Missbrauch stellt Kirchen-Strukturen auf Prüfstand

Kreuz im Gegenlicht

Foto: Friso Gentsch/dpa

Im Gegenlicht und vor wolkenverhangenem Himmel ist die Kirchturmspitze des Doms mit Kreuz zu sehen. (Symbolbild)

Der Zentralrat der Katholiken fordert grundlegende Reformen gegen Missbrauch in der katholischen Kirche. Aber auch die EKD diskutiert unter anderem über eine zentrale Missbrauchsstelle im föderalen System der Landeskirchen.

Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in den Kirchen rücken Forderungen nach strukturellen Veränderungen in den Vordergrund. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, fordert am Freitag, die Machtverhältnisse innerhalb der katholischen Kirche so zu verändern, dass Missbrauch nicht mehr möglich sei. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) berät darüber, ob es eine zentrale Anlaufstelle im Rahmen der föderalen EKD-Struktur geben kann.

ZdK-Präsident Sternberg sprach sich im Deutschlandfunk zudem für eine stärkere Beteiligung von Frauen an den Ämtern und Aufgaben der katholischen Kirche aus. Zugleich zeigte er sich überzeugt, dass die Aufarbeitung in der Kirche anderen gesellschaftlichen Bereichen als Vorbild dienen könne. Kindesmissbrauch sei nicht nur eine Frage von Klerikern. Die Kirche stelle sich dem Thema in aller Schärfe und Deutlichkeit und zwar weltweit. 

Kritik an "Männerbünden"

Peter Isely, Mitgründer des US-amerikanischen Betroffenen-Netzwerks SNAP (Survivors Network of those Abused by Priests), forderte vom Papst eine "Null-Toleranz-Politik". Derweil beklagte der Bund der Katholischen Jugend (BDKJ), "Männerbünde" in der katholischen Kirche verhinderten die Aufklärung von Kindesmissbrauch.

Die BDKJ-Vorsitzende Lisi Maier sagte der Tageszeitung "Die Welt" (Freitag): "Das sind etwa Karrierenetzwerke, bei denen sich die Teilnehmer gegenseitig unterstützen. Diese Netzwerke verhindern Aufklärung, also muss man sie aufbrechen." Zudem forderte sie Reformen bei der Priester-Ausbildung. "Derzeit wird Sexualität tabuisiert und totgeschwiegen", kritisierte sie.

Das vom Papst für Februar 2019 angekündigte Treffen mit den Spitzen aller Bischofskonferenzen lobte Maier als wichtigen Schritt. "Nach den Veröffentlichungen in den USA, Irland, Australien und jetzt auch Deutschland wird deutlich, dass weltweit strukturelle Veränderungen passieren müssen."

Eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz, aus der Medien vorab zitierten, weist zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 sexuelle Vergehen durch 1.670 Kleriker an überwiegend männlichen Minderjährigen aus. Die Bischofskonferenz will die Studie am 25. September in Fulda vorstellen.

Giffey: Gesamtgesellschaftliches Problem

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sagte zum Auftakt des internationalen Betroffenenkongresses "MitSprache", der am Freitag in Berlin begann, sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche seien keine Einzelfälle, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Alle seien mitverantwortlich, solche Taten zu verhindern.

Kerstin Claus vom Betroffenenrat beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung ging scharf mit der evangelischen Kirche ins Gericht. Bis heute gebe es keine zentrale Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden könnten. Es gebe auch keinen Versuch, sämtliche Taten zu erfassen. An die Adresse der Bundesregierung richtete Claus den Vorwurf, die 2010 zugesagte Reform des Opferentschädigungsgesetzes sei immer noch nicht erfolgt.

Die EKD kündigte derweil an, sich auf ihrer Synode im November mit dem Thema sexueller Missbrauch zu beschäftigen. Bei einer öffentlichen Anhörung im Juni habe die EKD "sehr deutlich wahrgenommen", dass den Betroffenen eine zentrale Ansprechstelle sowie die Entwicklung gemeinsamer Standards bei der Bearbeitung von Missbrauchsfällen wichtig sind, sagte ein EKD-Sprecher dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Auch die EKD sehe sich vor der Aufgabe, Verantwortung für das in ihren Reihen verursachte Leid zu übernehmen, sagte der Sprecher. Hierzu zähle, geschützte Sprachräume zu schaffen und die Aufarbeitung konsequent voranzutreiben. Die Präventionsarbeit müsse mit dem Ziel weiterentwickelt werden, einheitliche und fachliche Standards in den Landeskirchen zu schaffen.

Unterdessen forderten Missbrauchs-Betroffene aus zwölf Ländern die katholische Kirche auf, Täter bekanntzumachen, die nachweislich sexuelle Gewalt gegen Kinder ausübten. Isely sagte, niemand, der sich eines solchen Verbrechens schuldig gemacht habe, könne Priester bleiben. Allein dem Vatikan seien rund 5.000 Kleriker bekannt, die Kinder missbraucht hätten. Matthias Katsch vom Betroffenenrat forderte, in Deutschland müsse die Politik mehr Druck auf die Kirchen ausüben: "Die katholische Kirche kommt davon, wenn wir sie davonkommen lassen."