"... dem Manne untertan" – Was sagt die Bibel zur Ehe?

Foto: Calbar Paul/iStockphoto

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Wer über die Haltung der Bibel zur Ehe nachdenkt, kommt wahrscheinlich schnell auf eines der Zehn Gebote: Du sollst nicht ehebrechen! Aber ist die Form von "Ehe", die hinter diesem Gebot steht, wirklich das, was wir heute kennen? Selbst für Theologen ist diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten, denn viele Begriffe sind nur scheinbar vertraut.

Aus alten Zeiten klingt vielen vielleicht noch der starke Satz aus dem Epheserbrief in den Ohren: "Die Frau sei dem Manne untertan...", so heißt es dort im 5. Kapitel. Aber wer glaubt, die Bibel rede damit ausschließlich der Einehe mit Vorrangstellung des Mannes das Wort, der irrt sich gewaltig. Auch das mit dem Sex vor (oder außerhalb) der Ehe ist nicht so eindeutig, wie man oftmals hört.

Der Vater des Glaubens - ein Bigamist?

Tatsächlich gibt es zahlreiche hoch angesehene biblische Gestalten, die mehr als eine Frau hatten, und zudem noch mit deren Mägden verkehrten. Prominentestes Beispiel ist Abraham, der im Neuen Testament ehrfürchtig der "Vater des Glaubens" (Röm 4,11) genannt wird. Bis heute sieht man in ihm nicht zu Unrecht den Urvater der drei großen Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam.

Doch mit christlich-abendländischen Moralvorstellungen muss sein eheliches Gebaren erst einmal abgeglichen werden. Nachdem er von seiner Frau Sara keine Kinder bekommen hatte, teilte Abraham mit deren Magd Hagar das Lager – übrigens mit Saras Einverständnis. Und tatsächlich wurde Hagar schwanger und gebar dem Abraham seinen ersten Sohn, Ismael (Gen 16).

Betrug in der Hochzeitsnacht

Erst hinterher verheißt Gott auch der alternden Sara einen Sohn und macht sein Versprechen wahr: Sie bringt dem Abraham einen zweiten Sohn zur Welt, Isaak. Dessen späterer Sohn ist Jakob, und der hat ein ganz ähnliches Verständnis von Ehe wie sein Großvater Abraham: Er möchte seine Cousine Rahel heiraten, geht aber in der Hochzeitsnacht aufgrund einer List seines Onkels unwissend mit Lea ins Bett. Mit dieser bleibt er daraufhin verheiratet, nimmt aber sieben Jahr später die erhoffte Rahel einfach als zweite, gleichberechtigte Frau. (Gen 29)

Wie kann es sein, dass im Christentum ausschließlich die Ehe mit einem Partner akzeptiert ist, nicht aber mit mehreren zugleich – wenn doch die Glaubensvorbilder selbst es ganz anders gehalten haben? Das liegt daran, dass die Bibel selbst über hunderte von Jahren entstanden ist und keineswegs ein eindeutiges Eheverständnis an den Tag legt. In einer nomadisch geprägten Welt wie zur Zeit Abrahams und Jakobs waren Familien auf möglichst viele Nachkommen angewiesen, durch deren Arbeit die Alten später ernährt werden konnten. Und Frauen waren darauf angewiesen, sich in einer stabilen sozialen Verbindung wirtschaftlich abgesichert zu wissen. Ob ein Mann es sich aufgrund seiner Besitztümer leisten konnte, nur eine oder mehrere Frauen zu ernähren, war da zweitrangig.

Will Gott nur Monogame?

In der Zeit, zu der Jesus lebte – lange nach Abraham – wohnten viele Menschen in Städten und hatten das Nomadendasein lange hinter sich gelassen. Im neuen sozialen Kontext galten auch neue soziale Regeln, zu denen es zählte, dass ein Mann nur mit einer Frau verheiratet sein sollte, nicht mit mehreren. Die Überlegungen im Neuen Testament, ob sich ein Mann scheiden lassen dürfe um eine andere zu ehelichen, zeugen davon.

Viele Christen, die ihre Überzeugung biblisch begründen wollen, nur die Einehe sei von Gott gewollt, behaupten: Von den Sitten der Vorväter sei "deskriptiv, nicht präskriptiv" berichtet wurden. Will sagen: Die biblischen Geschichten beschreiben zwar, wie es gewesen ist, drücken aber durch die Blume aus, dass dieses eheliche Verhalten nicht dem Willen Gottes entspricht. Und dieser sei nun mal die Monogamie.

"Gottes Plan für Geschlechtsverkehr"

Die Behauptung wird zum Beispiel anhand von Genesis 2,24 konkretisiert. Dort heißt es im Zusammenhang der Schöpfung von Mann und Frau: "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein 'ein' Fleisch." Fünf Eigenschaften der Ehe werden aus diesem Vers herausgelesen: Sie sei der Beginn der Eigenständigkeit eines jungen Menschen (Loslösung vom Elternhaus), es handele sich um einen Mann und eine Frau (also keine Polygamie), die Verbindung sei umfassend (denn "Fleisch" bedeute hier die ganze Person), sie sei unauflöslich (das hebräische Wort "anhangen" habe auch die Bedeutung "kleben") und Sexualität gehöre genau hier hin (das beinhalte das "ein Fleisch werden").

