Wolfgang Huber: "Wir kommen als analoge Wesen auf die Welt"

Wolfgang Huber vor Bücherregal

© Foto: epd-bild/Jürgen Blume

Altbischof Wolfgang Huber.

Deutschland spricht 2019
Wolfgang Huber: "Wir kommen als analoge Wesen auf die Welt"
Altbischof Wolfgang Huber hat mit einem Tweet zur "Twitterfalle" eine rege Diskussion ausgelöst. Wir hatten die Gelegenheit, ihn dazu nochmal tiefgehender zu befragen. Im Interview warnt der ehemalige Ratsvorsitzende vor einer Vergötterung einzelner sozialer Medien und der Selbstinszenierung, zu der soziale Medien seiner Meinung nach verleiten.

Sehr geehrter Herr Huber, Sie haben auf Twitter (zu finden unter @prof_huber) geschrieben, Kirche müsse "ein Ort sein, an dem sich Menschen begegnen und sich nicht durch Twittern aus dem Weg gehen". Glauben Sie, dass Menschen sich auf Twitter (und anderen sozialen Plattformen) nicht begegnen können?

Wolfgang Huber: Twitterbotschaften sind ungefähr so lang wie eine Ihrer kürzeren Interviewfragen. Schon der Austausch von Informationen oder Meinungen ist dadurch eingeschränkt. Zur Begegnung von Menschen gehören zudem auch Gesicht und Körpersprache, Mimik und Stimme. Auch im digitalen Zeitalter bleiben wir deshalb analoge Wesen. 

Twitter ist eine Plattform für Dialoge mit Menschen, die man dort – je nach Mensch – auch sehr gut führen kann, gerade mit denen, die an #DigitaleKirche interessiert sind. Warum haben Sie auf die zahlreichen Reaktionen auf ihren Tweet nicht geantwortet?

Wolfgang Huber: Ich war auf diese vielen Äußerungen nicht gefasst. Für eine angemessene Reaktion fehlte mir schlicht die Zeit. Ich musste Verpflichtungen nachkommen, die ich fest eingegangen war. Predigten, Vorträge, Begegnungen und andere Aufgaben haben mich seit der Veröffentlichung meines Tweets in Anspruch genommen.

Das Aufnehmen "digitaler Trends" ist für Sie kein Indiz für eine ecclesia semper reformanda. Muss Kirche die Form ihrer Botschaft und die Form der Kontakte zu Menschen nicht trotzdem an heutige Bedürfnisse anpassen? Gehört das nicht zur ständigen Veränderung dazu?

Wolfgang Huber: Kommunikationsmittel sind Instrumente für eine Reform der Kirche, nicht deren Inhalt. Und die Nutzung dieser Kommunikationsmittel ist zwiespältig. In der Zeit der Reformation konnte die Buchdruckerkunst auch für Ablassbriefe und Schmähschriften verwendet werden, nicht nur für die 95 Thesen oder die Bibelübersetzung. Es reicht nicht, die Botschaft des Evangeliums und deren Form an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Man muss ihnen auch helfen, mit diesen Bedürfnissen kritisch umzugehen. Dazu gehört, sie für das Suchtpotential sozialer Netzwerke und die Preisgabe von Privatheit zu sensibilisieren. Selbst wenn man sich von einem sozialen Netzwerk abmeldet, bleibt ein "digitales Schattenprofil" erhalten und ist jederzeit abrufbar.

Oder persönlich gesagt: Mir wird vorgehalten, auf welche Twitteraccounts ich zugreife und auf welche nicht; dabei ist das meine Privatangelegenheit. Ich spreche mich gar nicht gegen soziale Netzwerke aus, sondern gegen die Verwechslung von Form und Inhalt sowie gegen die Beeinträchtigung der Selbstbestimmung durch derartige Eingriffe in die Privatsphäre – auch dann, wenn sie vom Nutzer bewusst oder unbewusst akzeptiert sind.

"Offenbar bin ich in die Werte-Blase einer bestimmten Community geraten"

Sie sagen selbst, Menschen sollten "als Christen erkennbar sein" (siehe hier) und optimistisch in die Zukunft gehen. Meine Erfahrung ist, dass das gerade Menschen in sozialen Medien besonders tun: dort sind sie als Christen erkennbar und bringen entsprechende Inhalte und Sichtweisen in Diskussionen mit ein. Das nehmen dann auch andere, kirchenferne Menschen sowohl im direkten Gespräch als auch beim späteren Nachlesen wahr. Hat das für Sie weniger Wert als ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht?

