Würden Sie einen Roboter taufen?

Künstliche Intelligenz, Bewusstsein und Medien - Bericht vom 5. Evangelischen Medienkongress
Künstliche Intelligenz in einem humanoiden Roboter

Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Roboter Beppo, eine künstliche Intelligenz in einem humanoiden Roboter, beherrscht die menschliche Mimik.

Künstliche Intelligenz steuert Social Media und selbstfahrende Autos – und verändert die Welt. In naher Zukunft wird sie dem Menschen in Sachen Intelligenz wohl weit überlegen sein. Was bedeutet das für Ethik und Gesellschaft – und nicht zuletzt für die Medien? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der 5. Evangelische Medienkongress in München unter dem Motto "Mensch oder Maschine: Wer programmiert hier wen?"

"Finger weg von meiner Paranoia" – so heißt ein Song der Band Element Of Crime. Die hat gerade erst im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks in München gespielt. Jetzt haben sich dort eine ganze Menge Menschen versammelt, die sich diesem Befehl widersetzen: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Evangelischen Medienkongresses 2018, veranstaltet vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), dem Rundfunkbeauftragten des Rates der EKD und dem gastgebenden Bayerischen Rundfunk gehen mitten hinein in eine menschliche Urangst: Was ist, wenn künstliche Intelligenz die Welt verändert und den Menschen als Krone der Schöpfung ablöst?

Computer so schlau wie Kapuzineräffchen

Ziemlich zu Beginn wird klar, dass das eigentlich gar keine Paranoia ist, sondern offenbar eine ganz realistische Zukunftsaussicht. Prof. Dr. Jürgen Schmidhuber ist so etwas wie der Papst der künstlichen Intelligenz. Seine "Rückgekoppelten Neuronalen Netzwerke" ermöglichen Dinge wie Handschrift- oder Spracherkennung in Produkten von Google, Apple, Microsoft, Facebook, Amazon und anderen Giganten und stecken in rund drei Milliarden Smartphones. Für Schmidhuber ist das aber nur ein Abfallprodukt. Seine revolutionäre Entwicklung sind "selbstlernende" Systeme: Computer, die keinen Lehrer mehr brauchen, niemanden, der etwas eingibt oder gar vorgibt. Bald werden die so schlau sein wie Kapuzineräffchen sagt er. Aber nur wenige Jahrzehnte, vielleicht Jahre später, so Schmidhuber – und dabei lächelt er – werden diese KIs (Künstliche Intelligenzen) der Menscheit in allen Belangen überlegen sein. Die wird dann für die KIs wie Ameisen sein: Sie werden sie weitgehend in Ruhe lassen und sich aufmachen, das Universum zu erobern.

Aber man braucht gar nicht so weit zu gehen, um ein überraschendes, für viele eher düsteres Bild der Zukunft zu zeichnen. Der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar weist darauf hin, dass Maschinen schon lange besser Schach spielen als der Mensch.

Mittlerweile sind sie aber auch auf anderen Gebieten deutlich besser, zum Beispiel in der Bild- und damit auch der Tumorerkennung. Zudem können sie komponieren wie Bach und malen wie van Gogh, beherrschen auch eine "künstliche Kreativität". Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ist ein grundlegender Wandel global wirkungsmächtig: Die Digitalisierung verändert die ganze Welt in rasender Geschwindigkeit.  Dabei sind gigantische Geldsummen im Spiel. Das aber führe über kurz oder lang, wenn wir nicht gegensteuern, zu einer Einschränkung des freien Willens des Menschen, so Yogeshwars These.

Ein kleiner Blick in die Patentanmeldungen der Entwickler des Amazon-Sprachsassistenzsystems "Alexa" zeige, dass dort ganz unverblümt von "Schnüffler-Algorithmen" die Rede sei. Mit den so gewonnenen gigantischen Datenmengen über Personen, die Konzernen wie Amazon, Google oder Facebook zur Verfügung stehen, glaubt Yogeshwar, sei es nicht nur sehr wahrscheinlich, dass diese bald eigene, sehr erfolgreiche Krankenversicherungen anböten. Vielmehr würden wir Menschen beeinflussbar und "vorhersagbar". Dann würde es nicht mehr heißen: "Ich möchte!" Sondern: "Ich werde gemöchtet!"