Schaut man etwas kritischer hinter die Kulissen, so zeigt sich, dass in dieser Interpretation sehr viel christliche Sexualethik eingeflossen ist, die es in dieser Form vor mehr als zweitausend Jahren noch nicht gegeben hat. Manch einer lässt sich von dieser Argumentation sogar derart mitreißen, dass er ein Loblied auf eine abstinente Welt singt: "Stellen Sie sich vor, wie viel besser unsere Welt wäre, wenn Gottes Plan für Geschlechtsverkehr befolgt würde: weniger Geschlechtskrankheiten, weniger unverheiratete Mütter, weniger ungewollte Schwangerschaften, weniger Abtreibungen", heißt es zum Beispiel auf www.gotquestions.org, einer Website mit Antworten auf Fragen im Zusammenhang mit dem Christentum. Die Meinung der Mehrheit der Christen in Deutschland ist dies freilich nicht, und die eindeutige Aussage der Bibel auch nicht.

Abartige Formen der Unzucht

Auch die Argumentation gegen Sexualität vor bzw. außerhalb der Ehe ist teils drastisch. Reihenweise werden biblische Verse zitiert, die alles über den ehelichen Verkehr hinausgehende scheinbar geißeln. Allerdings geht es dabei immer wieder um das griechische Wort porneia, von dem man einfach nicht exakt weiß, was es bedeutet. Die deutsche Übersetzung mit "Unzucht" drückt das passend aus, denn was damit exakt gemeint ist, bleibt auch im Deutschen unklar.

Ist hier vorehelicher Sex im Blick? Oder Ehebruch? Oder Selbstbefriedigung? Oder Sex mit Verwandten, wie er im Alten Testament in den zahlreichen Rechtstexten verboten wird? Meist erwähnt gerade Paulus den Begriff porneia einfach so, ohne ihn genau zu definieren. Manchmal gibt er aber Hinweise auf sein Verständnis. In 1. Korinther 5,1 geißelt er eine besonders abartige Form der Unzucht: "dass einer die Frau seines Vaters hat". Vom Sex vor der Ehe ist das natürlich weit entfernt.

Unzucht ist ein weites Feld

Im 1. Korinther 7,2 heißt es: "Um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine eigene Frau haben und jede Frau ihren eigenen Mann." Hier könnte Selbstbefriedigung Pate für die Verwendung des Begriffs "Unzucht" gestanden haben. Und Judas 1,7 bestätigt, dass "Sodom und Gomorra... Unzucht getrieben haben". Die beiden Städte sind bekannt dafür, dass ihre Männer und Frauen mit Tieren (!) sexuell verkehrt haben. Man nennt dieses Verhalten darum heute auch Sodomie. Gleichwohl: Was Unzucht nun alles sein kann, ist offenbar ein weites Feld.

Eine vollkommen eindeutige Meinung zur Ehe hat die Bibel also nicht. Obwohl wir wissen, dass Hochzeiten zu biblischen Zeiten groß gefeiert wurden und auch Jesus mitgefeiert hat (die Geschichte von der "Hochzeit zu Kana" steht in Johannes 2). Es gab Scheidungen, aber Jesus verurteilte, dass ein Mann seine Frau durch entsprechende gesetzliche Regelungen einfach auf die Straße setzen konnte. Man kannte selbstverständlich auch Ehebruch. Jesus sieht darin eine Sünde, ist aber auch bereit, diese Sünde zu vergeben, wie die Geschichte von der Ehebrecherin in Johannes 8 zeigt.

Gott ist ein Freund des Lebens

Worauf es Jesus wohl ankam, ist die Botschaft, die man in dem schönen Satz zusammenfassen kann: "Gott ist ein Freund des Lebens". Die Verbindung zwischen Mann und Frau dient dem Leben, und insofern sie das tut, entspricht sie auch Gottes Willen, denn: In einer Ehe der damaligen Zeit war das Leben einer Frau wirtschaftlich abgesichert, entstand durch Kindersegen neues Leben, war das Leben der Familie und des Clans auf lange Sicht gesichert.

Wo Ehe heute noch genau dafür steht, wissen die Eheleute das biblische Zeugnis in ihrem Rücken. Mitunter müssen sie sich aber die Augen reiben angesichts der Ehegebote, die man im Alten Testament liest. Denn da geht es nicht nur um Verfehlungen und Verkehr mit Verwandten. Im 2. Mose 21,10 werden die Rechte behandelt, die eine Frau hat, wenn ihr Mann sich eine Zweitfrau nimmt. Er darf die erste Frau dann nicht benachteiligen hinsichtlich Nahrung, Kleidung und ehelichem Verkehr. Siehe da: Nicht der Mann bekommt das Recht zugesprochen, mit seiner Frau ins Bett zu gehen. Es ist umgekehrt: Die Frau hat ein Recht auf Sex mit ihrem Mann. Emanzipation? Die gab es eben auch schon zu biblischen Zeiten.