"Für mich da": Ein Konfirmand wird Pfarrer

Christiane Meister mit ihrem Vater

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Autorin Christiane Meister mit ihrem Vater Heinz-Günther Meister

"Für mich da": Ein Konfirmand wird Pfarrer
Wegbereiter, Lebensbegleiter, Impulsgeber oder wichtige Stütze in schwerer Zeit: Für viele Menschen sind Pfarrerinnen und Pfarrer mehr als einfach nur Prediger. In unserer Pfarrerserie "Für mich da" erzählen wir von besonderen, prägenden oder einfach guten Beziehungen zwischen "Hirten" und ihren "Schäfchen". Unsere Autorin Christiane Meister erzählt von ihrem Vater, der Pfarrer war, und dessen Konfirmand Frank Nico Jaeger - der auch Pfarrer wurde.

Mein Vater, Heinz-Günther Meister, war aus dem Koma erwacht. Monate zuvor war er nach einem Herzstillstand reanimiert worden. Nun strahlte er freudig, als mein Bruder Andreas das Zimmer betrat. "Was machen Sie denn hier?", fragte er überrascht. Andreas stutzte. Erkannte ihn sein Vater nicht mehr? Spätestens, als der ihn mit "Frank Nico Jaeger" ansprach, war offensichtlich, dass er Andreas mit jemandem verwechselte, von dem wir noch nie gehört hatten. Nach dem Koma hatte mein Vater immer mal wieder Raum und Zeit durcheinandergebracht, seine Familie aber bisher erkannt. Doch nun ließ er sich nicht einmal umstimmen, als Andreas seinen Personalausweis zückte.

Als ich meinem Vater ein paar Tage später von der Verwechslung erzählte, hatte er ein schlechtes Gewissen. Mich interessierte aber viel mehr, wer dieser Frank Nico Jaeger war. "Einer meiner ersten Konfirmanden in Gronau", war die prompte Antwort. "Der hätte auch gut Theologie studieren können", fügte mein Vater hinzu. Eine Internetrecherche verriet: Frank Nico Jaeger ist wirklich Pfarrer geworden. Über das soziale Netzwerk Xing schrieb ich ihm eine kurze Nachricht. Schnell folgte die Antwort:

"Das ist ja eine Überraschung! Ich freue mich von dir zu hören und erst Recht von Pfarrer Meister! Er hatte ja einen erheblichen Anteil daran, dass ich meinen Beruf ergriffen habe."

"Er wollte wissen, was wir denken. Das gefiel mir"

Ich besuche Frank Nico Jaeger. Er hat eine Pfarrstelle in Bad Hersfeld, seine zwei Kinder sind ungefähr in dem Alter, in dem meine Schwester und ich waren, als er zu unserem Vater in den Konfirmandenunterricht ging. An diese Zeit habe ich kaum Erinnerungen. Da sich meine Eltern wenige Jahre später trennten, habe ich meinen Vater nur selten als Pfarrer erlebt. Ich erinnere mich, dass mir als Kind sein Wissen unendlich vorkam und er Menschen mit seinen Erzählungen fesseln konnte. Nun war ich gespannt zu hören, wie Frank Nico Jaeger ihn erlebt hat.

Pfarrer Frank Nico Jaeger
"Ich wusste, dass es zur Konfirmation anständig Geld gibt und spekulierte darauf, mir ein Fahrrad zu kaufen", erinnert sich Pfarrer Jaeger. Er erzählt, dass sein Elternhaus nicht sonderlich religiös gewesen sei: Die Familie besuchte an Weihnachten und Ostern die Gottesdienste. Mehr Berührungspunkte mit der Kirche hatte Jaeger bis zum Beginn seines Konfirmandenunterrichts nicht.

Als der Unterricht begann, hatte es der Heranwachsende nicht leicht. "Wenn du 13 Jahre alt bist, dann ist ständig alles in Bewegung. In der Schule hatte man mich als 'bedingt hauptschulgeeignet' eingestuft. Ich bin dann trotzdem zur Realschule gegangen. Dort war ich ein Störer, weil ich mich gelangweilt habe. Deshalb wechselte ich zum Gymnasium, wo ich erstmal kläglich gescheitert bin." Anders erlebte Jaeger zu seiner Überraschung den Konfirmandenunterricht. "Es gab damals keine Erlebnispädagogik, wie wir das heute oft machen. Wir saßen an Tischen oder im Stuhlkreis und haben diskutiert. Dein Vater wollte wissen, was wir denken. Das gefiel mir."

Politik statt Ablativus

Um die schulische Situation zu verbessern, kamen Frank Nico Jaegers Eltern auf die Idee, dass der Pfarrer ihm Nachhilfe in Latein geben könnte. So kam es, dass Jaeger nach dem Konfirmandenunterricht blieb. "Ich mochte deinen Vater. Intellektuell war er eine Herausforderung. Er hat viel gelesen und ich hatte das Gefühl, dass es nichts gab, was er nicht wusste. Er entsprach überhaupt nicht meiner damaligen Vorstellung eines Pfarrers. Gleichzeitig schien er so fest im Glauben – unerschütterlich. Daran konnte man sich ausrichten." Ihn habe es deshalb nicht gestört, die Nachhilfe ausgerechnet vom Pfarrer zu erhalten.

