Ermittler in der Firma platziert und will natürlich verhindern, dass die Berlovs aufgeschreckt werden. Lürsen protestiert, aber Stedefreund lenkt überraschend schnell ein, und nun schließt sich der Kreis zu den ersten Bildern: Maller und Kempf haben etwas gegen ihn in der Hand, das seine Karriere umgehend beenden würde. Erst jetzt offenbart sich die ganze Grausigkeit des damaligen Ereignisses.

Die Geschichte ist faszinierend, zumal das Drehbuchtrio Baxmeyer, Michael Comtesse und Stefanie Veith für weitere Komplexität sorgt. Die Rolle des verdeckten Ermittlers wird schon allein durch die Besetzung mit Kostja Ullmann erheblich aufgewertet: Der Polizist hat sich nicht nur in Vera verliebt, sondern auch ein gemeinsames Kind mit ihr, was die Dinge spätestens zum Finale zusätzlich kompliziert macht. Außerdem hat sich das BKA-Duo schon längst auf die Seite des Bösen geschlagen: Berlov will seiner Schwester sieben Millionen Euro bringen, und mit diesem Geld wollen Maller und Kempf abhauen. Aus unerfindlichen Gründen muss Philipp Hochmair den jüngeren der beiden Beamten jedoch auf eine Weise verkörpern, die mit Fug und Recht das Etikett "durchgeknallt" verdient. Der gern dämonisch dreinblickende drogensüchtige Kempf ist völlig unberechenbar, psychisch labil und neigt zu Gewaltausbrüchen; die Zigarillos, im Italo-Western dank Clint Eastwood noch ein Zeugnis ausgesprochener Coolness, weisen ihn ohnehin als Schurken aus. Die Figur ist unnötig übertrieben und erinnert an vergleichbare Rollen aus zweitklassigen Hollywood-Produktionen, als wolle Baxmeyer verdeutlichen, dass ein Verbrecher mit Polizeiausweis ein reines Fantasieprodukt ist. Auf diese Weise wirkt Robert Hunger-Bühler als Mastermind fast schon sympathisch, aber tatsächlich ist der zynische Maller das größere Monster der beiden.

 Baxmeyer hat in den letzten zehn Jahren 13 "Tatort"-Folgen aus Bremen und damit ein Drittel aller Episoden aus der Hansestadt inszeniert. Viele seiner Filme waren fesselnde Krimis, zumal es ihm immer wieder gelungen ist, glaubwürdig große Geschichten zu erzählen, für die Bremen fast zu klein wirkte, etwa mit "Brüder" (2014), einem hartgesottenen Gangster-Film, oder mit "Der hundertste Affe" (2016), einem packenden Thriller, in dem Öko-Aktivisten das Trinkwasser vergiften wollen; in der gruselig guten Folge "Die Wiederkehr" stand gar ein Mädchen von den Toten auf. Umso bedauerlicher, dass gerade die tragische Komponente des dramatischen Finales, als die versuchte Verhaftung der Tschetschenen völlig aus dem Ruder läuft, nicht restlos überzeugt. Dass Baxmeyer für den Abschied von Stedefreund und Lürsen dennoch ein besonderer Film vorschwebte, belegt nicht zuletzt die eigenwillige Musik von Stefan Hansen. Das Drehbuch ist von beeindruckender Komplexität und zeichnet sich zudem durch große Detailfreude aus. Auch die Bildgestaltung ist auffallend sorgfältig und zeigt regelmäßig, dass sich Baxmeyer und sein bevorzugter Kameramann Peter Joachim Krause nicht mit der erstbesten Einstellung zufrieden geben wollten.

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