Operation mit Robotern: Oberarzt Sasa Pokupic sitzt wie an einer Spielekonsole in einer Nische eines OP-Saals im hannoverschen Vinzenz-Krankenhaus. Sein Patient liegt mehr als zwei Meter von ihm entfernt.
Dies ließe sich auch am Einfluss sozialer Netzwerke auf westliche Gesellschaften zeigen, so Yogeshwar: Das Geschäftsmodell "Erregtheit" und die Algorithmen, die entsprechende Inhalte begünstigen und nach vorne spülen, führen zum Beispiel dazu, dass falsche Nachrichten bei Twitter mittlerweile sechs Mal schneller Menschen erreichen als richtige.

Erregungskreisläufe und Schreispiralen

Einer, der davon ein Lied singen kann, ist der Journalist und Blogger Richard Gutjahr. Seit seiner Berichterstattung über den Terroranschlag von Nizza und den Amoklauf in München, werden er und seine Familie im Netz (und darüberhinaus) von Verschwörungstheoretikern aufs Übelste beschimpft, verunglimpft und bedroht. Er ist davon überzeugt, das Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Kollegen den Geist, den sie aus der Flasche ließen, nicht mehr unter Kontrolle haben. Schließlich wurde Zuckerberg beispielsweise selbst erst kürzlich mit Nachrichten über seinen eigenen Tod in seinem Facebook-Newsfeed konfrontiert. Die Umkehrung der Sender-Empfänger-Struktur im Netz (nicht mehr Einige senden für Viele, sondern alle werden zu Sendern) führe dazu, dass wir uns bereits mitten in einem Kulturkampf befänden, so Gutjahrs These. Es gäbe nämlich nicht in erster Linie mehr Demokratisierung durch die neuen digitalen Möglichkeiten, sondern eine "Schreispirale", bei der diejenigen die Oberhand behielten, die am besten die Erregungskreisläufe im Netz beherrschten.

Bestätigt wird diese These von Prof. Dr. Andreas Zick, Leiter des Institutes Interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung in Bielefeld. Er belegt eindrucksvoll mit Zahlen aus verschiedenen Untersuchungen, wie der Hass im Netz zunimmt – und wie er dadurch auch auf die Straße getragen wird. Sein Befund: Die Social Media-Plattformen führen zu einer Radikalisierung von Communities, seien es islamistische, rechtsradikale oder andere. Die zugrundeliegenden Algorithmen unterstützten diese Entwicklung, so Zick.

Ein Geschäftsmodell ist kein Gesellschaftsmodell

Was aber kann getan werden, um diese Entwicklung aufzuhalten? Chan-Jo Jun ist Rechtsanwalt und hat sich dem juristischen Kampf gegen die Netzgiganten verschrieben. Leider reichten die Rechtsgrundlagen in Deutschland bisher überhaupt nicht aus, um nennenswerte Erfolge zu erzielen, klagt Jun. So werde das Rechtsgut der psychischen Unversehrtheit hierzulande bisher kaum geschützt. Es müsse durch Gesetzesänderungen mehr Wert bekommen. Der Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen, Stephan J. Kramer, weist darauf hin, dass die Internetkonzerne ganz offenbar technische Möglichkeiten hätten, entsprechende Inhalte zu unterdrücken, dies aber nicht priorisieren würden. Forscher Zick denkt laut über Steuern für die entsprechenden Unternehmen nach und fordert zudem, den professionellen Journalismus aufzuwerten.

Damit rennt er bei Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks und ARD-Vorsitzender, offene Türen ein. Schließlich würden nur Medien, die auf dem Boden der demokratisch erarbeiteten Gesetze stünden, echte Meinungsvielfalt garantieren, die wiederum friedensstiftend wirke. Ein Geschäftsmodell, wie es den Social Media-Kanälen zugrundeliege, sei aber nunmal kein Gesellschaftsmodell, so Wilhelm.

Roboter Pepper überreichte dem Ratsvorsitzenden am Rande der EKD-Ratssitzung in Wuppertal 2018 bereits ein 20 Seiten umfassendes Papier zur Digitalisierung.

