Die unterschätzte Chance: Das Scheitern annehmen

Die unterschätzte Chance: Das Scheitern annehmen
"Fehlerlos genug? Mit sich und anderen gnädig sein" ist diese Woche das Thema der evanglischen Fastenaktion "7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz". Niemand ist fehlerlos. Das Scheitern gehört zum Leben dazu. Dennoch ist es in unserer Gesellschaft mit einem Makel behaftet: Du Versager, steckt dahinter. In unserer Kultur ist es üblich, sich lieber cool zu geben als die schmerzhafte Erfahrung zugeben, sagt der Kommunikationswissenschaftler Claus Eurich und meint: Es ist es erst das Scheitern, das uns voran bringt und letztendlich die Chance mit sich bringt, uns zu heilen.
24.02.2012
Von Claus Eurich

Wenn es eine Grunderfahrung im Sein des Menschen gibt, dann die des Scheiterns. Keine letzte Sicherheit, keine Verlässlichkeit erwartet als Wegstation den Wanderer und Suchenden. Ihm begegnet unterwegs, bei allem Schönen und Beglückenden, stets die Beimischung der Unberechenbarkeit. Aus diesem Blickwinkel gestaltet sich das Leben als eine Wegstrecke voller Enttäuschungen. Doch was wir im Prozess des Scheiterns als schmerzvoll und leidgebunden erleben, will eigentlich nur heilen.

Ein Problem, das sich vor uns aufbaut, können wir überwinden, aus dem Weg räumen, gelegentlich schlichtweg negieren. Krisen, derer wir teilhaftig werden, fordern ihr konstruktives Durchleben und ihre Bewältigung. Das Wesen des Scheiterns jedoch liegt in seiner Unwiderrufbarkeit. Mächtig setzt es seinen Grenzstein in die Existenz.

Das Gescheiterte in meinem Leben, eine berufliche Karriere, eine Beziehung oder Ehe, die soziale Anerkennung einer Leistung, der Entwurf einer Seinsweise – ihr Zerbrechen ist nicht mehr umkehrbar. Im Gegenüber der Verzweiflung scheitern in der Folge auch die gängigen Antworten und Lösungswege mit.

Es sei denn, wir beginnen auch das Desaströse vom Standpunkt der Entwicklung, der Vollendung, der Erlösung und der existentiellen Heilung her zu betrachten. Es sei denn also, wir begännen endlich, den Makel abzustreifen, der am Scheitern und der folgenden Verzweiflung klebt. Dieser Kampf ist ganz gewiss kein leichter, denn er muss vor allem gegen die zensierten Gefühle bestanden werden, die in unserer Kultur auch dann noch nach Coolness rufen, wenn das Herz nur noch aus Tränen besteht.

Im Universum, in den Kulturen und im einzelnen Menschen lebt das Scheitern, lebt der Untergang, leben der kleine und der große Bruch in Notwendigkeit und Gleichberechtigung neben dem Glanz und der Größe des Gelingens. Sie sind Teil des Ganzen und dessen Voraussetzung. Dies anzuerkennen und zu integrieren wird zur Basis dafür, sich dem Leben gestaltend zu stellen und es selbst zu entwerfen. Was uns eigentlich niederschmettern und dramatisch mindern müsste, wächst nun zur Voraussetzung dafür, dass das Leben sich selbst gerecht wird, indem es sich steigert.

Grundambivalenz des Menschen

Im Scheitern tritt die Grundambivalenz des Menschen zu Tage. Ihm wird es zur dauerhaften Prüfung und doch liegt Gnade darin, es als dem Gesetz des Seins und Werdens zugehörig erkennen zu können und an mir selber spüren zu dürfen, dass das Werden des Vergehens bedarf. Wie sonst entstünde Bewegung? Wenn der biblische Prediger Kohelet selbst das uns als ewig erscheinende Universum als Windhauch, als Vorübergehendes offenbart und wohl kein Argument bekannt ist, das als Widerspruch ernst genommen werden könnte, dann liegt im Durchleben des Vergehens mit das Tiefste, das wir überhaupt erfahren können. Es offenbart sich als ein ganz eigener Ursprung von Lebendigkeit.