Wolfgang Huber: In den sozialen Medien gibt es alles, Hass und Liebe, Schmähung des Glaubens und Eintreten für ihn. Was überwiegt, können andere besser beurteilen als ich. Aber man muss schon tollkühn sein, wenn man die Mechanismen ignoriert, durch die soziale Medien auch niedere Instinkte mobilisieren und nicht selten ein erniedrigendes Verhalten anderen gegenüber fördern. Digitale Medien stellen für den Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich (Anm: Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur, 2017) einen Raum dar, in dem sich manche als besonders wertebewusst in Szene setzen. Damit befördern sie das, was er als "Gewissenshedonismus" bezeichnet: "Das gute Gewissen verbindet sich mit dem Werkstolz zu einer spezifischen Form der Lust – einer Lust, die man an sich selbst – am eigenen Handeln und Schaffen – empfindet."

Die selbstkritische Prüfung des eigenen Handelns ist dabei weniger wichtig als die Selbstinszenierung. Oder aus meiner Erfahrung: Wenn ich in einem Tweet auf ein beunruhigendes Menschenrechtsproblem aufmerksam mache, gibt es kaum Reaktionen. Wenn ich auf die Grenzen von Twitter hinweise, werde ich mit Reaktionen überschüttet. Offenbar bin ich damit in die Werte-Blase einer bestimmten Community geraten.

Das hat glaube ich nicht mit Werten zu tun, sondern damit, dass diese Community den Eindruck hat, Sie wollten ihnen das "Kirche sein" auf Twitter absprechen. Dabei ist das ein wesentlicher Teil ihrer Lebens- und Kirchenwelt. So wie ich diese Menschen kennengelernt habe, sind sie auch nicht unreflektiert auf Social Media unterwegs, gerade die Theologen unter ihnen. Machen Sie es sich nicht etwas zu einfach, denen pauschal vorzuwerfen, sie seien nur zur Selbstinszenierung dort?

Wolfgang Huber: Den Vorwurf, jemand mache das "nur" zur Selbstinszenierung, habe ich nicht erhoben. Das würde ich auch niemals tun. Aber dass die digitalen Medien dazu verleiten, lässt sich nur schwer bestreiten.

Welche inhaltliche Erneuerung braucht die evangelische Kirche ihrer Meinung nach heute, und mit welchem Ziel?

Wolfgang Huber: Mir sind vier Punkte besonders wichtig: Auf Gottes Gnade vertrauen und dieses Vertrauen anderen weitergeben; Beten und für eine gute Zukunft eintreten; die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können, und den Mut, das zu ändern, was wir ändern können. Und sich nicht mit dem eigenen Milieu oder der eigenen Blase begnügen, sondern nach außen wirken.

"Es kommt darauf an, dass digitale Trends und die digitalen Medien nicht die Herrschaft über uns gewinnen"

Kirchenpräsident Volker Jung fordert die Menschen in der Kirche auf, die Herausforderungen der Digitalisierung aus der Entwicklung heraus zu gestalten, der sich niemand realistisch entziehen kann, statt sich abzuschotten und von außerhalb drauf zu blicken. Möchten Sie Kirche eher als Beobachter von außen verstehen, oder teilen Sie die Einschätzung von Herrn Jung?

Wolfgang Huber: Mich überzeugt der Vergleich, den Jaron Lanier in seinem neuen Buch (Anm.: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, 2018) verwendet: Er vergleicht die digitalen Medien mit bleihaltiger Farbe. Wer diese gesundheitsgefährdende Farbe boykottiert, will damit nicht darauf verzichten, sein Haus anzustreichen. Sondern er möchte eine Farbe haben, die nicht für ihn und andere gesundheitsgefährdend ist. Wenn Volker Jung recht hätte, dass wir uns den digitalen Medien so, wie sie sind, nicht entziehen könnten, dann wären wir bereits in der Suchtfalle gefangen. Diesen Trend sollte die Kirche nicht verstärken.

Ein "digitaler Trend" ist, dass Einrichtungen und Organisationen für viele Menschen unsichtbar werden, wenn sie auf Google und Alexa nicht zuverlässig gefunden werden. Dazu finden christliche Erstkontakte und Sozialisation zunehmend weniger im Elternhaus statt. Wie bleibt Kirche Teil des Alltags vieler Menschen in einer digitalisierten Welt, wenn nicht auf digitalen Wegen?

Wolfgang Huber: Wir kommen als analoge Wesen auf die Welt und bleiben das ein Leben lang. Das ist genauso wenig zu bedauern wie die Tatsache, dass wir die Sakramente Taufe und Abendmahl "üblicherweise in Kohlenstoffform feiern". Deshalb kommt es darauf an, dass digitale Trends und die digitalen Medien nicht die Herrschaft über uns gewinnen; sie müssen vielmehr verantwortungsbewusst eingesetzt und genutzt werden. Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Die Kirche soll die digitalen Medien nutzen – aber nicht in der Annahme, sie allein könnten den Zugang zum Glauben erschließen. Sie soll die jeweils besten Mittel einsetzen, aber keines dieser Mittel vergöttern.

Anmerkung der Redaktion: Das Interview und die Nachfragen haben wir auf Wunsch des Interviewten schriftlich geführt.