Er schlägt stattdessen eine eigene, öffentliche digitale Infrastruktur auf europäischer Ebene vor, eine Art Alternativ-Facebook. Außerdem, so sind sich die meisten Referenten einig, müsse mehr Aufklärung betrieben und die Zivilgesellschaft gestärkt werden. Mithin auch die Kirche als wichtiger Teil der Zivilgesellschaft.

Den Zweifel im Netz lehren

Was aber könne man denn von der (evangelischen) Kirche in dieser Hinsicht erwarten, fragt Moderator Jörg Bollmann, Direktor des GEP, die Experten auf dem Podium. "Gehen Sie noch mehr ins Netz!" fordert Richard Gutjahr kategorisch. Und Forscher Zick fügt hinzu: "Und lehren Sie den Zweifel an dem, was Sie dort finden!" Schließlich habe der evangelische Theologe Paul Tillich gesagt, dass Glaube Zweifel sei. Das findet Anklang beim ebenfalls auf dem Podium sitzenden bayerischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Auch Luther habe bereits den Zweifel als Gegenmittel gegen die Sünde der "Selbstverkrümmung" ins Feld geführt. Gut, dass es auf der kommenden EKD-Synode eine große Initiative für einen Digitalprozess in der evangelischen Kirche geben solle, so Bedford-Strohm. Und noch etwas weiteres soll die Kirche fördern, so die Idee der Anwesenden: Empathie – eine der Grundeigenschaften, die den Menschen ausmache. Und damit von Tieren, aber auch Robotern unterscheide. Deswegen würde sich Bedford-Strohm auch immer wieder die Frage stellen: "Würde ich einen Roboter taufen?"

Eine Frage, die der EKD-Medienbischof und Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen-Nassau, Volker Jung, entschieden verneint. Schließlich hätten Roboter nunmal kein Bewusstsein. Ein Befund, den KI-Papst Schmidhuber vehement bestreitet. In seinen Labors seien die Roboter nicht nur mit Schmerzsensoren ausgestattet. Sie würden, wenn sie aus zwei korrespondierenden neuronalen Netzwerken bestünden, die sich selbst verbessern, immer wieder auch über sich selbst nachdenken. Sie hätten also durchaus ein Bewusstsein von sich selbst. Was aber genau ist Bewusstsein? Ist der Mensch eine Maschine? Oder die Maschine bereits menschlich? Volker Jung insistiert: Der Mensch sei als einziger in der Lage, ein kritisches Selbstverhältnis zu entwickeln und nach Sinn zu fragen. Vor allem aber sei er in der Lage, Fehlerhaftigkeit zu akzeptieren, das mache menschliches Leben aus. Schließlich sei das als solches akzeptierte "Geheimnis des Lebens" ja gerade, dass nicht alles restlos erklärbar und verstehbar sei.

Am instruktivsten verdeutlicht das vielleicht Dr. Mario Herger am Ende seines Vortrags. Der Technologie- und Trendforscher aus Palo Alto im amerikanischen Silicon Valley macht erst einmal mit einem kleinen augenzwinkernden Experimnent klar, dass wir alle bereits Cyborgs sind: Die Zuhörenden sollen alle ihre Smartphones entsperren und an ihre/n rechte/n Sitznachbarn/in weitergeben. Das, so sei zu beobachten, löse bei nahezu allen Unbehagen aus, bei einigen sogar regelrecht körperliche Schmerzen. Ist der Computer also schon ein Teil von uns? Und: Ist die Maschine nun besser oder sind wir Menschen überlegen?

Das, so Herger, sei eigentlich die falsche Frage. Vielmehr sollten wir einfach fruchtbar zusammenarbeiten. Das aber, was den Menschen auszeichnen würde, sei es, andere, wunderschöne Fragen stellen zu können, so wie einst Albert Einstein: "Wie ist es, auf einem Lichtstrahl zu reiten?" Der nächste Schritt bei diesem Kongress, der gut doppelt so lang hätte dauern dürfen, hätte dann sein können, die Maschinen nicht nur in Bezug zur Intelligenz zu setzen, sondern auch zu Konzepten wie Weisheit, Würde und Liebe.