Vom Heiligen Geist zur Luftratte

Taube mit ausgebreiteten Flügeln vor blauem Himmel.

Foto: pixabay/burtamus

Mindestens 800 Taubenrassen gibt es weltweit, allein in Deutschland sind 350 Rassen zugelassen.

Vom Heiligen Geist zur Luftratte
Was ist aus der Taube geworden?
Die Taube wurde vor Jahrtausenden von Menschen domestiziert und als religiöses Symbol verehrt. Heute sind Stadttauben für viele Menschen nur Schädlinge.

Es ist ein "gigantischer Absturz", sagt die Frankfurter Tierschützerin Gudrun Stürmer, "vom heiligen zum verhassten Tier". Gemeint ist die Taube. Die zahmen Nachkommen der Felsentaube, die einst an den Steilufern des Mittelmeers nistete, gelten in den Städten von heute als Plage: als Träger von Keimen und Parasiten sowie als Zerstörer von Fassaden. Denn die Pilze, die sich auf Taubenkot ansiedeln, geben Säuren ab, die selbst dem härtesten Stein zusetzen.

Dabei waren es die Menschen, die die Tauben einst domestizierten. Die ersten zahmen Felsentauben lassen sich auf einem Bildnis aus dem vierten Jahrhundert vor Christus in Mesopotamien belegen, dem heutigen Irak. Charles Darwin wies nach, dass die alten Ägypter schon 2.750 vor Christus Tauben hielten. Von dort aus verbreitete sich die Haus- und Tempeltaube.

Die Fruchtbarkeitskulte der babylonischen Göttin Ischtar und der semitischen Göttin Astarte erhoben den fortpflanzungsfreudigen Vogel zum heiligen Tier. Persische Truppen brachten die Taube dann im fünften Jahrhundert vor Christus nach Griechenland, wo sie dem Aphrodite-Liebeskult einverleibt wurde, im Römischen Reich war sie dann Begleittier der Venus. Die frühen Christen erkoren sie schließlich zum Symbol des Heiligen Geistes. Im Matthäus-Evangelium 3,16 ist zu lesen: "Und als Jesus getauft war... siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen.

Das Christentum übernahm die alten Bilder und verwandelte sie seiner eigenen Lehre an. In seinem "Taubenbuch" hat der frühere Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann auf die Taube in der christlichen Kunst hingewiesen: Sie ist "einmal das Sinnbild des Friedens, zum anderen das Symbol des Heiligen Geistes sowie der sogenannten Geistbegabung und der erlösten Seele". Als Friedens- und Versöhnungssymbol zwischen Gott und den Menschen galt die Taube schon in der jüdischen Thora. Sie brachte Noah einen Ölzweig in die Arche zurück: Zeichen für das Sinken der Sintflut.

Bildergalerie

Der Taube auf der Spur

Taube Bucharische Trommeltaube

Tobias Kresse

Taube Bucharische Trommeltaube

Tobias Kresse

Die Fotoarbeit "Columba livia" spielt mit der starken Polarisierung der Meinungen
und Gefühle, die die Taube ausgelöst hat. Der Bewertung der weißen Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes und Symbol der Liebe und Frieden stehen die verachtende Bezeichnung der Strassentaube als "Ratte der Lüfte" oder "Fliegender Unrat" gegenüber.

Taube Norwichkropfer

Tobias Kresse

Tiere werden oft mit menschlichen Charakterzügen versehen und mit
diesen Attributen in die menschliche Kultur aufgenommen. Religion, Volksmund, Dichtung und die bildenden Künste stellen oft diejenigen
Tiere dar, die im jeweiligen Lebensraum präsent sind, sei es als Wildtiere oder Haustiere.

Orientalisches Mövchen

Tobias Kresse

Tauben sind Träger verschiedenartiger Projektionen: Das Spektrum reicht vom aggressiven Tier dunkler Göttergestalten über den sanftmütigen Vogel einer wollüstigen Liebesgöttin, als Botentier der Aphrodite, als heiliges Tier der Muttergöttin Magna Mater; sie ist Symbol für den Heiligen Geist der christlichen Religion.

Tauben Perückentaube gelb und Rumänischer Nackthalstümmler rot

Tobias Kresse

Wandansicht der Rauminstallation "Columba livia"; von links nach rechts: Perückentaube gelb, Rumänischer Nackthalstümmler rot
Allein in Deutschland kennen wir heute
über 2000 verschiedene Rassen und Farbschläge. Sie alle gehören zur Familie der Columbiden, wobei die "Columba livia", die Felsentaube als alleiniger Vorfahre der Haus- und Strassentaube angesehen wird.

Taube Schmalkmohrenkopf

Tobias Kresse

Im Alten Testament wird die Taube mit ihrer ältesten Symbolkraft, mit der Liebe und Erotik assoziiert: im Hohelied Salomos, einer locker geordneten Sammlung von Liebesliedern
heißt es: "Siehe, du bist schön, meine Freundin, sieh du bist schön, deine Augen sind Tauben"; und meint: du bist schön, und deine Blicke
sind Liebesbotinnen, sie künden von der Liebe und von der Bereitschaft zur Liebe.

