"Volkskirche zu sein, heißt für mich, sich auf die ganze Gesellschaft zu beziehen"

Neue Vizepräsident der westfälischen Kirche für vernetzte Kirche
Ulf Schlüter

Foto: epd/Lutz Bahmueller

Ulf Schlüter wünscht sich eine Kirche, die in der Gesellschaft Präsenz zeigt.

Der neue Theologische Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen, Ulf Schlüter, wirbt für eine Kirche, die in der Gesellschaft präsent ist. "Wir dürfen uns nicht in unsere eigene Subkultur zurückziehen", sagte der 56-jährige Theologe dem Evangelischen Pressedienst (epd). Den Kirchentag kommendes Jahr in Dortmund sieht er als Chance, eine lebendige Kirche zu präsentieren. Kritik äußerte Schlüter an der europäischen Flüchtlingspolitik.

Was reizt Sie an ihrer neuen Aufgabe als Theologischer Vizepräsident?

Ulf Schlüter: Wir stehen als Kirche im nächsten Jahrzehnt vor tiefgreifenden Veränderungen. Es geht darum, Entscheidungen mit vorzubereiten, wie wir uns unter veränderten Bedingungen mit einer kleineren Struktur, mit weniger Finanzkraft und mit weniger Personal aufstellen wollen.

Was ist Ihnen dabei wichtig?

Schlüter: Mir liegt daran, dass wir eine offene Kirche bleiben - eine Volkskirche in ihrem besten Sinn. Und das nicht nur gegenüber unseren Mitgliedern, sondern auch gegenüber unserem Umfeld. Wir brauchen die Verbindung über Netzwerke zu anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, zu der Gesellschaft und ihren Debatten. Wir dürfen uns nicht in unsere eigene Subkultur zurückziehen.

Wo wollen Sie innerhalb der Kirche Schwerpunkte setzen?

Schlüter: Wir brauchen mehr Kommunikation zwischen den drei Verfassungsebenen - Kirchengemeinde, Kirchenkreise, Landeskirche. Da können wir besser werden. Kommunikation schafft Transparenz und Vertrauen. Es geht darum, sich miteinander auszutauschen, Impulse wahrzunehmen und darauf zu hören, was aus den Kirchenkreisen und Gemeinden kommt. Das ist für alle hilfreich. Schwerpunkt wird dabei sein, nicht nur über Kommunikation nachzudenken, sondern die Instrumente, die wir haben, weiterzuentwickeln.  

Kann Kirche angesichts des demografischen Wandels und langfristig zurückgehender Einnahmen Volkskirche bleiben?

Schlüter: Ja - man darf aber den Begriff der Volkskirche nicht so verstehen, dass Christen weiterhin die Mehrheit der Bevölkerung stellen. In Dortmund, wo ich herkomme, haben wir 30 Prozent Grundschüler aus dem muslimischen Bereich und etwa 23 Prozent jeweils evangelische und katholische Schulkinder. Da sieht man schon an der jüngeren Generation, dass sich da die Gewichte massiv verschieben.

Volkskirche zu sein, heißt für mich, sich auf die ganze Gesellschaft zu beziehen, mit anderen gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen in Verbindung zu bleiben. Wir werden auch weiterhin, etwa im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips, selbstbewusst Aufgaben wahrnehmen, die öffentlich finanziert werden. Das gehört für mich alles zu der Herausforderung, Volkskirche zu bleiben. Da liegen unsere Chancen.

Welche Impulse erhoffen Sie sich vom Kirchentag 2019 in Ihrer Heimatstadt Dortmund?

Schlüter: Dortmund, immerhin die größte Stadt in Westfalen, und auch das Umland werden in diesen Tagen sehr intensiv vom Kirchentag geprägt sein. Ich hoffe, dass dieser Kirchentag in unserer ganzen Landeskirche vielen Menschen zeigt, dass evangelische Kirche mehr ist als die Klischees, die oft mit Kirche verbunden werden. Da sind sehr viele jüngere Leute unterwegs, da werden die großen gesellschaftspolitischen Debatten unserer Zeit geführt.

Ich sehe auch eine echte Chance darin, den Kirchentag als Forum einer offenen und lebendigen Kirche zu nutzen. Wir planen Vertreter anderer gesellschaftlicher Bereiche, die nur wenig Kontakt zur Kirche oder nur einen engen Blick auf die evangelische Kirche haben, gezielt zum Kirchentag einzuladen.

Menschenwürde ist unteilbar

Was kann die Landeskirche mitnehmen vom Kirchentag?

Schlüter: Das Motto "Was für ein Vertrauen" halte ich auch im Blick auf unsere Landeskirche und das Miteinander der verschiedenen Ebenen für zentral: Es hängt viel davon ab, dass wir es schaffen, in unserer Kirche vertrauensvoll miteinander umzugehen. Das erlebe ich nicht immer.

Wie sehen Sie die Perspektive der Ökumene in der Debatte um ein gemeinsames Abendmahl in der katholischen Kirche für katholisch-evangelische Ehepaare?

Schlüter: Als Evangelische haben wir ja dazu eine klare Haltung. Wir gehen davon aus, dass das Abendmahl auf Einladung Jesu Christi für alle Christen gefeiert wird. Insofern ist unsere Position an der Stelle geklärt. Mit Bewertungen sollten wir als evangelische Kirche zurückhaltend sein. Ich habe den Eindruck, dass durch die Debatte in der katholischen Kirche neue Aspekte auch in die Bischofskonferenz getragen wurden. Ich bin sehr optimistisch, dass wir auch künftig deutlich mehr gemeinsam erreichen können, als wir das im Moment vielleicht für möglich halten.

Das Thema Flüchtlinge war immer ein zentrales Thema der Kirchen. Wie bewerten Sie die derzeitige europäische Flüchtlingspolitik?

Schlüter: Wir haben eine Grundposition, hinter die wir nicht zurückgehen werden: Menschenwürde ist unteilbar. Jeder Flüchtling, der unterwegs ist - ganz gleich, ob er noch in Nordafrika oder auf einem Boot ist oder in einem Lager hier in Europa ankommt, hat eine Menschenwürde. Und wir werden dafür eintreten, dass die Bedingungen, unter denen Flüchtlinge aufgenommen werden, dieser Menschenwürde auch gerecht werden.

Zweifel habe ich, dass die geplanten Anker- und Transitzentren diesem Anspruch gerecht werden. Eine Politik, die vorrangig auf Abschreckung und Ausgrenzung setzt, muss mit unserem Widerspruch rechnen.