Der Traum von einer legalen Flucht

Majd (21, M.) aus Syrien und sein Cousin (li.) begrüßen die Mutter und die jüngeren Brüder von Majd nach ihrer Ankunft aus Syrien am Flughafen Berlin-Tegel.

Foto: epd-bild/Christian Ditsch

Der syrische Flüchtling Majd (Mitte) mit seiner Mutter und seinen jüngeren Brüdern.

Der Traum von einer legalen Flucht
Berliner führen Flüchtlingsfamilien in Deutschland zusammen
Ohne gefährliche Flucht über das Mittelmeer ein neues Leben mit der Familie aufbauen: Private Flüchtlingshelfer holen die Familien geflüchteter Syrer legal nach Berlin. Behörden machen solchen Initiativen in vielen Bundesländern die Arbeit schwer.

Mit zitternden Knien kommt Ulrich Karpenstein aus der Berliner Ausländerbehörde. Der Anwalt hat gerade eine Verpflichtungserklärung für zwei Syrer abgegeben. Im Extremfall haftet Karpenstein nun sein Leben lang für ihren Unterhalt. Um eine junge Mutter auf legalem Weg aus dem von Bürgerkrieg und IS-Terror zerrütteten Land zu ihrem Bruder nach Deutschland zu holen, hat er sich bereiterklärt, dem Staat alle Kosten für ihren Aufenthalt abzunehmen.

Der Anwalt wirkt gestresst aber voller Tatendrang. "Unsere Flüchtlingsinitiative beschäftigt uns rund um die Uhr", sagt er, während er die Bürotür aufschließt und gleichzeitig mit einem Kollegen telefoniert. Im März gründete Karpenstein mit einem Mitstreiter den Verein "Flüchtlingspaten Syrien". Damit soll das finanzielle Risiko auf möglichst viele Freiwillige verteilt werden. Der Verein sucht Menschen, die Verpflichtungserklärungen übernehmen oder mit Spenden zum Lebensunterhalt der Familien beitragen.

Die "Flüchtlingspaten" organisieren eine legale Flucht: Sie kümmern sich um Visa, buchen Flüge, organisieren Sprachkurse, Wohnungen, und die Eingliederung in Deutschland - alles ohne einen Cent aus staatlicher Hand. "Für unsere Flüchtlinge erbringen wir praktisch alle staatlichen Leistungen", beschreibt Karpenstein die Lage. Im Juni und Juli sollen auf diese Weise elf Menschen von Syrien nach Deutschland reisen können.

Auch Majd versuchte alles, um seine Familie aus dem Bürgerkriegsland rauszuholen. Nach allem, was er schon erlebt hat, wirkt der junge Mann deutlich älter als er mit seinen 21 Jahren ist. Drei Brüder und seine Mutter haben sich bei Verwandten in Syrien durchgeschlagen. Der Vater sitzt seit Monaten im Gefängnis. Niemand weiß, wieso. Im vergangenen Oktober ist der Tourismusmanagement-Student nach Deutschland gekommen. Über das Internet hat er sich die deutsche Sprache beigebracht.

Majd hat ein Foto von einem seiner kleinen Brüder bei sich. Er sitzt in einem völlig zerstörten Raum auf dem Boden, in der Decke klafft ein großes Loch. Das Haus wurde bombardiert. Woandershin können die Verwandten nicht. "Ich habe immer Angst um sie, jeden Tag, jede Stunde und jede Minute", sagt Majd. Durch den syrischen Bürgerkrieg sind nach Angaben der Beobachtungsstelle für Menschenrechte seit 2011 mehr als 200.000 Menschen getötet worden. So auch Majds Zwillingsbruder, der bei einem Bombenangriff bei der Arbeit in einem Friseursalon umkam.

Nach monatelanger Flucht vom syrischen Damaskus über den Libanon, Algerien, Tunesien und Libyen hat Majd selbst die Fahrt über das Mittelmeer gewagt. Rund 3.500 Menschen sind im vergangenen Jahr nach UN-Angaben dabei ertrunken. Der erste Schlepper, an den der damals 20-Jährige geriet, verschwand allerdings mit seinen 1.000 US-Dollar für die Überfahrt. "Die Männer sind ohne Herz, ohne Gefühl", erzählt Majd. Schließlich verschaffte ihm doch noch jemand einen Platz auf einem leckenden Fischerboot.

