Vom Sehnen und Suchen

Hanna Buiting holt mit "Vom Sehnen und Suchen" ein Stück Himmel auf die Erde. Sie schreibt jede Woche über Alltag und die Spiritualität, die man dort finden kann.

Sie aber bleibt die Größte

Sie aber bleibt die Größte
Dieser Tage über den Hass zu schreiben scheint leicht. Vergessen wir die Liebe nicht.

Als wir in den Zug steigen, wir zwei mit unserem Hochzeitsstrahlen auf den Gesichtern und einem riesigen "Just married"-Ballon an unserem Koffer, brandet Applaus auf. Wildfremde Menschen jubeln, gratulieren, prosten uns zu mit ihrem Dosenbier und ihrem Pappbecherkaffee. Einer reicht uns eine Weingummi-Box, wir beide wählen Kirschen. Eine ältere Dame erzählt uns von ihrer eigenen Hochzeit vor bald 50 Jahren. Sie klingt immer noch verliebt dabei. "Auf das Brautpaar!", rufen die Fahrgäste. Herzkonfetti wirbelt durch die Luft. "So sehen Frischverheiratete aus", erklärt eine Mutter in unserem Abteil ihrem kleinen Sohn. "Schön also!", sagt der. Und wir? Wir sind überwältigt von so viel herzlicher Mitfreude. Liebe macht was mit den Menschen. Das spüren wir ganz deutlich.

Doch Bilder und Berichte aus Chemnitz holen uns schnell zurück auf den Boden der Tatsachen. Unsere rosarote Brille beschlägt. Die Gleichzeitigkeit des Seins, sie ist wieder einmal kaum zu fassen. Hass macht was mit den Menschen, das spüren wir ganz deutlich.

Und ich könnte mich nun einreihen. In die Reihe vieler, vieler Texte, die vom Hass erzählen, von Hetzjagden und Hitlergrüßen und von dem Gefühl, so sicher wie selten: Da wiederholt sich etwas, von dem wir mal gesagt hatten: Nie wieder! Ich finde es richtig und wichtig, dass es diese Texte gibt. Sie sind wie Mahnmale, schreiben sich uns ins Herz und ins Gedächtnis. Mit schwarzer Tinte. Und so könnte auch ich darüber schreiben, was in Chemnitz passiert ist. Aber heute, da entscheide ich mich dagegen. Weil ich dem Hass nicht noch mehr Raum geben will. Stattdessen schreibe ich über die Liebe. Nicht mit rosaroter Tinte, aber vielleicht mit himmelblauer.

Denn als wir in Berlin am Bahnhof ankommen, löst sich plötzlich der Knoten, mit dem unser Herz-Ballon am Koffer befestigt ist. So schnell fliegt er in die Höhe, dass wir ihn nicht zu fassen bekommen. Schade, denken wir im ersten Moment. Aber dann schauen wir ihm nach. Hand in Hand. Und wünschen uns, dass viele Menschen ihn ebenfalls sehen. Und dass sie vielleicht lächeln und innehalten, ein paar Sekunden bloß. Dass sie das rote Herz sehen und sich in ihren eigenen Herzen berühren lassen und erinnern: #wirsindmehr. Unseren Hass bekommt ihr nicht.

Die Liebe aber ist die größte. Möge sie es bleiben. Das ist unser Gebet.

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