Richard David Precht: Leibniz ist Vorbild für moderne Philosophen

Gemälde von Josef Vyletal zeigt Gottfried Wilhelm Leibniz.

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Gottfried Wilhelm Leibniz, Gemälde von Josef Vyletal.

Richard David Precht: Leibniz ist Vorbild für moderne Philosophen
300 Jahre nach dem Tod von Gottfried Wilhelm Leibniz könnten die heutigen Philosophen vom Denken des Universalgelehrten noch immer lernen, meint der Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht. Leibniz sei ein "Generalist" gewesen, der versucht habe, die Wissenschaften aufeinander zu beziehen und ihnen dabei zu helfen, sich selbst besser zu verstehen. Leider sei dieses Modell in der deutschen Universitätsphilosophie verloren gegangen.

Was können wir von Leibniz heute lernen?

Richard David Precht: Leibniz war ein Universalgelehrter, wie es heute nicht mehr möglich ist, weil niemand das Wissen seiner Zeit mehr bündeln und systematisieren kann. Dennoch ist er ein philosophisches Rollenvorbild: der Philosoph als "Generalist", der versucht, die Wissenschaften aufeinander zu beziehen und ihnen dabei zu helfen, sich selbst besser zu verstehen. Leider ist dieses Rollenmodell in der deutschen Universitätsphilosophie verloren gegangen. Es bleibt aber sehr zu wünschen, dass wir es wiederbeleben. Der Philosoph als unabhängiger Supervisor wird heute und in Zukunft dringend gebraucht.

Oft sagt man, Leibniz sei seiner Zeit weit voraus gewesen. Stimmt das?

Precht:
In mindestens zwei Punkten war Leibniz tatsächlich seiner Zeit voraus. Erstens: Er dürfte der Erste gewesen sein, der "digital" dachte. Er baute nicht nur die erste digitale Rechenmaschine, sondern er stellte sich auch alles andere digital vor, dass heißt als eine Entscheidung zwischen Eins und Null. Die Eins war für ihn Gott und die Null das Nichts. Er erkannte, dass sich die Rationalität in verschiedenen Zeichensystemen ausdrücken lässt: in Sprache, Zahlen oder Noten. Und zweitens: Wie kein Denker vor ihm beschäftigte sich Leibniz mit dem "Individuum" und versuchte zu ergründen, wie sich unser Bewusstsein als eine Einheit selbst steuert und hervorbringt. Diese Frage beschäftigt Neurobiologen und Philosophen noch heute.



Leibniz hat Naturwissenschaft und Mystik verbunden: Alles ist mit allem verbunden, nichts existiert unabhängig, kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze, kein Stein. Hat dieses Denken Zukunft, gerade was unser Verhältnis zur Natur angeht - oder ist das Esoterik?

Precht:
Was seine "Mystik" anbelangt, so war Leibniz ein Kind seiner Zeit. Die Naturwissenschaften hatten sich noch nicht wie heute völlig aus der Philosophie gelöst, und Leibniz versuchte, nicht anders als Giordano Bruno oder René Descartes, noch einmal eine Einheit der Natur zu denken oder herzustellen, die sich in jedem Individuum spiegelt. Dieses Streben nach Einheit und Harmonie findet sich heute tatsächlich in der New-Age-Bewegung. Doch es ist ein großer Unterschied, ob man im späten 17. Jahrhundert eine Weltharmonie annahm oder ob man es heute tut. Leibniz war ein viel zu scharfer Rationalist als dass man sich vorstellen könnte, dass er heute auf der Seite der Esoteriker stünde.

Leibniz zufolge können wir nur glücklich sein, wenn unsere Mitmenschen glücklich sind. Steckt im Werk von Leibniz noch mehr Weisheit für ein besseres Leben?

Precht:
Leibniz ist einer der wichtigsten Vordenker der Menschenrechte. Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit werden von ihm ins Zentrum der Ethik gehoben. Während die antiken Philosophen vor allem an die eigene Selbstvervollkommnung dachten, bezieht Leibniz die anderen Menschen von Anfang an in seine ethischen Überlegungen ein. Dabei erkennt er, dass Gerechtigkeit vor allem ein Prozess der Selbstsensibilisierung ist: "Gerechtigkeit ist die Barmherzigkeit des Weisen". In unserer heutigen Zeit, die den Gerechtigkeitsbegriff überwiegend politisch-technokratisch sieht, ist Leibniz' Denken ein wichtiges Korrektiv.