Mit Glück über das Mittelmeer

Trotz der Gefahr, nicht anzukommen, stieg Majd mit 300 anderen Menschen in das kleine Boot. "Ich habe in Syrien kein Leben, keine Zukunft", sagt er leise, aber mit Bestimmtheit. Schon als Majd mit 18 Jahren in die Armee eingezogen werden sollte, hatte er über eine Flucht nachgedacht. "Ich wollte keine anderen Menschen töten", erzählt der junge Syrer. Als sein Zwillingsbruder dann aber getötet wurde, sei ihm klar gewesen, dass ihm keine andere Wahl mehr bleibe, als zu fliehen. "Ich möchte etwas zu Essen haben, ich möchte gern weiter studieren. Ich möchte leben, wie ich denke", sagt Majd.

Auf dem Mittelmeer hatte der junge Mann Glück. Die zusammengepferchten Menschen auf seinem Fischerboot wurden nach zehn Stunden auf See von einem Helikopter entdeckt und von der italienischen Marine gerettet. "Ich konnte mich nicht bewegen, so eng standen wir", erzählt er. "Es war eine grauenhafte Fahrt. Manchmal habe ich mir einfach nur gewünscht, dass es aufhört, egal wie." Aber alles sei besser, als in Syrien zu bleiben, im Krieg.

Rechtsanwalt Ulrich Karpenstein vor dem "Flüchtlingspaten"-Büro in Berlin.
In Potsdam suchte der Student für die Aufnahme seiner Familie einen Verpflichtungsgeber für seine Familie. Mit Hilfe der "Flüchtlingspaten" hat Majd mittlerweile jemanden gefunden. "Das ist ein lebenslanges Risiko", erklärt Karpenstein. Denn die Verpflichtungserklärung ist in den meisten Bundesländern Ost- und Süddeutschlands weder zeitlich, noch in ihrer Höhe begrenzt und gilt unwiderruflich. Die Kosten für den Unterhalt, aber auch für unerwartete Krankheitsfälle und die Bewältigung von Kriegstraumata muss der Verpflichtungsgeber aus eigener Tasche zahlen. Die Krankenkosten nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sind mittlerweile in allen Bundesländern außer Bayern von der Verpflichtungserklärung ausgenommen.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl kritisiert, dass durch Verpflichtungserklärungen viele Betroffene in den finanziellen Ruin getrieben werden. "Als Einwanderungsgesellschaft muss Deutschland dafür sorgen, dass Familien nachkommen können", fordert Geschäftsführer Günter Burkhardt. Gerade für geflüchtete Kinder sind Helfer wie Karpenstein rechtlich gesehen länger verantwortlich, als für die eigene Familie.

"Nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag"

In Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Bremen und Hessen werden Verpflichtungsgeber - was Ländermittel angeht - aus der Vereinbarung entlassen, wenn der geflüchteten Person ein Asylstatus zugesprochen wird. "Die Haftung aus der Verpflichtungserklärung darf nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag andauern", fordert der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger.

Die Bundesregierung vertritt bisher eine andere Haltung. "Nach unserer Auffassung ist es richtig, die Hilfe auf die Nachbarländer Syriens zu konzentrieren", sagt die CDU-Abgeordnete Nina Warken. Sie ist Mitglied des Innenausschusses im Bundestag. Die Aufnahmeprogramme der Länder seien zahlenmäßig nicht beschränkt, das müsse im Hinblick auf die Verpflichtungserklärungen berücksichtigt werden. Auch die in Deutschland lebenden Familien müssten bei der Unterbringung einen Beitrag leisten.

Höchstens fünf Jahre Verpflichtung

"Verpflichtung ja, aber nicht auf ewig", ist Karpensteins Position. Der Anwalt kämpft für eine Beschränkung der Verpflichtungserklärung auf höchstens fünf Jahre, bis die Menschen in den Arbeitsmarkt eingegliedert sind. Das sei der normale Integrationszeitraum. "Anschließend sind die meisten Eingeladenen normale Steuerzahler", sagt Karpenstein.

Trotz Auseinandersetzungen zwischen Behörden und Helfern ist der Traum von einer legalen Flucht für Majds Familie in der vergangenen Woche Wirklichkeit geworden. Am Berliner Flughafen Tegel konnten seine Mutter und seine Brüder ihm nach einem Jahr Trennung wieder in die Arme fallen. Die "Flüchtlingspaten" bieten nun Sprachkurse für sie an, suchen Kita-Plätze und Schulen. Majd möchte weiter studieren und seiner Familie ein neues Leben aufbauen.