Jaegers Erzählungen von den Lateinstunden kommen mir bekannt vor – lustloses Konjugieren und Deklinieren trafen auf das völlige Unverständnis meines Vaters, wie man der Sprache mit so wenig Fleiß und Leidenschaft begegnen konnte. "Er war unglaublich streng und hat nichts durchgehen lassen. Er konnte richtig böse werden, wenn ich nicht gelernt hatte." Frank Nico Jaeger muss lachen, als er sich erinnert: "Irgendwann hat er dann wohl gemerkt: Dem ist nicht zu helfen." Statt den Ablativus absolutus zu erörtern, unterhielten sich Pfarrer und Konfirmand zunehmend über andere Themen.

"Ich glaube, dein Vater wusste das schon vor mir"

"Ich war schon früh politisiert und bin mit einem roten Stern rumgelaufen", erinnert sich Jaeger. "Für meine Eltern passte das nicht ins bürgerliche Bild. Aber dein Vater hat mich irgendwie verstanden. Er war selbst davon überzeugt, dass wir von dem, was wir haben, abgeben müssen – ob das nun Bildung ist oder Geld." Oft diskutierten die beiden über aktuelle Themen. Jaeger erinnert sich an die Debatte zu Grundgesetz-Artikel 16, die in den 80er Jahren begann und 1992 vorläufig im Asylkompromiss endete.

Familie Meister vor der Kirche in Bad Berleburg (Christiane Meister vorn)
"Dein Vater argumentierte mit der Bergpredigt. Er nahm die Bibel als Hilfe, lebenspraktisch zu predigen. Tatsächlich gibt es ja nichts Radikaleres als das Wort Jesu, die Botschaft dahinter bricht eine Gesellschaft auf", davon ist Frank Nico Jaeger heute überzeugt. "Wir haben uns auch über Theologen wie Bonhoeffer unterhalten. 'Die Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.' Das ist für mich ein wichtiger Satz geblieben." Beim Erzählen spüre ich, wie nachhaltig Frank Nico Jaeger beeindruckt ist. Er ist der Kirche, dem Glauben auf eine Weise begegnet, die er so nicht erwartet hatte.

Nach der Konfirmation trennten sich die Wege der beiden. Mein Vater nahm eine Stelle in Bad Berleburg an – in Wittgenstein, seiner Heimat. Jaeger engagierte sich im Kindergottesdienst. Mit 14 stand für ihn bereits fest, dass er Theologie studieren wollte. "Ich glaube, dein Vater wusste das schon vor mir", sagt er heute.

Etwa zu der Zeit, zu der Jaeger mit dem Studium begann, musste mein Vater wegen gesundheitlicher Probleme seinen Beruf aufgeben. Nach einem Klinikaufenthalt zog er nach Bielefeld, wo er viel Zeit in der Bibliothek der Kirchlichen Hochschule verbrachte und ehrenamtlich in Bethel arbeitete.

Bibel und Zeitung gehören zusammen

Als Jaeger dort ein Praktikum machte, trafen sich die zwei zufällig wieder. "Plötzlich stand er vor mir und sprach mich an. Ich habe ihn erst gar nicht erkannt. Ihm fehlten Zähne und er wirkte gebrochen", erzählt Jaeger. "'Was macht der Beruf mit uns', habe ich mich gefragt. Ich glaube, er hatte eine andere Vision vom Leben und vom Christsein. Viele gehen in die Kirche, weil es chic ist, das Evangelium ist bei vielen weit entfernt. Das hat ihm sehr zu schaffen gemacht." Nach diesem Treffen sei er fix und fertig gewesen, erinnert sich Jaeger. Seitdem haben sie sich nicht wiedergesehen.

Ich kann mich gut an diese Zeiten erinnern, als unser Vater an der Welt und seinem Leben zu verzweifeln schien. Dagegen scheint er heute, obwohl er durch die Folgen des Herzstillstandes gezeichnet ist, wie ausgetauscht. Auch wenn er pflegebedürftig ist, hat er seinen alten Charme und Esprit, seinen Witz und auch seine Lebensfreude wiedergefunden.

Eigenschaften, die Frank Nico Jaeger schon vor mehr als zwanzig Jahren inspiriert haben. Seinen Glauben und seine politischen Überzeugungen trägt Jaeger in die Welt. In sozialen Medien wie Twitter und Facebook setzt er sich für Flüchtlingshilfe oder die Öffnung der evangelischen Kirche für Homosexuelle ein. "Dein Vater konnte stundenlang über Karl Barth sprechen, das politische Christentum. Wenn jemand den Weg für solche Debatten bereitet hat, war er das." Dass Bibel und Zeitung zusammengehören, war für den 13-jährigen Jaeger eine entscheidende Erkenntnis. Und so konnte aus dem Jungen, den anfangs vor allem die Aussicht auf Geldgeschenke in den Konfirmandenunterricht lockte, ein Pfarrer werden.

Infos zur Serie
Wegbereiter, Lebensbegleiter, Impulsgeber oder wichtige Stütze in schwerer Zeit: In unserer Pfarrerserie "Für mich da" erzählen wir von besonderen, prägenden oder einfach guten Beziehungen zwischen "Hirten" und ihren "Schäfchen".

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