Mut zu weniger Raserei

Kommentar

© evangelisch.de/Simone Sass

Mut zu weniger Raserei
Die Petition der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen in Deutschland spaltet die Gemüter. Markus Bechtold, stellv. Portalleiter von evangelisch.de, ermuntert zu mehr Gelassenheit auf der Straße.

Ich saß in der Falle. Als Studierender befand ich mich vor Jahren auf der Rückbank eines Rasers. Mit einer Hand hielt er sein Handy ans Ohr, die andere lag lässig am Lenkrad, und seine Augen flirteten mit der Beifahrerin. Ich nutzte eine Mitfahrgelegenheit von Mainz nach Berlin, die sich schnell als Höllentour entpuppen sollte. Am Ende kam ich unfallfrei an. Darüber bin ich heute noch heilfroh. Inzwischen ist das Telefonieren im Auto mit dem Handy in der Hand verboten, doch wo die eigenen Gedanken und Augen sind, das lässt sich nicht gesetzlich vorschreiben.

Unser Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist gegen das Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Bereits im Umgang mit dem Dieselskandal hatte er kein glückliches Händchen. Und das wird sich, so wie es gerade aussieht, auch in diesem Fall nicht ändern. Denn immer mehr Bürger*innen wollen auch im Autoland Deutschland eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung. Eine Umfrage des ZDF-Politbarometers zeigt, dass 57 Prozent der Deutschen dafür sind. Gut, dass die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland an Aschermittwoch eine Online-Petition auf den Weg gebracht hat, mit dem Ziel, den Bundestag zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema zu bewegen und eine Anhörung vor dem Petitionsausschuss des Bundestages zu erlangen. Dafür werden bis zum 3. April dieses Jahres 50.000 Unterschriften benötigt. Über 14.000 haben bereits bis zum 12. März dabei mitgemacht.

Noch aber darf auf 18.000 Kilometern, also rund 70 Prozent der deutschen Autobahnstrecken, gerast werden. Das ist eine seltene Ausnahme. Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem es auf Autobahnen keine grundsätzliche Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Auch in den meisten Ländern der Welt ist das Tempo auf der Straße aus guten Gründen beschränkt.

Warum hängen die Deutschen so sehr an dieser in die Jahre gekommenen Vorstellung einer "freien Fahrt für freie Bürger"? Auch auf evangelisch.de diskutierten die Nutzer*innen das Tempolimit in den vergangenen Tagen mit Emotion, als wir darüber berichtet haben. Gerade Männer scheinen sich hier angegriffen zu fühlen. Das Auto stellt noch immer für viele einen Ausdruck an Männlichkeit, Freiheit und Unangepasstheit dar. Dabei verursachten laut Statistischem Bundesamt etwa im Jahr 2017 überwiegend Männer Autounfälle. Was soll diese Freiheit sein? Dazu passt das zweifelhafte Lebensgefühl, das Helene Fischer in ihrem Song "Mit keinem andern" besingt: "Auf der Autobahn mit 300 fahren, so was kann ich nur mit dir. Mich total verlieren, nichts mehr kontrollieren, das kann ich mit keinem andern". Ich kann mir einen besseren Ausdruck der eigenen Individualität vorstellen, als mit Höchstgeschwindigkeit auf ein Stauende zuzurasen. Auch kann Deutschland gut auf einen Autobahntourismus verzichten, der schlichtweg Raserei zum Ziel hat. Zudem zeigen Untersuchungen, dass wer schnell fährt, selten auch wirklich viel schneller am Ziel ist.

Ist das die vielbesprochene "Freiheit eines Christenmenschen"? Nein! Es geht vielmehr um die Aufforderung Jesu, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. Wie man selbst im Straßenverkehr nicht in Lebensgefahr gebracht werden möchte, so sollte man sich auch selbst verantwortungsvoll verhalten. Alles spricht für ein Tempolimit. Ob dies nun 130, 120 oder 150 km/h sein werden, die Vorteile sind: weniger Unfälle, weniger Verkehrstote aufgrund von kürzeren Bremswegen, weniger Aggressionen auf der Autobahn, weniger Staus durch besseren Verkehrsfluss und eine empfundene Sicherheit, vor allem bei älteren Autofahrer*innen, zum Beispiel beim Spurwechsel. Damit steigt die Lebensqualität. Unsere Umwelt profitiert von weniger CO2 -Ausstoß und weniger Belastung durch Bremsabrieb, obwohl einige das noch immer bestreiten. Wenn der Mensch sich die Erde laut biblischem Schöpfungsbericht untertan machen soll, muss er sie bewahren.

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen versteht die Aufregung nicht und sieht im Gegensatz zu anderen Landeskirchen keinen direkten Handlungsbedarf beim Tempolimit. Auch der Chef des Petitionsausschusses des Bundestages, Marian Wendt (CDU), an den die Online-Petition der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland für ein Tempolimit gehen wird, steht der kirchlichen Initiative ablehnend gegenüber: Kirche solle keine Tagespolitik machen.

Dabei geht es gar nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen oder zu verbieten. Vielmehr sollte jeder Einzelne von uns den Mut aufbringen, die Vorteile zu sehen und diese Form der zweifelhaften Freiheit und Selbstbestätigung über Bord zu werfen. Sie ist nicht nötig. Das wird hoffentlich allen dann klar werden, wenn das autonome Fahren den Menschen das Steuer aus der Hand nimmt. Spätestens wenn die Künstliche Intelligenz die Kontrolle übernimmt, ist Schluss mit der Raserei. 130 km/h sind auch für autonomes Fahren eine gute Reisegeschwindigkeit, um entspannt und sicher sein Ziel zu erreichen.