Antisemitismus in Berlin wird roher und direkter

Antisemitismus in Berlin nimmt wieder zu.

Michael Kappeler/dpa

Rege Teilnahme gab es bei der "Berlin trägt Kippa" Veranstaltung im April letzten Jahres. Anlass war der Angriff auf einen Mann mit Kippa in Prenzlauer Berg.

Deutschland spricht 2019
Antisemitismus in Berlin wird roher und direkter
Recherchestelle RIAS registrierte mehr als tausend Vorfälle in 2018
Die Zahl antisemitischer Vorfälle nimmt in Berlin zu. Beobachter registrieren eine offener ausgetragene Judenfeindschaft in der Bundeshauptstadt. Viele Betroffene erleben Anfeindungen in ihrem direkten Wohnumfeld.

Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Berlin ist im vergangenen Jahr um 14 Prozent gestiegen. Insgesamt wurden 1.083 antisemitische Vorfälle im Jahre 2018 in der Bundeshauptstadt erfasst, 132 mehr als im Vorjahr (951), teilte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) am Mittwoch bei der Vorstellung ihres Jahresreports mit. Häufiger als in den Jahren davor habe der Antisemitismus dabei verrohte Formen angenommen und sei direkter geworden, sagte RIAS-Projektleiter Benjamin Steinitz. 

Besorgniserregend sei der deutliche Anstieg bei Vorfallsarten mit besonderem Gefährdungspotenzial für die Betroffenen. Die Anzahl antisemitischer Angriffe erhöhte sich um 155 Prozent von 18 auf 46, die Zahl der Bedrohungen stieg um 77 Prozent von 26 auf 46. Von den Attacken waren 86 Personen betroffen, davon mindestens 13 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Zudem registrierte die Recherchestelle auch einen Anstieg bei schriftlichen oder mündlichen Anfeindungen, Propaganda oder Veranstaltungen mit antisemitischen Inhalten. Hier wurden 831 Fälle dokumentiert, ein Anstieg von 22 Prozent. Die meisten Vorfälle wurden in Berlin-Mitte registriert (146), gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf (80).  

Die Bereitschaft, gegen erkennbare Juden, Kritiker antisemitischer Äußerungen oder politische Gegner Gewalt auszuüben, sei erkennbar gestiegen, betonte Steinitz. Diese Entwicklung sei für viele Betroffenen bereits alltagsprägend. 

Als Beispiele nannte Steinitz einen Mann, dem von Fußballfans aus Mönchengladbach ins Gesicht geschlagen wurde, nachdem er von ihnen als "Du Jude" beschimpft wurde und diese Äußerung kritisiert hatte. Ein Spätkaufverkäufer in Berlin-Neukölln bewarf eine jüdische Frau mit Kronkorken, als er ihren Davidstern-Schlüsselanhänger erblickte und beschimpfte sie als "Judenschlampe". Eine Gruppe von Personen wurde im April 2018 auf dem Weg zur Demonstration "Berlin trägt Kippa" bespuckt, getreten und mit "Verpisst Euch Ihr Juden" beschimpft. Ein Mann las in der U-Bahn die "Jüdische Allgemeine", woraufhin ihm ein Fahrgast auf die Zeitung schlug.

"Wir erleben eine Verschiebung vom Sagen zum Tun"

Von den antisemitischen Vorfällen waren laut Steinitz insgesamt 368 Personen betroffen, 73 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit 187 waren über die Hälfte davon jüdisch, doch auch zahlreiche nichtjüdische Personen, die sich gegen Antisemitismus oder Rechtsextremismus aussprachen, wurden angefeindet. 

Viele erlebten die Anfeindungen mittlerweile im direkten Wohnumfeld, sagte Steinitz. So wurde die Wohnungstür eines jüdischen Mieters in Friedrichshain-Kreuzberg mit einem Hakenkreuz beschmiert. Ein anderer fand an seinem Briefkasten in Mitte den Schriftzug "Judensau". An einer Wohnungstür in Charlottenburg-Wilmersdorf befestigte Israel-Flaggen wurden abgerissen und im Hof verbrannt.

"Wir erleben eine Verschiebung vom Sagen zum Tun", warnte die Projektleiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR), Bianca Klose. Dafür müsse nicht mehr weit nach rechts geschaut werden, es reiche ein Blick in die Mitte der Gesellschaft. Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, forderte eine zügigere Klageerhebung bei antisemitischen Vorfällen. Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) räumte ein wachsendes und verfestigtes Antisemitismusproblem in Berlin ein. Das zu bekämpfen, sei eine Querschnittsaufgabe.