They ain't afraid in no ghost

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Foto: Katharina Payk

They ain't afraid in no ghost
Die vier männlichen Geisterjäger aus den 80er-Jahren wurden im neuen Ghostbusters-Film durch vier weibliche ersetzt. Über das Begehren der Protagonistinnen wurde viel spekuliert. Jetzt ist der Film in den Kinos und zeigt mit der Art, wie er mit Begehren und Rollenzuschreibungen umgeht, dass sich die Zeiten geändert haben.

Relativ erwartungslos ging ich letzte Woche ins Kino in das Remake der allseits beliebten Science-Fiction-Komödie Ghostbusters, in seiner ersten Fassung 1984 in die Kinos gekommen. Es sollten vier Frauen statt vier Männer sein – das war alles, was ich wusste. Und dass sie ganz viel über Geister sprechen anstatt über Männer oder andere sogenannte Frauenthemen. (Sic!) Jegliche Rezension ersparte ich mir: Es sollte ja nur zur Zerstreuung am Abend sein – was kann man schon von einem Hollywood-Blockbuster erwarten?

Regie führte Paul Feig, mit dem zusammen Katie Dippold auch das Drehbuch geschrieben hat. Die Hauptrollen spielen Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon und Leslie Jones – allesamt bekannte US-amerikanische Schauspielerinnen und Comediens.

Der Plot ist simpel: Die zwei Wissenschaftlerinnen Dr. Erin Gilbert und Dr. Abigail (Abby) Yates hatten einst ein Buch über paranormale Phänomene verfasst, das durch Abbys Zutun plötzlich wieder auf Amazon erscheint und die seriöse Teilchenphysikerin Erin ihre universitäre Karriere kostet. Der Streit zwischen den beiden Busenfreundinnen wird rasch beiseitegelegt, denn sie werden zum Geisterjagen in ein altes Schloss gerufen. Und längst ist auch Dr. Jillian Holtzmann, eine freakige Ingenieurin, die sich weder vor Nuklearenergie noch vor sonst etwas zu fürchten scheint, mit im Team. Komplettiert wird das Geisterjägerinnenquartett durch die schlagfertige U-Bahn-Arbeiterin Patty Tolan, die sich sicher ist, dass die drei ohne sie keine Chance haben, da sie die Stadt kenne wie kein_e andere_r. Die vier sind sich ihrer Sache sicher: Sie wollen mithilfe ihres Know-Hows die Stadt von Geistern befreien. Aufträge gibt es genug, schließlich hängen die Zettel bald in der ganzen Stadt: "If there's something strange in the neighbourhood …". Das Telefon im Vorzimmer der selbst eingerichteten Ghostbusters-Zentrale oberhalb eines Chinarestaurants beantwortet der völlig "unfähige" aber hübsche Sekretär – sofern es ihm gelingt, den Hörer abzunehmen. Dass ihr erster großer Auftritt bei einem Heavy-Metal-Konzert den eigentlichen Stars die Show stiehlt und die headbangenden Besucher_innen den bösen Geist feiern wie absichtlich installierte Showeffekte, ist zum Brüllen komisch. Auch eine Art, Geister zu bezwingen.

Kate McKinnon, die im realen Leben offen lesbisch lebt, spielt die Rolle der Jilian Holtzmann. Deren Forschungsanliegen, Geister mit Hilfe nuklearer Energie zu bändigen und einzufangen, erscheint äußerst passend zu ihrem Charakter: Mit voller Power, aggressiv strahlend scheint ihr nichts unmöglich, auch nicht, die eher zugeknöpfte Erin aus der Reserve zu locken. Holtzmann ist alles andere als zurückhaltend, sie gewinnt die Show mit ihrer bombastischen Ausstrahlung, die mit Inbrunst eine große Portion Queerness und Feminist Punk verkörpert. Als Zuseher_in glaubt man sich rasch sicher zu sein: Holtzmann ist lesbisch. Ihre symbolschwangeren Gestiken und flirty Blicke in Richtung Erin deuten zu 150 % darauf hin. Doch wer sich diesbezüglich mehr erhofft, verlässt das Kino unbefriedigt: Es gibt keine Liebes- oder Sexgeschichte im neuen Ghostbusters.

