"Dieser Mann steht zu dem, was er sagt"

Porträt von Martin Niemöller.

Foto: imago/Sven Simon

Theologe Martin Niemöller, um 1980 (Aufnahmedatum geschätzt).

Deutschland spricht 2019
"Dieser Mann steht zu dem, was er sagt"
EKHN feiert den 125. Geburtstag von Martin Niemöller
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) beging am Sonntag den 125. Geburtstag ihres ersten Kirchenpräsidenten Martin Niemöller mit einem Gottesdienst und anschließender Feierstunde in der St. Katharinenkirche in Frankfurt. Dort wurde auch die gerade erschienene Niemöller-Biografie von Michael Heymel vorgestellt. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, hielt einen Impulsvortrag zu Niemöller und seinem Verhältnis zum Kirchentag.

Am Beispiel einer Predigt aus dem Jahr 1949 zeigte der EKHN-Kirchenpräsident Volker Jung, was Niemöller zum Predigttext 2. Mose 33,17-23 dachte und kam mit dieser Predigt ins Gespräch: Niemöllers Predigten seien nie direkt politisch gewesen, aber er selbst zog dann politische Konsequenzen in seinen Reden. So wie Moses im Predigttext nach Gottes Herrlichkeit fragt, weil das Volk sich von ihm abgewandt und das Goldene Kalb angebetet hatte, so fragte auch Niemöller, ob Gott sich nicht längst von den in die Irre gegangenen Deutschen abgewandt habe: "Daran krankt doch wohl unser ganzes kirchliches Leben, daß wir so weitermachen, als wenn nichts geschehen wäre, als wäre dieser fürchterliche Abfall, in den wir verwickelt gewesen sind, eine vorübergehende Episode gewesen."

Niemöller sei deshalb nicht müde geworden, die Mitschuld der Kirchen an den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus zu bekennen. Dazu wies Jung auf den Wortlaut des "Darmstädter Wortes" von 1947 hin, an dem Niemöller mitgewirkt hatte: "Nicht die Parole: Christentum und abendländische Kultur, sondern Umkehr zu Gott und Hinkehr zum Nächsten in der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu Christi ist das, was unserem Volk und inmitten unseres Volkes vor allem uns Christen selbst Not tut." Eine so klare und kompromisslose Weltsicht, wie Niemöller sie immer wieder vertrat, könne, so Jung, auch heute wegweisend sein.

"Gott fragt nicht, was der Frieden kosten darf"

Zum Festakt konnte Dr. Ulrich Oelschläger, aktueller Präses der hessen-nassauischen Kirchensynode, auch viele Angehörige sowie Weggefährten Niemöllers begrüßen, die ihn noch persönlich gekannt hatten. In seinem Grußwort würdigte Oelschläger den großen Einfluss, den Martin Niemöller als erster Kirchenpräsident auf die EKHN hatte: "Martin Niemöller gehört untrennbar zur Identität unserer Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Mit Niemöllers Namen verbindet sich der spezifische Aufbau unserer Landeskirche: Die Konstruktion einer komplexen Leitungsstruktur, die dem Erbe des Kirchenkampfes verpflichtet bleibt und eine Gleichschaltung wie 1939 im Keim ersticken will."

Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär sprach in ihrem Impulsvortrag "Niemöller, die Demokratie und der Kirchentag - wider eine unpolitische Kirche" über Martin Niemöller und sein Verhältnis zum Deutschen Evangelischen Kirchentag. Dazu beschreibt sie auch den unterschiedlichen Werdegang von Niemöller und dem fast gleichaltrigen ersten Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Reinold von Thadden: "Niemöller - aufbrausend und kompromisslos - und von Thadden - der geborene Diplomat, stets um Ausgleich bemüht." Beide seien sie aber "Organisationstalente und passionierte Gemeindetheologen" gewesen, was zu einer engen Zusammenarbeit führte.

"Der Plan von Thaddens, Frankfurt zur Stadt des ersten Deutschen Evangelischen Kirchentages zu machen, scheiterte - an Niemöller: Die eingeladenen Redner entsprachen nicht seiner bekenntnismäßigen Haltung," blickte Ueberschär auf die Anfänge des Kirchentages mit Niemöller zurück. Der hannoversche Landesbischof Hanns Lilje holte die "Evangelische Woche" schließlich nach Hannover - später sprach man vom ersten Deutschen Evangelischen Kirchentag. Nach Frankfurt kommt der Kirchentag dann erst im Jahr 1956 mit der Losung "Lasst euch versöhnen mit Gott". Niemöller predigte über Versöhnung: "Gott fragt nicht, was der Frieden kosten darf, sondern er zahlt den ganzen Preis - ohne mit uns ins Handeln zu kommen und ohne mit uns einen Kompromiss abzustimmen."