Im Durchleben des Vergehens als Keimquelle der Lebendigkeit zeigt sich die Polarität und zugleich Zusammengehörigkeit des Seins. Jede Position ist an ihre Verneinung gebunden, jedes Negative an das Positive, keine Eigenschaft wird ohne ihr Gegenteil. Die ganze Kostbarkeit der Bindung erstrahlt nur angesichts des drohenden Verlusts.

Das Licht des kosmischen Christus kann nur jene Seele erhellen, die sich in der Nacht des Zweifels und der Gottesfinsternis selber suchte. Vielleicht nimmt ja das dem Schrecklichen ein wenig das Schreckliche, wenn wir es auch als Daseinsgrund des Schönen erkennen und wenn wir es in der Folge in dieser Sinnhaftigkeit bejahen. Nur dann kann auch Trost sein. Und es kann die Erfahrung von Ganzheit erwachsen, selbst in dieser so zerrissenen Welt.

Die Annahme des Scheiterns holt aus dem Verfangensein in zentralen Lebensillusionen. Der Blick auf das eigene Leben zeigt die ganze Ansammlung von Irrtümern, die wir einstmals für unsere Wahrheiten hielten. Jetzt wird das ganze Sein offenbar. Was zunächst als Unfähigkeit gesehen wurde, etwas zu vollenden, zeigt sich nun als Voraussetzung, um zu vollenden. Die Jahre, die ich als die sieben Jahre der Dürre sah, wandeln ihr Antlitz. Sie sind nun auch als die sieben Jahre der Fülle zu erkennen.

Begegnung mit der dunklen Seite Gottes

Das durchlebte und erfüllte Scheitern sollte also nicht mit passiver Hinnahme verwechselt werden. Man könnte eher von einem aktiven, wachen Dulden sprechen. Es hält im Sein, und das nicht nur auf sich selbst bezogen. In der durchhaltenden Annahme des Scheiterns und des damit verbundenen Leides wird der Mensch überhaupt erst leidensfähig, stellt er sich zu seinem Leiden in eine erkennende und fühlende Beziehung. Er bringt eine spezifische Sensibilität hervor, die das Leid auch bei anderen Menschen spüren lässt. Nur wer das Scheitern kennt und sich fühlend und wissend mit ihm vertraut gemacht hat, kann dem von ihm erkannten scheiternden Mitmenschen helfen.

Im Prozess des Scheiterns stehen wir in der Begegnung mit dem, was seit jeher als die dunkle Seite Gottes gilt. Es ist jene Zeit, in der das Göttliche sich zu entziehen scheint, es sind die Jahre des Zweifels und des Ringens um Licht, wie es das biblische Buch Ijob so wunderbar tief und beeindruckend beschreibt. Hier gibt es nichts mehr zu beschönigen, warten keine einfachen Lösungen, ist Nacht. In dieser Nacht aber findet das Unvollendete der Schöpfung, finden ihre oft tragischen Brüche einen Platz, ja Heimat. In der Begegnung werden sie zu Korrekturzeichen für eine notwendige Lebensänderung und zum dramatischen Hinweis, nicht an der Ganzheit des Lebens und nicht an sich selbst vorbeizuleben.

So bereitet sich das Neue vor. So verwandelt sich das Gebrochene in der Schöpfung, mutiert das jederzeit mögliche Tragische zu Evolution und Fortschritt, zu der Fruchtbarkeit bewältigter und überlebter Niederlagen. So führt die Verzweiflung, in der ja "zwei" steckt und damit Spaltung, in die Einsicht und Erfahrung der Ganzheit, der im Letzten immer vorhandenen Einheit.


Claus Eurich ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Dortmund und Autor des Buchs "Die heilende Kraft des Scheiterns. Ein Weg zu Wachstum, Aufbruch und Erneuerung" (Verlag Via Nova, 128 S., 15,80 Euro).