Auch der angedeutete Flirt zwischen Erin und dem gutaussehenden, aber tumben Gehilfen Kevin geht ins Leere. Erins Lust auf den sexy Sekretär wird innerhalb des Films nicht weiter nachgegangen: Er kriegt es noch nicht einmal mit. Eine kluge Frau auf Abwegen, so könnte man die Szenen kommentieren, in denen Erin versucht, den auf vielen Ebenen beschränkten und später vom Geist besessenen Kevin anzumachen. Da haben die schlagfertigen Sprüche Holtzmanns schon mehr Potenzial. Man wünscht sich wenigstens einen Kuss zwischen den zwei sehr unterschiedlichen Frauen. Aber dafür ist Hollywood und die Welt wohl noch nicht bereit: Offen lesbisches Begehren in einem Sommer-Blockbuster zu zeigen, ohne dass es dabei um einen fokussiert homosexuellen Plot geht. No way.

Aber eins ist klar: Wenn wir davon ausgehen, dass Erin auf Männer steht, weil sie Kevin anbaggert, dann gehen wir auch davon aus, dass Jilian auf Frauen steht, weil sie Erin anbaggert. Queer fact. Und schließlich soll es ja auch eine Fortsetzung geben.

Aber das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Film ist ja: Es geht überhaupt fast gar nicht ums Begehren der Jägerinnen. Es geht um deren Kompetenz und Leidenschaft, Geister zu jagen, um deren Zusammenhalt und Freundinnenschaft, in einer Welt, wo man ihnen ihre Fähigkeiten abspricht, wo andere (vermehrt Männer) sich mit ihren Fahnen schmücken bzw. ihre Lorbeeren einheimsen. Es geht um einen unbändigen und unerschrockenen Tatendrang, um Mut und – nicht zuletzt – um viel Humor! Jener ermöglicht es auch, das 180-gradige Umdrehen der Geschlechterrollen zu ertragen: War früher die Darstellung von Frauen als dümmliche und sexy Assistentinnen an der Seite starker männlicher Hauptfiguren vorprogrammiert, so wird sich einmal mehr genau darüber mokiert, indem der Sekretär Kevin sowohl übertrieben sexualisiert sowie frei von jeglicher Auffassungsgabe inszeniert wird. Da man bei einer Ghostbusters-Komödie grundsätzlich keinen tiefsinnigen Humor erwartet, kann man über das Unvermögen des Adonis-Assistenten zu telefonieren getrost und laut lachen.

Der Streifen besteht ohne Probleme alle feministisch-filmkritischen Tests: den bekannten Bechdel-Test, den erhellenden Sexy-Lamp-Test und den Mako-Mori-Test. Alle drei befragen Filme auf das Vorhandensein, die Darstellung und die Inszenierung weiblicher Charaktere sowie ob sie hauptsächlich oder nur in Bezug zu männlichen (Haupt-)Rollen gesetzt sind oder für sich agieren und sprechen. In der Rezeption und Ankündigung des Female-Ghostbusters-Films zeigt sich, dass er auch den Furiosa-Test bestanden hat: Misogyne Menschen rufen zum Boykott des Films auf. Der Trailer gilt als der mit den meisten "dislikes" in diesem Jahr.

Neben den Kategorien Gender und Begehren sollte auch ein Blick auf die Rollenverteilungen von Schwarzen und weißen Personen geworfen werden: Patty Tolan ist die einzige Schwarze Ghostbuster – und auch die einzige ohne Doktorgrad. Zufall? Sicher nicht. Auch wenn Pattys Stärke nicht im Geringsten hinter der von Abby, Jilian und Erin steht, fällt doch eine recht stereotype Inszenierung auf: Die Schwarze Frau ist die einzige Arbeiterin. Das war auch schon im alten Ghostbusters-Film so: Ernie Hudson, ebenfalls PersonOfColor, spielte 1984 den Geisterjäger Winston Zeddemore, der ebenfalls der einzige Nicht-Wissenschaftler im damaligen Quartett war.

Positiv fällt auf, dass die vier weiblichen Ghostbusters weder sexualisiert werden noch durch ausschließlich normierte Körperlichkeiten langweilen: nicht (nur) dünn, nicht jung, ofColor, freaky und gekleidet in die kultigen Kluften der Geisterjäger_innen bestechen sie durch Vielfalt und entgehen der Eintönigkeit der sonst im Mainstream ubiquitären Vereinnahmung durch den male gaze.

Ich hoffe auf eine Fortsetzung und wünsche bis dahin allen, die ins Kino gehen, gutes Amüsement. Für wen es möglich ist, empfehle ich, eine Vorstellung in 3D und in OV zu besuchen. So kann man die Geister und die Witze maximal genießen.

Ghostbusters, Regie: Paul Feig, USA 2016, 117 min.

Kinostart Deutschland: 04.08.2016

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