Laut Ueberschär zahlte Niemöller schon 20 Jahre zuvor den ganzen Preis, als er die Kirchen 1945 im "Stuttgarter Schuldbekenntnis" und 1947 im "Darmstädter Wort" zum Schuldbekenntnis bewog. Insbesondere sein Auftreten als Pazifist und "Gewissen" der Kirche -  nicht nur für die EKHN - habe Niemöller zu einem besonderen Theologen und Redner gemacht, auf dessen Spuren die Kirchentagsbesucher noch in den Hochzeiten des Kirchentages in den späten 70er und frühen 80er Jahren wandelten: "Die Kirchentage wurden zum Hotspot der Friedensbewegung und der Ostermarsch-Traditionen, die Niemöller Ende der 50er Jahre aus England mitgebracht hatte." Beim 29. Kirchentag 2001 in Frankfurt wurde die Person Martin Niemöller von den Teilnehmenden zum Thema des "Liturgischen Tages" gewählt. "Niemöller ist nicht dadurch herausragend, dass er die Dinge prophetisch erkannt, sondern dass er Entwicklungen klar analysiert und Konsequenzen ergriffen hat. Wichtiges Merkmal ist seine Angstfreiheit, die Glaubwürdigkeit seiner Frömmigkeit, die es ihm jederzeit ermöglicht hat, seine Position zu äußern, und mit ungewöhnlichem Mut auftreten zu können," begründete die Planungsgruppe.

Buch: Martin Niemöller. Vom Marineoffizier zum Friedenskämpfer

An den Gottesdiensten von Niemöller in Dahlem in den 1930er Jahren wollten so viele Menschen teilnehmen, dass die U-Bahnen schon eine Stunde vorher überfüllt gewesen und die Station "Thielplatz" mit dem Zusatz "Zum Niemöller-Gottesdienst bitte hier aussteigen" durchgesagt worden sei. "Dieser Mann steht zu dem, was er sagt," erklärte Niemöller-Biograf Michael Heymel den Andrang zu den Niemöller-Gottesdiensten. Niemöller habe gewagt, für seine Überzeugung einzustehen und in seinen Predigten Dinge angesprochen, die andere so nicht laut ausgesprochen hätten.

Mit "Martin Niemöller. Vom Marineoffizier zum Friedenskämpfer" legt Michael Heymel eine Biografie vor, die umfassender als vorhergehende Werke das Leben Niemöllers aus theologischer und zeitgeschichtlicher Perspektive nachzeichnet. Die deutsche Perspektive des radikalen Pazifisten wird dem Blick des westlichen und östlichen Auslands gegenüber gestellt, wo Niemöller als Fürsprecher des deutschen Volkes auftrat. Außerdem dokumentiert die Biografie Predigten, Reden, Vorträge und weitverzweigte Korrespondenzen des Pfarrers. Schon 2011 hatte Heymel in einer kritischen Gesamtausgabe alle 130 verfügbaren Predigten aus Niemöllers Dahlemer Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Anfangs noch den Nationalsozialisten zugetan, macht Martin Niemöller (1892-1984) eine 180-Grad-Wende durch: 1931 wird er Pfarrer in Berlin-Dahlem und Mitbegründer des Pfarrernotbundes, aus dem später die Bekennende Kirche hervorgeht. Auch nach seiner Haft in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau, wo er von 1938 bis Kriegsende als "persönlicher Gefangene Hitlers" einsitzt, bleibt Niemöller seinen Freiheitsidealen treu und ist maßgeblich am Aufbau eines neuen, demokratischen Deutschlands beteiligt. Für das Bekenntnis zur Mitschuld der Kirchen am Nationalsozialismus tritt er wieder und wieder ein.

Martin Niemöller wurde der erste Kirchenpräsident (1947-1964) der EKHN. Den Bischofstitel lehnte er damals mit Verweis auf den Führerkult der "Deutschen Christen" ab. Als Kirchenpräsident der EKHN war Niemöller auch politisch aktiv, setzte sich gegen eine "einseitige Westorientierung" und eine Wiederbewaffnung Deutschlands ein und trat bei Kundgebungen, Ostermärschen und Mahnwachen auf. Auch nach seiner Amtszeit als Kirchenpräsident engagierte Niemöller sich weiter für den Frieden in Deutschland und der Welt.