Religionssoziologe: Kirchen spielen eine Nebenrolle

Leere Kirchenbänke

Foto: BorupFoto/iStockphoto/Getty Images

"Religion und Kirche spielen für viele Menschen maximal noch eine Nebenrolle im Leben", sagt Religionssoziologe Gert Pickel.

Kirchenaustritt aus Unzufriedenheit? Das kommt nach Ansicht des Religionssoziologen Gert Pickel eher selten vor. Stattdessen wirkt sich seiner Meinung nach etwas ganz Anderes auf die Austrittszahlen der Kirchen aus.

Nur wenige Menschen treten nach Ansicht des Religionssoziologen Gert Pickel aus Unzufriedenheit aus den christlichen Kirchen aus. Stattdessen wirke sich der Säkularisierungsprozess in der Gesellschaft auf die Austrittszahlen der Kirchen aus, sagte der Leipziger Professor für Kirchensoziologie dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Religion und Kirche spielen für viele Menschen maximal noch eine Nebenrolle im Leben", sagte Pickel. Rund 200.000 Protestanten und 168.000 Katholiken kehrten im vergangenen Jahr ihrer Kirche den Rücken.

Wie aus den am Freitag von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichten Statistiken hervorgeht, sind 2017 die Zahlen der Kirchenaustritte im Vergleich zu 2016 leicht gestiegen. "Das muss die Kirchen noch betroffener machen: Es gab nichts, was man konkret falsch gemacht hat", sagte Pickel. Anders als in Jahren zuvor habe es in den Kirchen keine Skandale wie etwa um Finanzen gegeben, die die höheren Austrittszahlen erklären könnten.

Dass sich das 500. Reformationsjubiläum, das die Protestanten 2017 feierten, nicht positiv auf die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche ausgewirkt hat, überrascht Pickel nicht. "Junge oder nicht gläubige Menschen sind der Kirche so fern, dass sie das Jubiläum höchstens am Rande wahrgenommen haben", erklärte er. Mit der Feier habe die EKD allerdings die Beziehung zu den Menschen gestärkt, die bereits mit der Kirche verbunden gewesen seien.

Die Gläubigen in der Kirche zu halten, ist laut Pickel für die Kirchen enorm wichtig. Denn es seien vor allem langfristige gesellschaftliche Prozesse, die sich ungünstig auf die Kirchenbindung der Menschen auswirkten. Als Beispiel nannte Pickel den zunehmenden Wohnortwechsel der Menschen, der für viele der "erste Bruch" mit der Kirche sei. Zudem bemühten sich Eltern weniger um eine religiöse Erziehung ihrer getauften Kinder. Sie wollten ihren Kindern die Intensität ihrer Beziehung zur Kirche selbst überlassen.

Die Kirchen müssen laut Pickel auch in Zukunft mit ähnlich hohen Austrittszahlen rechnen. Eine Möglichkeit, jüngere Menschen wieder für sich zu gewinnen, sieht der Experte bei kirchlichen Angeboten im sozialen Bereich: Etwa in der Flüchtlingshilfe gebe es derzeit die Situation, dass sich eher kirchenferne Jugendliche als Helfer bei kirchlichen Angeboten engagierten, erklärte der Wissenschaftler.