Taube Sachspfaffen

Tobias Kresse

In den ältesten Schöpfungsmythen wird die Welt
wie ein Ei von einem Vogel ausgebrütet und der Geist Gottes schwebt "gleich einer Taube" über dem Wasser.

Taube Pfautaube

Tobias Kresse

Bei den Juden wird die Taube als Opfergabe als alttestamentarischer Kult benutzt, um Vergebung fuür begangene Sünden zu erreichen. Als Friedens- und Versöhnungssymbol zwischen Gott und den Menschen galt die Taube schon in der jüdischen Thora. Sie brachte Noah einen Ölzweig in die Arche zurück: Zeichen für das Sinken der Sintflut.

Rauminstallation Columba livia

Foto: Tobias Kresse

In dem "Taubensalon" des Fotografen sind etwa 60 bis 70 Aufnahmen zu sehen, eine Auswahl
der Form- und Farbvielfalt unseres Deutschen Rassegeflügels. Sie sind die schönsten Tauben, auf Geflügelmessen prämiert, als Spitzentiere
ihrer Rassen ausgelesen. Bei der Zucht sind jedoch auch subjektive Geschmackvorzüge der Züchter auschlaggebend, welche Zuchtlinien für kommende Generationen ausgeprägt werden.
Damit wird die Taube zur Projektionsfläche eigener Wunschvorstellungen.

Taube Ungarriese

Tobias Kresse

Die abendländische Kunst hat die Taube als Symbol des Heiligen Geistes etabliert, sei es auf Bildnissen des Pfingstwunders oder der Verkündigung Mariens. Hans Baldung Grien hat 1521 Martin Luther mit einer Taube in Holz geschnitten, um die Geistbegabung hervorzuheben. Ein Holzschnitt in Luthers Predigtbuch zeigt eine Taube über der Bibel schwebend.

Tauben Tommeltauben

Tobias Kresse

Tauben wurden gemästet und verspeist, war lange Zeit unverzichtbar als Meldetier. In Berlin-Spandau erinnert noch heute ein Denkmal an die Brieftauben des Ersten Weltkriegs. Manche Brieftauben fanden aber nicht mehr nach Hause zurück und verwilderten.

Tauben Kropfer

Tobias Kresse

Von den mehr als 100 Krankheitserregern, die Tauben in sich tragen, sind allerdings nur in Einzelfällen welche auf Menschen nachgewiesen worden - vorwiegend auf Taubenzüchtern. Für das Influenza-Virus H5N1, die Vogelgrippe, sind Tauben gar nicht empfänglich.

Die abendländische Kunst hat die Taube als Symbol des Heiligen Geistes etabliert, sei es auf Bildnissen des Pfingstwunders oder der Verkündigung Mariens. Hans Baldung Grien hat 1521 Martin Luther mit einer Taube in Holz geschnitten, um die Geistbegabung hervorzuheben. Ein Holzschnitt in Luthers Predigtbuch zeigt eine Taube über der Bibel schwebend.

Pablo Picasso entwarf 1949 eine Taube als Zeichen für Frieden und Freiheit. Später wurde die weiße Taube auf blauem Grund zum Symbol der Friedensbewegung. In der Realität hatte die Taube längst eine andere Rolle: Sie wurde gemästet und verspeist, war lange Zeit unverzichtbar als Meldetier. In Berlin-Spandau erinnert noch heute ein Denkmal an die Brieftauben des Ersten Weltkriegs. Manche Brieftauben fanden aber nicht mehr nach Hause zurück und verwilderten: ein unerschöpfliches Reservoir für die Straßentauben.

Die "Ratten der Lüfte"

Weltweit gibt es mindestens 800 Taubenrassen, die liebevoll gezüchtet werden, allein in Deutschland sind 350 Rassen zugelassen. Immer wieder gehen ein paar Zuchttauben verloren. Sie kreuzen sich mit den "Ratten der Lüfte", wie die Stadttauben heute abfällig genannt werden, und bevölkern Plätze und Parks.

Zur Freude einiger Menschen, die sie füttern, zum Ärger der Kommunalpolitiker. Von den mehr als 100 Krankheitserregern, die Tauben in sich tragen, sind allerdings nur in Einzelfällen welche auf Menschen nachgewiesen worden - vorwiegend auf Taubenzüchtern. Für das Influenza-Virus H5N1, die Vogelgrippe, sind Tauben gar nicht empfänglich.

In zahlreichen Städten gelten Fütterungsverbote für Stadttauben, Vorrichtungen wie Drahtgitter an Gebäuden sollen verhindern, dass die Höhlenbrüter sich dort niederlassen. Die Tierschützer um Gudrun Stürmer in Frankfurt am Main versuchen einen anderen Weg, um die Population einzudämmen. Sie haben das "Augsburger Modell" übernommen: Die Mitarbeiter des Stadttaubenprojekts richten Taubenhäuser ein und pflegen sie. Und entnehmen dann die Taubeneier, um sie gegen Attrappen auszutauschen.